Berliner Bühnen

„Tanz im August“ - Frisch, lebendig, aufrührend

„Tanz im August“ wird 25. Zum Jubiläum hat man zahlreiche Künstler nach Berlin eingeladen, die gemeinsam mit dem Festival groß geworden sind. Wie Timo Sehgal, der als Bildender Künstler weltbekannt wurde.

Foto: Amaury Avermaete

Am Anfang war das Festival „Tanz im August“ als Entwicklungshilfe für die schmächtige West-Berliner Tanzszene gedacht. Man schrieb das Jahr 1988, die Mauer stand noch, und West-Berlin wurde zur „Kulturstadt Europas“ ausgerufen. In diesem Rahmen sollten die paar versprengten Berliner Tanzgruppen und die Tanzfabrik die Chance auf den Anschluss an internationale Entwicklungen bekommen. Das Tanzfest mit Workshops wurde ein Riesenerfolg, setzte sich fort und avancierte bald zum größten Tanzfestival Deutschlands. In diesem Jahr feiert es vom 16. vom 31. August sein 25-jähriges Jubiläum.

Szene wird immer internationaler

Das Umfeld hat sich in dem Vierteljahrhundert stark verändert. Anders als früher gibt es heute auch in der laufenden Berliner Spielzeit internationale Tanzkünstler zu sehen. Außerdem ist die Tanzfestival-Landschaft Europas viel reicher geworden. „Das Festival wurde immer internationaler. Man sieht inzwischen über Europa und Amerika hinaus. Wir sind jetzt über afrikanischen Tanz ebenso informiert wie über das, was in Asien passiert“, erklärt Bettina Masuch (48).

Neue Festival-Struktur

Für diese Saison hat sie die Festivalleitung übernommen, danach wird die Finnin Virve Sutinen zwei Jahre das Festival führen. Schon 2003-2009 war Bettina Masuch Mitglied der künstlerischen Leitung von „Tanz im August“. Im kommenden Jahr wird sie Intendantin des Tanzhauses NRW in Düsseldorf. Nicht nur die Leitung, auch die Struktur des Berliner Festivals ändert sich. Lag die Organisation lange Zeit in den Händen der Tanzwerkstatt und des Hebbel-Theaters (HAU), wird sie nun vom HAU vollständig übernommen. „Bei einem Festival dieser Größenordnung hat es keinen Sinn, mit zwei getrennten Produktionsteams zu arbeiten“, findet Bettina Masuch.

Blick zurück in die Zukunft

Zwei Programmstränge prägen die Jubiläumsausgabe des Festivals: der Blick in die Geschichte und die Suche nach neuen Perspektiven. Bettina Masuch hat einige Künstler eingeladen, die gemeinsam mit „Tanz im August“ groß geworden sind. Trisha Brown, die Pionierin des Postmodern Dance, war immer wichtig für das Festival und Berlin. Im Hamburger Bahnhof zeigt sie „Early Works“. „Sie haben keine Patina angesetzt, sind immer noch frisch, lebendig und aufrührend“, sagt die Festivalleiterin.

Auch Steve Paxton, eine Ikone des zeitgenössischen Tanzes, kommt nach langen Jahren wieder einmal nach Berlin. Er ist inzwischen weit über siebzig und hat sich bereit erklärt, sein frühes Stück „bound“, das er immer selbst getanzt hat, mit einem jungen Tänzer neu einzustudieren. Außerdem gibt es eine Wiederbegegnung mit dem Slowenen Iztok Kovac, der als Shootingstar galt, als das Festival in den Kinderschuhen steckte.

Eine Frage der Muskeln

Einige Veranstaltungen setzen sich allgemein mit der Frage auseinander: Was bedeuten Tradition und Geschichte im Tanz? Da gibt es etwa die Diskussion darüber, wie man das Wissen vom Meister an den Schüler weitergeben kann. Eine ungewöhnliche Antwort darauf hat Choy Ka Fai, der Tänzern berühmte Choreografien mit den Mitteln der Sporttherapie beibringen will. Für ihn besteht Tanz aus einer Reihe von Muskelimpulsen. Wenn man sie richtig anordnet, kann man die wichtigen Werke der Geschichte nachtanzen.

Tino Sehgal kommt wieder einmal nach Berlin. Der deutsch-britische Künstler hat inzwischen in der Bildenden Kunst Karriere gemacht und erhielt in Venedig den Goldenen Löwen. Nach Berlin bringt er nun einen großen Streifzug durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts mit. Trajal Harrell dagegen setzt sich mit der amerikanischen Postmoderne der 70er-Jahre auseinander.

Kinder- und Jugendarbeit

Der zweite große Programmstrang fragt: Was ist heute und morgen aufregend? Erstmals sind Choreografen eingeladen, die sich mit Kinder- und Jugendtanz befassen. Die Beziehungen zwischen Tanz und Bildender Kunst beleuchten unter anderem eine 40 Quadratmeter große Outdoor-Videoinstallation von David Michalek und die Ausstellung „Strut your stuff“. Vor allem aber sind bei diesem Festival junge Künstler aus Afrika und Asien zu entdecken, aus dem Kongo, Mosambik, Südafrika und Singapur.

Suche nach lokalen Wurzeln

„Neu ist, dass sie die Abgeschiedenheit der Studios verlassen und sich für die gesellschaftliche Realität ihres Landes und ihres eigenen Arbeitens interessieren“, meint Bettina Masuch. Im zunehmenden sozialen Engagement sieht sie einen Trend für die Zukunft. „Auch die Suche nach lokalen Wurzeln, das Handwerk und die Musik werden immer wichtiger“, findet die Festivalleiterin. „Junge Choreografen setzen Musik nicht mehr nur als Zitat oder Konserve ein, sondern beschäftigen sich eingehend mit musikalischen Strukturen. Außerdem wenden sie sich vom Abstrakten ab. Mit dem Tanz werden wieder mehr Geschichten erzählt.“