Die Nächte, die für viele den Sommer bedeuten, sind meist viel länger als von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang. Auf den Festivals in und um Berlin verwandeln sich Zeit und Raum in dehnbare Konstanten. Unter Bäumen, an Seen, in Heizkraftwerken, Badehäusern und auf grünen Wiesen vergisst die Hauptstadt, dass es Montage gibt. Hypnotisiert von Elektronik tanzen die einen in der Masse, während Indie-Boys und -Girls ganz für sich allein mit geschlossenen Augen den Fuß von links nach rechts bewegen. Und das Schöne ist, man muss noch nicht mal nach Roskilde oder Newport fahren. Denn diese Festivals sind höchstens eine Stunde von der Stadt entfernt. Zwei erreicht man sogar bequem per U-Bahn. Eine Übersicht.

Melt! Festival

Der Sound: Eigentlich müsste das Melt! das offizielle Festival Berlins sein. Die großen DJs der Hauptstadt, die sonst im Berghain oder sonstwo auflegen, machen sich auf die Reise dorthin. Dazu kommen Indie-Bands, die eigentlich schon Megastars sind. Besucher aus Spanien, Schweden, England und dem Rest der Welt kommen jedes Jahr nach Gräfenhainichen. Atoms For Peace, Austra, Babyshambles, Ben Klock, DJ Koze, Digitalism (DJ-Set), Ellen Allien, Ghostpoet, Hans Unstern, Modeselektor & Apparat (DJ-Set), Rummselnuff u. a.

Der Ort: Zwischen dem Absetzer Gemini und dem Raupensäulenschwenkbagger Mosquito feiern die Besucher auf den Trümmern des alten Tagebaus. Im Badesee kann man sich erfrischen.

Das i-Tüpfelchen: Die von Modeselektor kuratierte Strandbühne Melt!Selektor.

19.-21. Juli, Ferropolisst. 1, Gräfenhainichen. www.meltfestival.de. 3-Tagesticket: 119 Euro.

Jenseits von Millionen

Der Sound: Klein, verschrammelt, ein bisschen schief. Bands, die es noch nötig haben, auf sich aufmerksam zu machen, spielen hier in familiärer Atmosphäre um ihr Leben und für das nächste Bier. Messer, New Found Land, Die Liga der gewöhnlichen Gentleman, Pttrns, Trümmer, 1000 Gramm u. a.

Der Ort: In der 1235 erstmals urkundlich erwähnten Burg Friedland in der Niederlausitz haben die Bewohner schon alles gesehen - im dreißigjährigen Krieg die Schweden, die Wehrmacht im zweiten Weltkrieg, das Getreide der roten Armee danach. So geschichtsträchtig kann man nirgends feiern.

Das i-Tüpfelchen: Der Erlös des Festivals geht an das Muzanga Education Projekt, eine Organisation, die mit mobilen Schulen in Afrika Bildung auch in die entlegensten Gemeinen bringt.

2.-3. August, Lindenstr. 13, Friedland. www.jenseitsvonmillionen.de. 2-Tagesticket: 26 Euro.

Helene Beach Festival

Der Sound: Elektronisch, rockig, und ein bisschen Rap zum Arme-wippen. Das Helene Beach setzt auf bekannte Namen, es ist das Da-weiß-man-was-man-hat-Festival. Keine Überraschungen, dafür können Mama, Papa, Onkel Willy und Tante Erna mitsingen. Und in der späten Nacht legen trotzdem die Zauberer des Techno auf. MIA, Marteria, Max Herre, Madsen, DJ Koze, Ellen Allien, Royal Republik, Sven Väth u. a.

Der Ort: Am saubersten See Brandenburgs kann man noch mit glücklichen Fischen schwimmen gehen Früher wurde hier Braunkohle abgebaut.

Das i-Tüpfelchen: Die großen Schwimminseln im Wasser.

25.-28. Juli, Am Helenesee, Frankfurt/Oder. www.helene-beach-festival.de. 4-Tages-Ticket inkl. Camping: 63 Euro.

Berlin Atonal

Der Sound: 21 Jahre nachdem Dimitri Hegemann im SO36 das erste Mal den absonderlichen Krach, das experimentelle Rauschen der Einstürzenden Neubauten, Test Dept, 808 State und Psychic TV zum ersten Mal bündelte, kehrt er nun mit der Speerspitze moderner Klangforschung zurück in die Hauptstadt.. Elektronik trifft auf klassische Instrumente. Dadaistische Sprechopern werden aufgeführt. Juan Atkins & Moritz von Oswald, The Brandt Bauer Frick Ensemble, Actress, Jon Hassel Quartett, Vatican Shadow, The Glenn Branca Ensemble u. a.

Der Ort: Von 1960 bis 1964 Jahre hat das Heizkraftwerk Mitte die Menschen mit Wärme versorgt. Seit 2006 versorgt Dimitri Hegemann von dort aus mit seinem Tresor die Stadt mit Beats.

Das i-Tüpfelchen: Kein Campen, kein Schlamm, keine Ravioli. Einfach in die U8 steigen und ab nach Hause. Mitten in der Stadt trotzdem in einer anderen Welt sein.

25.-31. Juli, Kraftwerk Berlin, Köpenicker Str. 70, Kreuzberg. www.berlin-atonal.com. Tagesticket: 18-22 Euro, 5-Tages-Ticket: 100 Euro.

Greenville Festival

Der Sound: Groß und übermächtig. Egal ob elektronisch, aus den tiefen der Gitarrenwelt, oder aus den viel zu breiten Hosen der Rapper, das Greenville fährt dieses Jahr Superlative auf. Der poetische Erzengel Nick Cave und seine Bad Seeds spielen ihr einziges Festivalkonzert in Paaren. Der Wu-Tang Clan der rappenden Kung-Fu-Meister aus New York wird eingeflogen. Sogar der Mützen tragende Hauptstadt Sensai Westbam gibt sich die Ehre. Mit Bloodhound Gang, Tocotronic, Thees Uhlmann, Katzenjammer, Frittenbude, Bonaparte, Kaiser Chiefs, Atari Teenage Riot, Efterklang, Gentleman, Sophie Hunger, Captain Planet u. a

Der Ort: Fünfzehn Kilometer vor Berlin, zwischen den Bäumen des Havellands, bei der Kirche St. Nikolai in Paaren im Glien, ist das Greenville ein beschauliches Zusammentreffen im Grünen.

Das i-Tüpfelchen: Anders als durch den triefenden Geruch alter Fritteusen besticht das Greenville durch eine frisch, regional und bio ausgerichtete Verpflegung.

26.-28. Juli, Paaren im Glien, Schönwalde-Glien. www.greenvillefestival.com. Tagestickets: 45 Euro; 3-Tagesticket inkl. Camping: 99 Euro.

Berlin Independent Night

Der Sound: Für alle die glauben, für den Schmerz der Welt und jeder verflossenen Liebe würde ihnen der gute alte Indie-Rock einen dreieinhalb Minuten langen Song schenken, gibt es keinen schöneren Klang als einen d-Moll-Akkord über den ein rumpelnder Bass mit einer nicht ganz perfekten Stimme von der Auflösung des eigenen Ichs erzählt. Mit Kettcar, Shout Out Louds, Herrenmagazin, Urban Cone, We Invented Paris, Magic Arm u. a.

Der Ort: In Friedrichshain und Kreuzberg in den Clubs, in denen die Bands noch spielen, bevor sie richtig groß werden. Im Astra, Bi Nuu, Lido, Festsaal Kreuzberg, Badehaus Szimpla und Cassiopeia

Das i-Tüpfelchen: Die ungarischen Obstbrände (Pálinkas) Wildkirsche, Waldbeere, Tokajer Trester und Pfirsich mit Honig im Badehaus Szimpla.

28. September, Friedrichshain und Kreuzberg. www.krasserstoff.com/karreraklub. Tagesticket: 20 Euro.