Liederabend

Nina Hagen preist nun Brecht im Berliner Ensemble

Nina Hagen liebt es, Botschaften zu verkünden – seit vier Jahren die des Evangeliums. 2009 hat sie sich taufen lassen. Nun bringt sie ein Brecht-Programm auf die Bühne. Wir sprachen mit ihr.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berliner Morgenpost: Frau Hagen, es ist momentan kein Brecht-Jubiläum in Sicht. Warum jetzt dieser Abend?

Nina Hagen: Ich bin permanent in Kontakt mit Brecht. Erst neulich haben wir vor dem Berliner Ensemble eine Telefonreklame gedreht. Da habe ich beim Brecht-Denkmal auf dem Schoß gesessen. Außerdem will ich schon lange einen Brecht-Abend machen, wo alte und neue Brecht-Schüler auftreten. Jetzt machen wir das einfach.

Sie glauben an Gott. Für Brecht war Religion eher ein kulturgeschichtliches Phänomen. Passt das zusammen?

Nehmen wir die „Dreigroschenoper“. Da heißt es schon im Morgenchoral von Jeremiah Peachum: „Wach auf, du verrotteter Christ.“

Ist das nicht ironisch gemeint?

Klar, aber die Intention ist christlich. Bibelzitate findet man bei Brecht überall. Erst vor kurzem ist in Augsburg Brechts erstes Theaterstück uraufgeführt worden, das er mit 15 in einer Schülerzeitung veröffentlicht hat. Es heißt „Die Bibel“. Für mich ist Brecht ein König, genau wie Jesus. Er macht uns Mut, gute Dinge zu tun.

Was wird beim Brecht-Abend zu hören sein?

Lieder und Texte aus seinem ganzen Lebenswerk. Und dann werden wir ihm noch eine kleine Szene schenken – das Contergannetzwerk und ich. Da Brecht schon 1956 gestorben ist, hat er diesen Skandal ja nicht mehr mitbekommen.

Die Veranstaltung heißt „Lieder-zur-Klampfe-Abend“.

Das ist nur eine Hausnummer. Ein paar Lieder werden auch auf dem Klavier gehackt. Das ist ja auch ein Instrument mit Saiten. (lacht) Brecht hat die Überschrift „Lieder zur Klampfe“ selbst verwendet – auch deshalb wollte ich den Abend so nennen. Die „Dreigroschenoper“ ist natürlich für eine Big-Band geschrieben. Wir wollen das runterfahren und die Songs so präsentieren, wie wir sie zu Hause in der Küche singen. Einige klingen ganz bluesig.

Und wer steht auf der Bühne?

Mein Gitarrist Warner Poland, mein Keyboarder Fred Sauer. Und dann kommt noch der Siggi Gerlich, der meine Mutter (Eva-Maria Hagen) und Marie Biermann am Klavier begleitet. Die beiden singen auch. Das soll ja keine Nina-Alleinveranstaltung werden.

Wenn man sich die „Dreigroschenoper“-CD anhört, die Sie 1998 mit dem Ensemble Modern aufgenommen haben, dann staunt man, wie anders die altbekannten Songs klingen. Wird das im BE auch so sein?

Ich singe, wie ich singe – da bin ich völlig angstfrei. Bei der „Dreigroschenoper“ habe ich damals einen Augenblick gezögert, weil das eine Sopran-Partie war und ich bin höchstens Mezzo. Aber da hat mir mein Ziehvater Wolf Biermann Mut gemacht, indem er mir erklärt hat, dass Brecht gar keine perfekten Sänger wollte. Wenn da mal was verkrächzt klingt in den höchsten Tönen, ist das egal. Hauptsache man versteht den Text.

Das Besondere an Ihrer Art zu singen ist, dass es immer ziemlich weit nach oben und nach unten geht.

Das ist meine Gabe und auch mein Wesen. Und zu den Liedern passt es. Brecht hat sich doch Verfremdung gewünscht. Ich mache das gern. Das ist so, als wenn man bestimmte Textzeilen fett drucken würde.

Und Brecht tritt an dem Abend als Marionette auf?

Die macht aber nichts. Die kommt einfach zu Besuch aus dem fernen Amerika. Das Publikum darf sie anfassen. Es soll ein sehr familiärerAbend werden – wie „Wetten, dass…“, aber besser.

Nina Hagen: Interaktiver Brecht-Lieder-zur-Klampfe-Abend, Samstag, 22. Juni, 20Uhr und Sonntag, 15. September, 19.30Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1 (Mitte)