Theaterberufe

Was Worte nicht erzählen

Die Berliner Künstlerin Rebecca Riedel ist auf Bühnenvideos spezialisiert, etwa am Maxim Gorki Theater, wo sie für die Bühnenfassung von Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ arbeitete.

Ein Zug überrollt das Kind des Bahnwärters. Wie soll man so ein Unglück ohne abgegriffene Theatermittel auf die Bühne bringen? Der Regisseur Armin Petras wollte den Höhepunkt des Stücks „Bahnwärter Thiel“ nicht inszenieren – aber auch nicht auslassen. „Also sind wir mit den Schauspielern ein paar Tage aufs Land gefahren und haben einen Film gedreht“, erzählt die Videokünstlerin Rebecca Riedel. „Natürlich nicht einfach ein Zugunglück, sondern einen düsteren Film mit fantastischen Bildern. Da wird es ganz psychedelisch im Kopf des Bahnwärters.“

Mit filmischen Mitteln kann man Theatersituationen ganz neu erfinden. Rebecca Riedel stellt auch das Innenleben der Bühnenfiguren dar, ihre Erinnerungen, Wünsche und Fantasievorstellungen. Sie kann eine Parallelhandlung zeigen oder das Minenspiel des Schauspielers und wichtige Details vergrößern. „In München habe ich bei ‚Bauern sterben‘ den Bühnenraum stark erweitert“, erklärt sie. Ganz hinten auf der Bühne brachte sie Projektionsflächen an, als Fenster in die Welt.

Rebecca Riedel ist seit acht Jahren auf Bühnenvideos spezialisiert. Wie die meisten ihrer Kollegen arbeitet sie freiberuflich für verschiedene Theater. Im Berliner Maxim Gorki Theater hat sie eine künstlerische Heimat gefunden. Für Juni bereitet sie Videos für „Der Hofmeister/Der Hals der Giraffe“ und das szenische Konzert „Alles verändert sich – Songs for Revolution“ vor.

Übergänge zwischen Film und Theater

Die Videokünstlerin findet es besonders wichtig, fließende Übergänge zwischen Film und Theater zu schaffen. Sie lässt die Handlung von der Leinwand auf die Bühne überspringen. Farben und Formen aus ihren Filmen tauchen auf der Bühne auf, Versatzstücke aus den Kostümen finden sich im Video wieder. Schauspieler machen Gesten, die live auf die Leinwand übertragen werden, oder sie sprechen auf der Bühne die Texte der stummen Filmfiguren. Bei „Bahnwärter Thiel“ arbeitete Rebecca Riedel mit Schattenspielen, die zum Teil live hergestellt wurden. Film-Schatten kombinierte sie mit den Schatten der Schauspieler. Dazu mussten die Kostüme so entworfen werden, dass sie interessante Silhouetten mit scharfen Konturen an die Wand warfen. Die Darsteller mussten lernen, den Kopf nicht zu schnell zu bewegen.

Rebecca Riedel findet es auch spannend, filmische Mittel ins Theater zu übertragen, etwa die Wischblende beim Übergang zwischen zwei Szenen zu simulieren. Video und Bühne werden dann nicht gemeinsam, sondern nacheinander aus- und wieder eingeblendet. Grundsätzlich ist es den Videokünstlern auf der Bühne immer zu hell und den Beleuchtern zu dunkel. Rebecca Riedel sieht allerdings Probleme gern als kreative Herausforderungen. „Einmal habe ich einen hellen Fleck ins Video eingearbeitet, aus dem heraus die Schauspieler angeleuchtet wurden“, meint sie. So konnte der „störende“ Scheinwerfer dunkel bleiben.

Ausbildung zur Videokünstlerin

Zum Theater wollte die Frankfurterin eigentlich immer. Ende der achtziger Jahre erlebte sie als Teenager erstmals eine Theater-Video-Performance der New Yorker Wooster Group. „Diese fantastische, neue Art, mit dem Bühnenraum umzugehen, hat mich umgehauen“, erinnert sie sich. Trotzdem machte sie erst einmal eine Lehre als Modistin und begann dann, Mode und Kostümbild zu studieren. Bald wechselte sie an der Universität der Künste Berlin zur Visuellen Kommunikation mit dem Schwerpunkt Experimentelle Bildgestaltung. Sie etablierte sich in der Bühnenvideoszene, während ihre Kommilitonen freie Videokünstler, Kameramänner oder Fernsehredakteure wurden. Rebecca Riedel wurde Mitglied von Superschool und gründete das Duo Riedel & Ulfig. „Als Bildende Künstlerin arbeite ich auch, aber momentan sehe ich das mehr als Hobby“, sagt sie.

Wenn sie mit dem Regisseur über eine neue Produktion gesprochen hat, sammelt sie erst einmal Material zum Thema: Filme und Fotos, Bilder aus Magazinen, Videoclips aus dem Internet. „Ich versuche eine Kollektion zusammenzustellen, aus der ich später schöpfen kann. Bei den Proben beginne ich mit dem assoziativen Einspielen von Material, aus dem sich der ganze Probenraum inspirieren lassen kann.“ Dann zeigt sich, in welche Richtung sich die Produktion entwickelt, was die Videokünstlerin auswählen, bearbeiten oder neu drehen will. „Man muss sich kleine Dinge ganz groß vorstellen können“, sagt Rebecca Riedel. Auf dem Computer wirken die Filme ganz anders als im Theatersaal. „Ein großes Videobild ist so mächtig, dass man automatisch hinsieht. Das ist nicht immer gewollt. Auch der Schnittrhythmus wirkt oft zu hektisch und muss verlangsamt werden.“

Film-Tradition im Theater

Schon in den 20er-Jahren setzte man filmische Mittel im Theater ein, sehr erfolgreich und aufwendig, etwa auf der Piscator-Bühne. In den letzten Jahrzehnten ist die Videokunst im Theater und in der Oper immer üblicher geworden. Das hängt auch mit der Entwicklung der Technik zusammen. Kameras und Beamer werden immer besser, kleiner und preiswerter. „Als ich anfing, gab es nur die altmodischen Videomischer, mit denen man bestenfalls zwischen zwei DVDs hin- und herwechseln konnte. Heute kann ich alles am Computer programmieren und steuern.“

Auch die Theater haben sich auf die bewegten Bilder eingestellt. Früher mussten Ton- oder Beleuchtungsmeister die Videos betreuen. Heute gibt es an vielen Häusern eigene Videoabteilungen mit Videotechnikern, Beamern und Leinwänden. „Eine Zeit lang wurden Videos recht inflationär eingesetzt, da stellte jeder eine Videokamera auf die Bühne“, findet Rebecca Riedel. „Inzwischen befindet sich die Kunstform aber wieder auf einem guten Weg. Der Umgang mit den faszinierenden Möglichkeiten des Bühnenvideos ist viel präziser geworden.“