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Suhrkamp und Berlin - eine erfolgreiche Partnerschaft

Dem renommierten Suhrkamp Verlag hat der Ortswechsel gut getan. Berlin hat es möglich gemacht, dass man aus dem Schatten des großen Vorgängers heraustreten konnte.

Foto: Alexander Rüsche / dpa

Dass es staatstragend werden würde, das war zu erwarten. Die Gästeliste zur Eröffnung des neuen Standorts des Suhrkamp Verlags im Januar 2010 ließ politisch gesehen nichts zu wünschen übrig: Altbundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU), Staatsminister Bernd Neumann (CDU), Wolfgang Thierse (SPD), Bernhard Vogel (CDU), Gregor Gysi (PDS) und Heiner Geißler (CDU) und Christina Weiss (parteilos). Und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ordnete den Moment gleich noch mit großen Worten historisch ein: Mit dem Umzug nach Berlin werde der Hauptstadt auch etwas wiedergegeben, das ihr die Nationalsozialisten genommen haben, sagte er. Nichts weniger als die deutsche Geistesgeschichte nämlich.

Überhaupt hatte dem Verlag in den vergangenen Jahren das Bombastische nicht gefehlt. Der Streit um das Erbe des Verlags, der nach 2002 mit Siegfried Unselds Tod begann, wurde in der Branche bald die „Lindenstraße“ genannt – wie die nie enden wollende Fernsehserie und wie auch die Adresse des Verlags in Frankfurt am Main.

Der Umzug nach Berlin nun, der sollte dieses Epos beenden. Und ein neues beginnen. Folglich wurde auch die Eröffnung der neuen Verlagsräume im ehemaligen Finanzamt an der Pappelallee in Prenzlauer Berg mit allem Pomp, dessen man habhaft werden konnte, gefeiert. Über diesen Umzug sei mehr diskutiert worden als einst über den der Bundesregierung, erklärte Ulla Unseld-Berkéwicz zur Begrüßung. Der Verlag werde ja fast als volkseigen betrachtet.

Ausgebürgertes Wohnzimmer

Doch das Staatstragende des Beginns, das war bald vergessen. Und die Geschichte von Berlin und Suhrkamp hat etwas Leichtes bekommen. Es sind Berlin-Bücher dazugekommen wie beispielsweise „Lost and Sound –Berlin, Techno und der Easyjetset“. Tobias Rapps Geschichte über den Club „Berghain“.

Es gab nämlich auch noch eine andere Eröffnung, mit der Suhrkamp in Berlin debütierte: die des schillernden Suhrkamp Pop-up-Stores in der Linienstraße, dessen Innenleben durch die ausgestellten Bücher in allen Spektralfarben leuchtete. Die Regale hat natürlich Rafael Horzon, Designer und Autor und außerdem Nachbar, geschaffen.

Ein „ausgebürgertes Wohnzimmer“ hatte es werden sollen, und die Idee hat funktioniert. Einen Sommer lang fand die Berliner Literatur- und Theoriediskussion fast ausschließlich in dem Regenbogenladen statt. Mit Lesungen, farblich passendem Aperol Spritz und DJs bis in die Nacht. Die „dringend benötigte intellektuelle Aufwertung“ Berlins, schrieb damals Autor Ulf Porschardt.

Natürlich gab es auch noch eine dritte, sehr viel exklusivere Eröffnung des Hauses in Nikolassee, um die jetzt der Streit geht. Dort, in der Villa an der Rehwiese nämlich, wollte Ulla Unseld-Berkéwicz ihren Salon führen. Auch der sollte eine besondere Bereicherung für Berlin werden. Der Verlegerin gelänge es nämlich, so schrieb es ein Eingeladener, trotz großer Namen auf der Gästeliste, eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen, der alles Aufgesetzte abginge.

Näher an den Autoren

Berlin also hat es gut getroffen in diesen ersten Jahren mit dem Suhrkamp Verlag. Auch dem Verlag, so sagt man in der Branche, habe der Ortswechsel sehr gut getan. Berlin hat es möglich gemacht, dass man aus dem großen Schatten des großen Vorgängers heraustreten konnte.

Auch wenn nicht alles in der Entwicklung von allen begrüßt wurde, so ist man doch nun näher an den Autoren dran. Die, die gerade das Programm des Verlags prägen nämlich, leben fast alle in Berlin – zumindest zeitweise.

Sibylle Lewitscharoff, zum Beispiel, oder Rainald Goetz, Detlef Kuhlbrodt, Volker Braun oder Christoph Hein. Judith Schalansky hat es für ihr großartiges Buch „Der Hals der Giraffe“ übrigens seinerzeit gar nicht erst in Betracht gezogen, dass es in einem anderen Verlag als Suhrkamp erschiene.

Übrigens hatte Wowereit recht. Suhrkamp stammt gewissermaßen aus Berlin. Denn der in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegründete S. Fischer Verlag ist ein Berliner Unternehmen. Er ist eine der Wurzeln des 1950 von Peter Suhrkamp gegründeten Suhrkamp Verlags. Nur bei Verlagsgründung, da war das Gehirn der Republik eben Frankfurt. Das aber hat sich inzwischen längst geändert.

Die Pappelallee wird übrigens immer noch als Provisorium angesehen. Der endgültige Standort im Nicolaihaus in der Brüderstraße in Mitte wird weiterhin geplant, aber gerade nicht ganz so aktiv. Momentan hat man bei Suhrkamp anderes zu tun, als sich mit einem neuen Umzug zu beschäftigen.