Berliner Band

Wie die Spree Me and My Drummer ein neues Album bescherte

Vor einem Jahr haben wir die Band Me and My Drummer zu Neuen Helden erklärt. Jetzt haben wir sie erneut in Neukölln besucht, um zu schauen, ob das noch immer stimmt. Sie können von ihrer Musik leben.

Foto: Sinnbus Records

Eigentlich viel zu kalt, um draußen zu sitzen. Acht Grad. Die Vögel zwitschern und so ein paar finstere Gestalten verkaufen dies und das aus den Gebüschen der Hasenheide heraus. Ein BMW-Fahrer hat gerade einen Fahrradfahrer angefahren. Die Polizei nimmt Personalien auf. Matze trinkt Kaffee. Charlotte möchte eine Maracuja-Schorle, kriegt aber eine mit Mango. Die Kinder der Sonntagsbruncher sausen die Rutsche in der Spielecke herunter.

Matthias Pröllochs und Charlotte Brandi sind die Band Me And My Drummer. Charlotte ist „Me“, und Matthias ist der Drummer. Sie wohnen seit 2010 in Neukölln. Letztes Jahr haben sie ihr erstes Album „The Hawk, The Beak, The Prey“ herausgebracht. Und überall wurde gesagt, die sind jetzt das neue Ding schlechthin.

Weil ihre Platte so unheimlich reduziert war. Weil Charlotte so schön durchdrehend zu Klavier und Synthesizer singt und Matze am Schlagzeug genau das tut, was gute Schlagzeuger eben tun: auf den Punkt spielen, sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängen, wie es Gitarristen gern tun. Zehn Songs haben sie uns gegeben. Kleinode, die Menschen die Augen schließen lassen, die sie im Rascheln der Nachtmusik den Tag vergessen lassen. Wir haben sie letztes Jahr zu unseren neuen Helden ausgerufen. Und jetzt schauen wir eben, was aus den Helden geworden ist.

Cool trotz Flaum an den Wangen

Matthias, dieser junge Typ, der noch Flaum an den Wangen hat, der so schlank und wach unter seinem Blond hervorschaut, ging gestern noch die Songs für das Konzert im Heimathafen durch. „Ich nicht,“ meint Charlotte. Ein bisschen hat sie was von Patti Smith. Nicht von der Jetzt-Patti-Smith, sondern von der Früher-Patti-Smith. Dem irre coolen Girl mit zerzaustem Haar, das sich von Chicago nach New York aufmacht, um Künstlerin zu werden. Charlotte und Matthias kamen aus Tübingen.

Das Konzert wird relativ aufregend für sie. Sie spielen zur Hälfte neues, unveröffentlichtes Material. Ein Lichttechniker wird ihren Songs eine neue Optik verpassen. „Testlauf“ nennt Matthias das. Eine Überarbeitung der Show. Bis zum nächsten Jahr soll aus diesen neuen Songs ein zweites Album wachsen. Es wird ein visuelles Gesamtkonzept entwickelt. Art Work. Bühnenoutfit. Musikvideo. Alles aus einem Guss. Musik, Optik und Inszenierung.

So macht man das, wenn man Visionen hat. Me And My Drummer haben allein letztes Jahr in zehn Ländern gespielt. In der Slowakei, Tschechien, England, sogar in Island waren sie. In Prag kommen dann wirklich schon 400 Menschen, um sich ihre Club-Show anzuschauen. Zu einem Konzert in ihrer neuen Heimat Berlin sind es 800.

Es muss ein großer Schmerz sein

Zwischen den Schorlen und Kaffees, fast vom Glucksen eines Kindes am Nebentisch übertönt, spricht Charlotte nun Worte aus, vor denen man tiefe Ehrfurcht empfinden sollte, von deren Ehrlichkeit das Gegenüber zunächst ungläubig zusammenzuckt. „Es ist ein großer Schmerz, sich der künstlerischen Identität zu stellen. Das tut richtig weh. Mindestens ein Jahr steht man total nackt und unsicher vor dieser Welt.“ Gerade noch sprechen wir davon, dass in Berlin ja jeder Künstler sein will und sich so nennt. Und dann kommen diese Sätze.

Die Entscheidung, Künstler zu sein, isoliert Charlotte zunächst von ihren Freunden. Weil vielleicht auch die denken, Künstler sein, heißt Bier trinken und große Pupillen haben, also verantwortungslos und selbstverliebt sein. Matthias teilt diese Ängste. Aber er arbeitet als Organisator. Kümmert sich um den Ablauf der Konzerte, hat den Proberaum organisiert. Die Angst, die bei Charlotte zur gesellschaftlichen Furcht wurde, wird bei Matthias zu einer produktiven Kraft.

Die Spree hat es nicht vergurkt

Wir wollen nicht weiter von den Ängsten reden. Lieber von Flüssen. An ihrem Proberaum, weit draußen ist der, im alten Funkhaus an der Nalepastraße, fließt die Spree vorbei. Die Band hatte sogar direkten Blick auf das Gewässer. Lang hielt diese Zeit nicht. Aufgrund einer Lärmbeschwerde müssen Me And My Drummer den Raum bald wieder wechseln.

Sie schreiben innerhalb von fünf Tagen sieben Skizzen für das neue Album. Es ist schon erstaunlich. Da zieht es junge Menschen aus Tübingen nach Berlin, und ausgerechnet ein Fluss, nach dem ein Wald und Gurken benannt sind, dient als Katalysator ihrer Kreation.

Verzichtet das Duo auf „The Hawk, The Beak, The Prey“ gänzlich auf Gitarren, geben sie sich für die Zukunft offener. Die Synthesizer, das Klavier wird erweitert. Beide experimentieren mit verschiedenen Instrumentierungen. Der Proberaum dient als tonales Versuchslabor. „Mit der Gitarre stehe ich gerade ganz am Anfang. Die Zeit schenkt uns gerade den Luxus, in Ruhe einfach vorzudenken“, sagt Charlotte. Sie probieren sich aus. Das ist eine Zeit, die sich Matthias und seine Sängerin und Instrumentalistin erarbeitet haben. Durch Konzerte, durch den Verkauf der Platten, können sie nun ihr Leben finanzieren.

Cool trotz Flaum an den Wangen

Dabei vermisst Charlotte einen gewissen existenziellen Zwang. „Wir leben hier so verwöhnt. Vollkommen im Überfluss.“ Charlotte glaubt, dass durch fehlende Not und Dringlichkeit, eine künstlerische Ernsthaftigkeit verloren gehen könnte. Weil das Künstlerdasein eben keine Passion im ursprünglichen Sinne mehr ist, sondern als Hobby für die, die eh schon Miete bezahlen können, weil sie auf Sicherheit getrimmt sind.

Durch ihre grünen Augen schauen wir tief in einen Menschen hinein, der bereit ist, sehr viel für seine Kunst zu geben. Wir sehen ein selbstbewusstes, starkes Grün, das eine Runde weiter will. Das von Listen der Band des Jahres 2012 den nächsten Schritt gehen will. Sie müssen weiter. Noch was fürs Konzert vorbereiten. Noch mal Proben. Adieu und auf Wiedersehen.. Auch Matthias‘ Augen leuchten grün an diesem Nachmittag.