Vier schwarze riesige Förderbänder. Aus der schwarzen Tiefe des Unterbodens transportieren sie mächtige Wachsblöcke in die Höhe, die aussehen wie metzgergroße, blutrote Fleischklumpen. Von hier aus fallen sie krachend auf einen amorphen (Fleisch)Berg. Es knallt und ein Besucher springt hastig zur Seite. Durch die Wucht des Aufpralls und die Wärme verändert sich der Haufen, er wird größer. Kunst kann ganz schön laut sein und gewaltig, jedenfalls die von Anish Kapoor.

Hoch oben über allem thront eine ebenso rote Sonnenscheibe. Allerdings strahlt sie nicht, sie hat in ihrer Größe eher etwas Bedrohliches. Mit dieser Arbeit bezieht sich Kapoor auf Malewitschs Oper „Sieg über die Sonne“. Seine „Symphonie für die Sonne“ könnte kaum deutlichere Symbole wählen an einem historischen Ort wie dem Gropius-Bau – in unmittelbarer Nähe zur Topographie des Terrors und zur ehemaligen Mauer. Man darf über diese Arbeit streiten, die einen finden sie pathetisch, die anderen einfach bildstark.

Kapoor hat es immer vermieden, seine Werke zu deuten. „Ich habe nichts zu sagen“, kommentiert er seine Arbeit. Diesen Satz wiederholt er jetzt im Gropius-Bau, das ist natürlich kokett. Doch auch Understatement ist eine Botschaft.

Kapoor legte steile Karriere auf dem Kunstmarkt hin

Der Londoner Künstler (59) mit den indischen Wurzeln hat in den letzten Jahren eine ziemlich steile Karriere hingelegt. Er gehört zu den reichsten Künstlern auf dem Markt, die Preise für XXL-Skulpturen liegen teilweise bei über einer Millionen Euro.

Er arbeitet längst nicht mehr allein, sondern führt mit etwa 20 Leuten einen „Meister“-Betrieb, wo gefräst, modelliert und poliert wird. Bereits 1990 vertrat er das Königreich bei der Biennale in Venedig. Ein Jahr später wurde er mit dem Turner-Preis geadelt. Noch ein Jahr später erhielt er die Einladung zur Weltkunstschau Documenta in Kassel.

Wenn es heute um die Bespielung von öffentlichen Plätzen geht, ist Kapoor gefragt. Immerhin 110 Tonnen polierten Stahl verarbeitete er in der „Bohne“, eine gigantische Installation für den Millenium-Park in Chicago, in der sich die Hochhauskulisse wundersam verkleinert spiegelt.

Erfolgreichste Schau eines zeitgenössischen Bildhauers

Schon klar, dass Mr. Kapoor auch zur Olympiade in London im vergangenen Jahr den Zuschlag erhielt. Nun schraubt sich sein 115 Meter Meter hoher, roter „Arcelor Mittal Orbit“ wie eine Looping-Bahn in den Himmel.

2009 präsentierte er sein Werk in der Royal Academy, 300.000 Besucher pilgerten dort hin. Bislang die erfolgreichste Schau eines zeitgenössischen Bildhauers. Von Kapoor stammt übrigens auch der Altarblock in der Unterkirche der Dresdner Frauenkirche.

Nun bespielt er mit 70, teilweise extra für den Ort entworfenen Werken das gesamte Untergeschoss und den Lichthof des Gropius-Baus. Eine Premiere in Deutschland und eine gewaltige Aufgabe, mit Tradition. Schon Joseph Beuys hatte 1982 im Lichthof eine „Werkstatt“ ausgestellt mit dem Titel „Hirschdenkmäler“.

Kapoor sprengt den klassischen Begriff von Skulptur

Natürlich ist Kapoor ein Inszenator, der raffinierte Effekte kalkuliert. Genau das macht ihn populär. Seine Formensprache ist deutlich. Zumal er den klassischen Begriff von Skulptur sprengt. Seine Arbeiten bewegen sich sehr spielerisch an der Grenze zur Malerei, in ihrer Bewegung nähern sie sich oft dem Performativen oder beziehen im Raum gar die Architektur mit ein.

Was ihn so unverwechselbar macht, ist die Bandbreite seiner Arbeiten. Im Gropius-Bau etwa sehen wir die sich schön weiß aus der weißen Wand wölbende weibliche Rundung mit dem Titel „When I am Pregnant“.

Etwas schlaff (mit Luft gefüttert) wächst und quetscht sich der überdimensionierte „Leviathan“, ein gestrandetes Seeungeheuer gleich durch drei Räume hindurch. Hunderte Meter von brauner PVC-Plane wurden hier verarbeitet. Oder die metergroße Glocke aus Wachs, die von einer kreisenden Schneide ganz, ganz langsam dezimiert wird. So, als würde Zeit ablaufen.

Faible für Spiegel aller Güte und Größe

Am bekanntesten dürfte „Shooting into the Corner“ sein. Da steht eine Kanone, funktionstüchtig zumindest für Farbkugeln, die regelmäßig „gestopft“ wird, alle zwanzig Minuten einen Klumpen an die Wand feuert. Ohrschützer stehen zur Verfügung. Zum Ende der Ausstellung dürfte der Raum ein einziger, riesiger Blutpfropfen sein.

Auch die frühen Arbeiten sind zu sehen, der tiefe Blick ins schwarze, pudrige Nichts in „Decent into Limbo“. Ein Loch im Boden, ausgefüllt mit schwarzen Pigmenten. Wir fragen uns, wie tief eigentlich in den Museumsboden gebohrt wurde. Das bleibt im Vagen. Überhaupt scheinen diese Pigment-Arbeiten, eine Hommage an seine indische Heimat, das sublime Gegenbild zu den oft monströsen Wachsarbeiten zu sein.

Darunter auch die „Wunde“ von 1988, in Stein geschlagene „Narben“ werden mit roten Pigmenten verklebt. Ein Faible hat der Londoner zudem für Spiegel aller Güte und Größe, konvex oder konkav, führen sie uns vor Augen, dass unsere Welt eine ziemlich wackelige Angelegenheit ist.

Manchmal überwältigt alleine die schiere Größe, doch Volumen allein muss nicht immer Qualität bedeuten. Einige Wachsarbeiten mutieren derart gefräßig in den Raum hinein, dass man Angst bekommt, der Künstler wird irgendwann einmal vom eigenen Material erschlagen.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mi-Mo 11-19 Uhr. Bis 24. November. Katalog: 34 Euro. TV: „Die Welt des Anish Kapoor“. arte, 19. Juni, 19 Uhr