Weltkunstausstellung

Die Documenta 13 zeigt sich extrem bio

Die Documenta beginnt. Hunderte Künstler aus 55 Ländern präsentieren sich in Kassel. Morgenpost Online hat sich bereits umgeschaut

„Lady Gaga der Documenta“, so wird Carolyn Christov-Bakargiev von einigen Kasselanern genannt. Das ist böse, aber verstehen muss man diese Leute auch. Was ist zu halten von einer Documenta-Chefin, die Erdbeeren das Wahlrecht zugesteht? Oder wenn sie im Fridercianum, dem Herzstück der Schau, Luft durch eine Halle blasen lässt. Viel Wind um Nichts? Nun ja, ihr Job als Leiterin der Documenta, der mächtigen Weltkunstausstellung, ist wirklich kein einfacher. Das liegt vor allem daran, dass die Globalisierung Einzug gehalten hat und mit ihr Kriege und Katastrophen, dabei unsere Welt nicht mehr so einfach zu erklären ist, wie vielleicht noch vor 20 Jahren.

Und weil das so ist, hat sie einfach aufgehört in Kategorien zu denken. Bei ihr hängt einfach alles mit allem zusammen. Ein Konzept für die Documenta? Will sie nicht. Kunst ist für sie, wenn Öko-Feministinnen mit Architekten zusammenarbeiten, oder Philosophen mit Apfelzüchtern. Und schließlich haben für sie Tiere die gleiche Berechtigung wie wir Menschen. Klar, Bodenkontakt ist bei ihren theoretischen Kapriolen nicht unbedingt ihre Stärke.

Doch hat sie für die Documenta 13 so ziemlich alles möglich gemacht – und lässt doch vieles auch offen und disparat. Da gibt es einen Kräutergarten mit „nicht kapitalistischen Öffnungszeiten“, ein nebulöses Dschungelcamp, wo Kastanien den Weg durchs Gestrüpp markieren oder eine ausführliche KZ-Dokumentation. In einem afrikanischen Flüchtlinszelt wird Couscous und Tee gereicht. Alles sehen und verstehen? Unmöglich. Wir führen Sie zu Künstlern, Tieren, Orten, die Sie auf dem Parcours keinesfalls verpassen sollten.

So viel Hund war nie

CCB (kurz für Carolyn Christov-Bakargiev) ist bei dieser Documenta wirklich auf den Hund gekommen. So viel Hund war nie wie auf dieser Weltausstellung. Das mag daran liegen, dass sie ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Malteser Darsi hat. Er ist so etwas wie ihr drittes Auge, und so fragt sie sich, wie Darsi eigentlich die Welt sieht – und was Kunst eigentlich für ihn bedeutet. Und aus dieser Frage wurde kurzerhand in der Karlsaue der „Dog Run“ des Künstlers Brian Jungen. Eine Spielwiese für Vierbeiner und „ihre Menschen“. Ohne Hund hat der Zweibeiner gar keinen Eintritt. Einige Spielzeuge im Grünen sehen kurioserweise so aus wie die ikonischen Stühle von Mies van der Rohe.

Eine Tierärztin ist mit Peggy und Erika hier. „Ich bin ja Naturwissenschafterin, aber hier verstehe ich plötzlich, dass Kunst und Natur eins sind.“ Für Hundehalterin Rosemarie Kriegel ist klar: „Endlich mal nichts Abartiges, sondern etwas normales und lebendiges. Wir wollen doch, dass es unseren Hunden gut geht.“ Apropos: in der Aue wurden zwei Kläffer gesehen, einer mit einem rosa Bein, meint ein Kollege. Der Künstler Pierre Huyghe hat die Windhunde ausgesetzt. Und ja, einen Hundekalender gibt auch, CCB hat ihn in Auftrag gegeben. Künstler durften ihren Schnauzer fotografieren lassen.

Auf Meilenstiefeln unterwegs

Eins muss man CCB lassen, auf dieser Documenta kommt man rum in Kassel wie nie zuvor. Sie holt vergessene Orte wie das verfallene Hugenottenhaus und den 50er Jahre-Ballsaal eines Grand-Hotels aus dem Dornröschenschlaf. Das ist Stadtgeschichte und Archäologie mit den Mitteln der Kunst. Und selbst Kasselaner müssen lernen, wie groß ihre Karlsaue wirklich ist. Die Wanderung zwischen den mehr als zwei Dutzend in der Aue aufgestellten und ökologisch korrekten Kunst-Holzhäuschen ist eine abenteuerliche Schnitzeljagd zwischen Matschpfützen und Büschen, von einer Überraschung zur nächsten.

Die Karte hilft nur bedingt weiter. Irgendwann am Rande des Parks, an einer Lichtung, dort, wo er am wildesten ist, entdecken wir einen maroden Campingwagen mit Plunder davor. Ein Domizil für Liebesdienste? Bei CCB weiß man schließlich nie, wo Kunst aufhört. Im urigen Campingding sitzt George Bures Miller, trinkt ein Bierchen mit einem Kumpel. Hier drinnen stapeln sich schwarze Soundmaschinen, soll eigentlich keiner sehen. Draußen in der Dämmerung zwischen den dichten Bäumen rauscht und donnert es gewaltig. Hysterisches Lachen. Chorgesänge. Vogelzwitschern.

Abstieg mit Bauhelm

Für die nächste Station brauchen wir einen Bauhelm für den Abstieg ins kühle Tunnellabyrinth unter dem Weinberg im Zentrum der Stadt. Hier wurde einst Bier gebraut, später dienten die Schächte dem Luftschutz. Das Video von Allora & Calzadilla zeigt eine Musikerin, wie sie auf einem Jahrtausende alten Geierknochen sehr melodisch spielt. Laut Forschung das älteste Instrument der Menschheit, das in einer Höhle in Süddeutschland gefunden wurde. Ein stolzer Adler hört ihr zu. Wie alt ist der Homo sapiens eigentlich? Wir befinden uns in einer merkwürdigen Zeitkapsel.

Glocken aus ungebranntem Ton

Die herrlichen Weinbergsterrassen – man sieht von hier rüber die ganze Stadt – sind wie der Aufstieg zu archäologischen Grabungsstätten. Ein reicher Fabrikant hatte hier einst seineherrschaftliche Villa auf dem Hügel. Von den Gebäuden stehen heute nur noch die Ruinen des verfallenen Gewächshauses. Zwischen den Blüten und Steinen liegen Requisiten aus einer verlorenen Zeit. Skurrile Figuren, eine Weltkugel, Knochen in XXL, Zahnräder und riesige Glocken aus grauem ungebrannten Ton– das passt bestens zum Charme des Morbiden. Grabplatten des Museums für Sepukralkultur liegen dazwischen. Auch Adrián Villar Rojas rissige Skulpturen sind vergänglich, irgendwann wird der Regen sie auslöschen.

Tote Fliegen aufgesockelt

Da gucken wir gleich zwei Mal hin. Pratchayan Phinthos hat zwei tote Tsetsefliegen herrschaftlich in einer Vitrine aufgesockelt, als wären es Mehrkaräter von Millionenwert. Ein fruchtbares Weibchen und der sterile Gemahl, wie man lesen kann. „Sleeping sickness“ beschäftigt sich mit der epidemischen Schlafkrankheit in weiten Teilen Afrikas, sie werden durch diese Insekten übertragen. Der 38-jährige Künstler arbeitet nun an einfachen und billigen Fallen, mit denen die Tsetsepopulation überwacht und begrenzt werden kann.