Als Kritikerin des Bayreuther Festspielbetriebs ist sie bekannt: Nike Wagner (67), Urenkelin von Richard Wagner und Ururenkelin von Franz Liszt, hat sich zuletzt beim Kunstfest Weimar einen Namen als Festspielleiterin gemacht. Ab 2014 wird sie aller Voraussicht nach Intendantin des Bonner Beethovenfestes werden, in der kommenden Woche wird sie dem Aufsichtsrat des Musikfestes vorgestellt. Aufgewachsen ist sie in Richard Wagners Haus Wahnfried in Bayreuth, sie hat über Karl Kraus promoviert und gilt als streitbare Publizistin. Katharina Fleischer sprach mit ihr über die Allgegenwärtigkeit des Komponisten, dessen 200. Geburtstag am 22. Mai gefeiert wird, und die Probleme, ein Nachfahre zu sein.

Berliner Morgenpost: Frau Wagner, was ist an Ihnen wagnerianisch?

Nike Wagner: (lacht) Auf jeden Fall nicht die Nase! Tendenziell fühle ich mich eher mit Franz Liszt verwandt. Er ist nicht so gewalttätig wie die Wagners. Ein großzügiger Charakter und immer Europäer. Wagner war zwar auch enorm europäisch, hat sich dann aber zum Inbegriff eines deutschen Meisters gemacht. Liszt blieb international und kosmopolitisch. Das sind Züge, die ich auch bei mir bemerke. Ich habe bisher fast nur im Ausland gelebt. Die gewisse Heimatlosigkeit, die bei Franz Liszt deutlich ist, darf ich auch für mich verbuchen. Nur Klavierspielen wie Liszt kann ich nicht. Aber das kann wohl keiner.

In welchem Alter oder bei welchem Ereignis wurde Ihnen bewusst, dass Sie eine Nachfahrin Richard Wagners sind?

Ich bin im Haus Wahnfried in Bayreuth aufgewachsen, mein Vater Wieland war Festspielleiter. Die Musik Wagners war immer da, die Proben und Aufführungen im Festspielhaus immer zugänglich. Da gab es nie einen plötzlichen Erkenntnisschub, Wagner war selbstverständlich. Was freilich nicht heißt, man hätte ihn auch verstanden.

War es Alltag, war es etwas Bedrückendes oder gar Auserwähltes: Welche Bedeutung wurde dem Werk Ihres Vorfahren zu Hause beigemessen?

Wagner und Bayreuth waren für meine Eltern die Lebensaufgabe. Da gab es die innere Gebundenheit an Wagner und den dynastischen Auftrag. Alles drehte sich um den Festspielbetrieb und um die größtmögliche Perfektion auf der Bühne. Als Kind dachte ich oft, mein Vater möge Wagner nicht. Ich konnte nur seine Strapazen mit Wagner erkennen.

Wollten Sie sich jemals von dem vorgegebenen Weg der Wagner-Nachfahrin distanzieren?

Nein, das war nie meine Absicht, warum auch? Die größte Distanz, die ich als Jugendliche geschafft habe, war meine Entscheidung, nicht zu den Wagner-Festspielen zu gehen, sondern nach Ansbach, zu den Bach-Festspielen. Sie dürfen nicht vergessen: meine Identifikation mit der Theaterrevolution meines Vaters war sehr hoch. Und diese war der Ausdruck seines Abstands von der braunen Vergangenheit Bayreuths. Alles schien also in Ordnung. Erst sein früher Tod, ich war einundzwanzig, hat zur Loslösung von Bayreuth geführt. Onkel Wolfgang übernahm das Festspielregime, wir konnten die Miete für Wahnfried nicht zahlen, bald wurde das Haus zum Museum umgestaltet. Die „Diaspora“ meiner Familie begann.

Doch Sie haben einen Weg weg von Bayreuth gefunden. Sie leiten seit zehn Jahren das Kunstfest Weimar.

Ja, mit großer Freude. Weimar passt zu mir. Ich habe ja Literatur studiert und mich auch in den anderen Künsten umgetan. Die Vielseitigkeit der kulturellen Vergangenheit hier ist äußerst reizvoll. Deshalb habe ich auch ein Viel-Sparten-Programm für mein Kunstfest entworfen. Hier muss ich mich auch nicht auf einen Komponisten festlegen, sondern kann ein buntes musikalisches Programm gestalten. In Weimar bin ich autonomer als ich es in Bayreuth gewesen wäre. Und darauf kommt es doch an, oder?

„Wir brauchen kein Wagner-Jahr“ lautet eine Ihrer Aussagen. Warum eigentlich nicht?

Weil Wagner international durchgesetzt und ein Kassenmagnet ist. Alle großen und alle kleinen Opernhäuser haben Wagner im Repertoire. Hinzu kommt, dass es bereits Unmengen von Publikationen zu Leben und Werk gibt. Warum noch so viele weitere? Weil der Kulturbetrieb es befiehlt? Jede Zeit hat ihren Wagner, zugegeben, aber Neues gibt es nicht zu sagen. Außerdem finde ich es allmählich langweilig, immer nur über den Charakter Wagners herzuziehen.

Würden Sie sich eine von der Person losgelöste Betrachtung seines Werkes wünschen?

Das ist wiederum nicht so einfach. Romantiker bringen nun mal ihr Ich ins Werk, Wagner ist ja nicht Bach. Seine Biografie bleibt eng mit seinem Werk verbunden, aber doch nicht in der Weise, dass es Lebenssituationen „spiegeln“ würde. Die Werke sind hochkomplex, dort erscheinen die persönlichen Leidenschaften und Konflikte transformiert, verschlüsselt, bewältigt. Mich würde es mehr interessieren, wie die Rausch- und Drogenwirkung der Musik eigentlich zustande kommt. Das kann auch die Musikwissenschaft nicht erklären.

Sehen Sie sich denn als Botschafterin, seine musikwissenschaftliche Behandlung mehr in den Vordergrund zu rücken?

Die Musikwissenschaftler sind eine strenge Zunft, deren Sprache man erlernen muss. Mit meinem bisschen Klavierspiel komme ich da nicht weiter. Ich schreibe auch nicht über innermusikalische Probleme. Mich interessiert Wagner als gesamtgesellschaftliches Phänomen. Er war ja bekanntlich nicht nur Musiker, sondern ein Dramatiker, der auf alle Gebiete des geistigen Lebens ausstrahlte.

Wenn Sie sich mit Wagner befassen und Vorträge zu seinem Werk halten, stehen Sie dann als Wagner-Nachfahrin oder als Wissenschaftlerin vor dem Publikum?

Das liegt im Auge des Betrachters. Eingeladen und rezipiert werde ich sicher als Urenkelin Richard Wagners. Dagegen ist nichts zu sagen. Nur muss man der erhöhten Aufmerksamkeit nachher auch etwas bieten. Für mich heißt das: nur selten aus dem Nähkästchen plaudern, sondern Interessantes über Wagner sagen. Einfach einen guten Vortrag halten.