Tanz

Der Sündenfall im Technoclub Berghain

Das Staatsballett Berlin eröffnet heute mit der Uraufführung von „Masse“ die neu eingerichtete Halle am Berghain. Die Musik stammt von drei DJs und das Bühnenbild von Malerstar Norbert Bisky.

Foto: Amin Akhtar

Wenn sie von dem Ballettprojekt erzählt, würden alle ähnlich reagieren: „Was, in diesem Nachtklub?“ Choreografin Nadja Saidakova sagt es kokett. Denn natürlich sind „alle total neugierig, fast aufgeregt“, wenn sie hören, dass Ballett auf Techno trifft.

Zu dem ungewöhnlichen Künstlerteam gehört auch der Berliner Malerstar Norbert Bisky. „Die Leute fragen sofort, was genau machst du da, kommst du da jetzt immer rein, kannst du uns mitnehmen“, sagt er lachend: „Es ist ein legendärer Ort, wo jedes Wochenende ganz viele Leute darauf warten, reinzukommen. Ob Sao Paulo, Madrid oder New York, viele Leute wissen, was Berghain ist.“

Der Taxifahrer kennt sich aus

Ein halbe Stunde zuvor nickt der ältere Berliner Taxifahrer nur stumm, als er „zum Berghain“ hört. Er hält mitten in Berlin, am Wriezener Bahnhof, tagsüber ist es eine steinerne Einöde. Dort vorn sei der Eingang, meint er, und bis hierher stehen die Leute. Und da links bekämen die Wartenden schon mal was zu trinken. Er kennt sich mit den Ritualen des Nachtlebens aus. Aber heute Abend wird sich das Premierenpublikum schon deutlich früher einfinden, eleganter gekleidet sein als die Partygänger, und außerdem einen anderen Eingang benutzen müssen, nämlich den Haupteingang des früheren Heizkraftwerks. Dort wird das mysteriöse Tanzstück „Masse“ uraufgeführt.

Industrieruinen werden regelmäßig bespielt

Die Begegnung von Techno und Hochkultur in Industrieruinen ist etwas ganz Typisches für Berlin. Im früheren Technoclub im E-Werk inszenierte in den Neunzigern schon Katharina Thalbach Mozarts „Don Giovanni", im Heizkraftwerk Mitte, gleich nebenan vom „Tresor“, machte die Staatsoper im letzten Jahr ein zeitgenössisches Opernspektakel. Das Aufeinandertreffen von Ballett und Techno ist dennoch etwas Besonderes, denn der Spitzentanz lebt von Schönheit und Präzision, Techno von der Ekstase, dem Ungehemmten.

Drei Choreografen, drei DJs

„Der Club steht für eine wahnsinnige Professionalität, sonst gäbe es ihn bei dieser Schnelllebigkeit in Berlin schon längst nicht mehr“, sagt Bisky: „Das Berghain steht für eine große Liebe zur Kunst. Bildende Künstler wurden von Anfang an mit einbezogen.“ Über einer Bar hängen Bilder von Wolfgang Tillmanns, Marc Brandenburg hat einige Fenster gestaltet. Für das Staatsballett Berlin ist es bereits das zweite Projekt mit dem Berghain. Das Staatsballett stellt die Tänzer und drei Choreografen, vom Berghain kommen die DJs und das Know-how. Aber diesmal soll das Kunstprojekt alle Dimensionen sprengen.

Ein Ort der Diskretion

17 Meter hoch ist die neu erschlossene „Halle am Berghain“, der Club bespielt die andere Hälfte. Party und Hochkultur bleiben schon deutlich getrennt im Berghain. Im Kulturteil der Industrie-Kathedrale machen sich gerade einige Handwerker daran, Sicherheitsgeländer zu installieren. Das Publikum wird über wilde Treppenumwege zu den Plätzen geführt. Rund 500 Zuschauer sitzen auf einer steilen Tribüne.

Seit zwei Jahren schon wird vom „Kubus“ gesprochen, einem Veranstaltungsraum, den die Berghain-Macher planten, nachdem sie das einstige Ost-Berliner Gebäude vom Stromriesen Vattenfall abgekauft hatten. Hinter den Mauern begannen Gespräche mit Berliner Kulturinstitutionen und Kulturpolitikern, man hörte mal dieses und jenes, aber die Clubbetreiber Michael Teufele und Norbert Thormann hüllten sich traditionell in Schweigen. Das Berghain lebt davon, ein Ort der Anonymität, der Diskretion zu sein.

Dieses Denken widerspricht allerdings diametral dem Kulturdenken unserer Zeit. Alle wichtigen Einrichtungen von Philharmonie, den drei Opernhäusern bis hin zur Museumsinsel tun alles, um ihre Türen weit aufzureißen und das große Publikum herein zu locken. Das Berghain dagegen lebt von der Verschlossenheit. Erst wenn der Türsteher überwunden ist, bewegt sich der Besucher über Nacht in einem geschützten Raum.

Kleine Version eines großen Traums

Die Geheimnistuerei gehört zum Clubleben, ist allerdings der Tod jeder öffentlichen Kunst. Der Kubus ist tot, es lebt die Halle am Berghain. Aber sie ist nur noch die kleine Version eines großen Traums. Der fiel angeblich den hohen Stahlpreisen zum Opfer, denn einiges in dieser Industriehalle hätte statisch umgebaut werden müssen – jetzt ist nur ein Teil bespielbar. Darüber hinaus kündigte der Musikrechteverwerter, die Gema, eine Tarifreform an, was für die Partyhochburg ein neues Gebührenrisiko darstellt.

Nicht zuletzt wurde in Berlin der Umsatzsteuersatz von gemäßigten 7 auf die normalen 19 Prozent erhöht. Da half es auch wenig, dass Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz den Machern für den Umbau 1,25 Millionen Euro aus einem Sonderfonds angeboten hatte, was wiederum zu Streitigkeiten mit anderen Klubs geführt hätte. Wegen der Wettbewerbsverzerrung. Die Macher zuckten zurück. Jetzt wird die kleine Halle eröffnet. Noch weiß keiner, was folgen wird. Die Premiere plus zehn Vorstellungen sind bereits ausverkauft.

Die Halle als künstlerischer Freiraum

„Es gibt ganz viele vergleichbare Industriehallen weltweit, aber gerade in Berlin gibt es die Orte, wo die Macher versuchen, den Zustand mit all seinen Zerbröckelungen festzuhalten. Anderswo wird es mit Pinsel und Hammer kaputtsaniert“, sagt Bisky: „Unser Projekt ist ein grundlegendes Beispiel dafür, was in Berlin möglich ist. In der Stadt kann man so viele unterschiedliche Künstler zusammen holen und sie ohne viele Vorgaben etwas machen lassen. Diese Halle ist ein Freiraum.“

Modelle des Zusammenlebens

Norbert Biskys Bühnenbild ist pechschwarz, auf der rechten Seite steht ein in die Bühne eingeschlagener Bus mit der verschmierten Aufschrift „be Berlin“. Ein Sündenfall? Der Titel lautet „Masse“. „Über mehrere Schritte sind wir zum Bus gekommen. Es ist der Ort einer Schicksalsgemeinschaft“, sagt Bisky: „In jeder Großstadt verbringen die Menschen zusammen viel Zeit in Fortbewegungsmitteln wie Bussen. Berlin ist ja eigentlich eine kleine Stadt.“

Aber der Trend gehe in Richtung Megastädte. Also geht es für ihn in dem dreiteiligen Tanzabend um „Modelle des Zusammenlebens, der Zusammenballung“. Nadja Saidakova hat vor allem „die Geschichte der Katastrophe interessiert, wie es zu dem kaputten Bus kam. Aber auf jedes Ende folgt ein Anfang.“

Romantische Industrieruine

Ein bisschen Schöpfungsgeschichte steckt in dem Ganzen, womöglich will sich das Berghain spiegeln. „Jeder bringt seine Gedanken mit“, sagt Bisky: „Es geht um Katastrophe, Untergang, andere denken, aha, der Bus steht jetzt schon zwanzig Jahre da, wieder andere sehen es als eine Art romantische Landschaftsmalerei mit Industrieruine.“ Welcher Künstler will sich schon festlegen lassen. Außerdem, so Bisky, liebe er das Ballett auch, „weil es ohne Worte, ohne Gequatsche auskommt.“

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