Das hat es noch nie gegeben bei der Lola. Dass ein Vater gegen seinen Sohn antritt. An diesem Freitag, bei der 63. Verleihung im Berliner Friedrichstadt-Palast, tritt aber genau dieser Fall ein.

Der 71-jährige Michael Gwisdek, Berliner Urgestein und seit 45 Jahren fest im Geschäft, ist als bester Nebendarsteller für den grandiosen Berlin-Film „Oh Boy“ nominiert. Der 29-jährige Robert Gwisdek, der seit einigen Jahren mit Macht ins Kino drängt und schon jetzt seinem Vater ernsthafte Konkurrenz macht, für „Das Wochenende“, wo er seinen Film-Vater Sebastian Koch gehörig provoziert.

Es bedurfte großer Überzeugungsarbeit, beide zu einem gemeinsamen Gespräch zu treffen. Am Ende haben sie aber doch zugesagt.

Der Vater kommt mit Basecap, der Sohn mit Wollmütze. Beide müssen erst noch eine quarzen. Sie sind beide Kettenraucher. Da fällt der Apfel schon mal nicht weit vom Stamm. Und auch körpersprachlich sind sie sich manchmal überraschend ähnlich.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie von Ihrer Nominierung erfahren?

Robert Gwisdek: Mein Vater rief mich morgens an und fragte: Weeßte, wer für den deutschen Filmpreis nominiert ist? Und ich sagte: Nee. Und er: Na, ick.

Michael Gwisdek: Er musste sich dann erst mal eine halbe Stunde mit mir freuen. Dann erst habe ich ihm gesagt, ich werde ihn wahrscheinlich nicht kriegen, die Konkurrenz ist stark.

Robert Gwisdek: Dann hat er gesagt, dass ich auch nominiert bin. Ich saß bei meinem Bäcker, wo ich morgens Kaffee trinke, und war noch gar nicht sortiert. Ich war schwer verblüfft.

Michael Gwisdek, Sie waren ja schon ein paar Mal nominiert.

Michael Gwisdek:Und man lernt auch, wenn man so lange dabei ist wie ich, an den Dingern vorbeizuschlittern. Man lernt da, wie man sich gegen Enttäuschungen wehrt. Das ist eine Erfahrung, die Robert noch nicht gemacht hat. Wenn am Ende ein anderer Name genannt wird, entfleucht einem am Ende aus Versehen, dagegen kann man nichts machen, ein ganz kleines „Scheiße“. Dann ist auch wieder gut.

Wie fühlt es sich diesmal an?

Michael Gwisdek: Ich habe nicht mit der Nominierung gerechnet, war aber natürlich erfreut. Wird ja auch Zeit, habe ich gedacht, verdient hätte ich ihn ja, ob jetzt für „Oh Boy“ oder einen anderen Film, ist mir egal; bei gefühlten 69 Jahren Spielerfahrung war die eine oder andere Nebenrolle dabei, bei der man kein schlechtes Gewissen haben muss. Aber ich habe gelernt, die Dinge nacheinander zu fühlen: Der zweite Gedanke war, was ist jetzt mit Robert? Da kommen dann die Vatergefühle, alles für meinen Sohn. Wir haben in vielem im Leben ein freundschaftliches Konkurrenzverhalten, wir haben beide unsere Ehrgeize. Alle wollen jetzt ein Foto von uns haben, wie wir mit Fäusten aufeinander losgehen. Wir haben uns aber entschlossen, die Sache ernst zu nehmen und abzuwarten. Kann ja auch sein, der Name Gwisdek fällt überhaupt nicht.

Wie ist das, gegeneinander anzutreten? Ist das ärgerlich, weil die Freude getrübt wird?

Michael Gwisdek: Mir reicht das schon, dass ich einsehen muss, dass Robert die Lola verdient hätte. Ich wills aber nicht übertreiben und sagen, ich möchte sie nicht haben. Ich will die schon. Und ich bin überzeugt, wenn Robert so alt ist wie ich, hat der fünf so ’ne Dinger zu stehen. Und ich habe noch gar keinen zu stehen.

Robert Gwisdek: Ich freue mich wenn es mein Vater wird genauso. Mein Vater hätte es auf jeden Fall verdient. Falls wir den bekommen und nicht Ernst Stötzner, dann teilen wir uns den. Mein Vater baut ja viel auf seinem eigenen Grundstück und hat so eine Kappsäge. Da sägen wir den Preis einfach durch. Und wessen Name unten drauf steht, der kriegt das untere Teil.

Michael Gwisdek: Nee, nee. Das ist erstens eine Bandsäge. Und zweitens sägen wir den ganz fein in der Mitte von oben nach unten durch. So wie man Autos durchschneidet. Das hat den Vorteil, dass wir beide das Ding dann an die Wand hängen können. Das wird die einzige Lola, die hängt.

Robert Gwisdek: Ernst Stötzner tut mir ein wenig leid, weil alle jetzt mit dieser Vater-Sohn-Geschichte beschäftigt sind. So was gab es ja bislang noch nicht, dass zwei direkt in derselben Kategorie antreten. Und wird’s wahrscheinlich auch nicht mehr geben.

Michael Gwisdek: Aber es ist halt so: Robert kriegt den in zwei, drei Jahren sowieso für Regie oder für Drehbuch. Das prognostiziere ich an dieser Stelle schon mal. Und ich muss jetzt noch so lange spielen, bis ich die Lola kriege. Das gehört einfach zu meinem Lebenslauf, dass ich als Gründungsmitglied der Akademie auch den Ehrgeiz habe, so ein Ding zuhause stehen zu haben. Aber ich habe da noch ganz viel vor. Und mein Sohn hält mich auf Trab, der mag keine Rentner zuhause.

Das klingt jetzt so, als gebe es schon ein gemeinsames Projekt?

Robert Gwisdek: Über ungelegte Eier reden wir nicht.

Michael Gwisdek: Der macht mit jüngeren Leuten, ich mit älteren Leuten. Man wird sehen, was da so rauskommt.

Beraten Sie sich gegenseitig, etwa in Ihrer Rollenwahl?

Michael Gwisdek:Nee.

Robert Gwisdek: Da sind wir zu dickköpfig.

Michael Gwisdek: Ich bin ja stolz, dass Robert es bisher durchgehalten hat, alles zu tun, sein eigenes Ding zu machen. Natürlich ist es schwierig, nicht nur mit dem Vater, sondern auch mit der Mutter, Corinna Harfouch, in Verbindung gebracht zu werden. Er wollte sich in den letzten 30 Jahren ja noch nicht einmal mit mir fotografieren lassen. Er wollte immer sein eigenes Ding machen, nicht diese Vater-Sohn-Scheiße. Das finde ich eigentlich gut. Das fand ich nicht immer gut, aber ich habe gelernt, es zu akzeptieren. Und im Nachhinein sehe ich ein, dass das richtig war. Nur jetzt bei der Lola, da habe ich ihm klar gesagt, da kommt er nicht drum herum. Und das macht mich schon auch stolz, dass er sich jetzt für ein Foto neben mich stellt.

War das anfangs schwierig, immer auf die Eltern angesprochen zu werden? Hatten Sie sich mal überlegt, eventuell einen Künstlernamen anzunehmen?

Robert Gwisdek: Nein. Ich habe mir ja so eine zweite Geheimidentität aufgebaut. Die haben mir ja auch ein schönes Erbe verschafft.

Michael Gwisdek: Außerdem gabs ja schon mal so eine berühmte Dynastie, die Kelly-Family. Wir sind schon ein Familienverbund, aber eben mit eigenem Kopf.

Wie war das bei Ihrem Vater?

Michael Gwisdek: Ich musste gegen den Willen meines Vaters Schauspieler werden. Der wollte, dass ich seine Kneipe übernehme. Und konnte nicht glauben, dass ich nicht sein Werk übernommen, sondern was besseres werden wollte. Der hat mir richtig gedroht, ich musste das vor ihm geheim halten.

Robert Gwisdek: Er hat dich doch sogar angespuckt.

Michael Gwisdek: Nicht angespuckt, vor mir ausgespuckt. Als mein Name dann das erste Mal in der Zeitung war, hat er das ausgeschnitten, machte eine Kneipentour und hat jedem gezeigt: Hier, mein Junior!

Und schneiden Sie jetzt auch Artikel über Ihren Sohn aus. Oder wie äußert sich der Vaterstolz bei Ihnen?

Michael Gwisdek: Da ist der Vaterstolz, klar. Aber im normalen Sinne bin ich kein guter Vater. Meine Konzeption war nicht, Kinder dahin zu erziehen, wo ich sie haben wollte. Sondern ließ die Kinder neben mir aufwachsen. Die konnten sich schon was abgucken, mussten dann aber selber entscheiden. Dennoch gab es da nie eine Problemphase. Ich musste da nicht einmal eingreifen.

Robert Gwisdek: Hast du gut gemacht.

Sie haben nie rebelliert gegen Ihren Vater?

Robert Gwisdek: Gestritten haben wir uns schon.

Michael Gwisdek: Das ging schon an die Kante. Aber das war nie ein prinzipielles Problem, wie mit meinem Vater, dem ich unbedingt was beweisen musste. Robert musste mir nie was beweisen. Natürlich hat er den Ehrgeiz, mich zu besiegen. Und er hat immer noch ein Problem, dass ich beim Tischtennis gewinne. Noch gebe ich den Löffel nicht ab, da will ich gewinnen. Er lässt aber auch nicht locker und will seinen Vater schlagen.

Robert Gwisdek: Der Sommer ist da. Bau die Platte auf.

Robert, Sie haben ja schon als kleines Kind bei Filmen Ihres Vaters mitgespielt. War Ihnen das in die Wiege gelegt worden oder haben Sie dagegen rebelliert?

Robert Gwisdek: Lustigerweise habe ich mich dagegen lange gewehrt. Ich habe das eigentlich nur getan, um mal ein guter Regisseur zu werden, der seine Schauspieler versteht. Und um die Schule abbrechen zu können. Ich hab die in der elften Klasse abgebrochen, weil ich kein glücklicher Schüler war. Das konnte man studieren, ohne Abitur zu haben.

Michael Gwisdek: Wenn man von der Schule weg will, kommt man ja auch am Vater nicht vorbei. Er sagte damals aber: Er will abbrechen, weil er was lernen will. Und weil er an der Schule nicht das lernt, was er lernen möchte. Er hat den Lernquotienten durch den Schulabbruch wesentlich erhöht und sich mit den Dingen beschäftigt, die ihn wirklich interessiert haben. Und wo ihm die Schule im Weg stand. Das war ein schlagendes Argument. Da sagte ich: Brech ab. Hätte er nur mal bummeln wollen, hätte ich ihm in den Arsch getreten. Bis jetzt hat er eigentlich alles richtig gemacht. Ich glaube, ich kann mich jetzt so langsam zurückziehen. Jetzt muss ich aber mal aufhören, dich zu loben.

Wie bereiten Sie sich jetzt auf den Freitag vor? Macht man sich da Stichworte, nur für den Notfall?

Michael Gwisdek: Meine Erfahrung ist: Keine Dankesrede. Raufgehen, vor den Kollegen stehen, den Moment genießen und sagen, wie man sich fühlt. Oder unten sitzen, kurz „Scheiße“ denken. Kann auch sein, dass ich Robert eine runterhaue, wenn er ihn kriegt...

Robert Gwisdek: ... und ich gehe dann bewusstlos zu Boden.

Michael Gwisdek: Aber das ist dann eben spontan, nicht abgesprochen.

Robert Gwisdek: Wir haben uns abgesprochen, dass wir nichts absprechen werden.

Wenn Sie ihn beide nicht kriegen, können Sie ja auch zusammen „Scheiße“ sagen und sich gemeinsam betrinken.

Michael Gwisdek: Dann ist auch gut. Morgen geht es dann wieder um Korea oder um Uli Hoeneß.