Pergamon-Museum

Megacity Uruk - die Stadt, in der alles begann

Vor 5000 Jahren war Uruk die erste Großstadt der Welt. Nun hat sie in Berlin ihre erste große Ausstellung. Neben archäologischen Funden beeindrucken 3D-Rekonstruktionen monumentaler Lehmziegelbauten.

Foto: Markus Schreiber / AP

Den besten Blick hat man von der Mauer, seiner Mauer. Von hier kann man in beide Räume sehen. Fast über die gesamte Breite des einen erstreckt sich ein Gemälde, das die Ruinen der Stadt Uruk zeigt. Auf der anderen Seite erheben sich die Hochhäuser von Hongkong: zwei Megacitys. Vor 5000 Jahren blühte die eine, die andere gehört zu den größten Städten der Gegenwart. Auch sie, irgendwann, nur noch ein riesiger Schutthügel.

Welterfolg der Archäologen

„Steig doch hinauf, auf der Mauer von Uruk wandle umher,/ die Fundamente beschaue und das Ziegelwerk prüfe.“ Das rät eines der ältesten Literaturdenkmäler der Menschheit, das Gilgamesch-Epos. Seinen Namen hat es von seinem Helden, dem Erbauer der Mauer von Uruk. Im Pergamonmuseum wird diese von einem Tempelfundament vertreten, das die Räume mit den beiden Monumentalbildern trennt: einer der Höhepunkte der Ausstellung, die heute eröffnet wird.

„Uruk – 5000 Jahre Megacity“ heißt das Unternehmen, das wie die Pergamon-Schau 2011 oder die Amarna-Schau 2012 an Welterfolge deutscher Archäologen erinnert. Im November 1912 setzten Julius Jordan und Conrad Preusser im Auftrag der Deutschen Orient-Gesellschaft am Hügel von Warka im Südirak ihre Spaten an.

Bis heute folgten rund 40 Kampagnen, noch immer hält das Deutsche Archäologische Institut (DAI) die Grabungslizenz. So stammen die Objekte meist aus dem Vorderasiatischen Museum Berlins und Beständen des DAI. Wichtige Ergänzungen haben Paris, London und Oxford beigesteuert. Erhoffte Exponate aus dem Irak blieben aus.

„Uruk-Welt-System“

Uruk ist die Stadt, in der alles begann. Für die Bewohner Mesopotamiens entstand erst die Stadt, dann folgte die Menschheit. Ohne die Bedeutung von Uruk ist das nicht zu verstehen. Man hat sogar von einem „Uruk-Welt-System“ gesprochen.

Hier stehen wir vor den frühesten urbanen Leistungen: Uruk war politisches Zentrum, Wirtschaftsmotor, Zufluchtsort und Wesen einer Gottheit. Hier entstanden Bürokratie, Organisation, Arbeitsteilung und Dienstleistung, desgleichen Monumentalarchitektur, Großplastik und die Geschichte. Denn in Uruk formte sich wahrscheinlich auch die Schrift und mit ihr Literatur, Wissenschaft und das Nachdenken darüber, was das menschliche Wesen ausmacht.

Die Grafik eines 15 Meter langen Bohrkerns in der Ausstellung macht die Dimensionen deutlich. In ihm lassen sich die Spuren menschlicher Besiedlung bis ins frühe 4. Jahrtausend vor Christus ablesen. Eine ganze Epoche der Menschheit ist nach dieser Stratigrafie benannt, die Uruk-Zeit. Beginnend etwa um 3900 bis 3100 misst man die Chronologie nach den Kulturschichten Uruks.

Erst fünf Prozent der Stadtfläche erforscht

Bis schließlich im frühen 3. Jahrtausend ein König, womöglich Gilgamesch, eine 11,5 Kilometer lange Festungsmauer um die 5,5 Quadratkilometer große Stadtanlage zog, in der bis zu 50.000 Menschen gelebt haben mögen. „Drei Quadratmeilen und eine halbe, das ist Uruk“, heißt es im Gilgamesch-Epos. Erst im zweiten Jahrtausend sollte Babylon ähnliche Dimensionen erreichen.

Erst fünf Prozent der Stadtfläche sind erforscht. Viele Fragen sind allenfalls mit hypothetischen Annäherungen zu klären. Wahrscheinlich ist Uruk Ergebnis eines dramatischen Klimawandels. Im 4. Jahrtausend fiel das Zweistromland zunehmend trocken.

Statt weiterhin in verstreuten Dörfern zu leben, rückten die Menschen zusammen. Damals lag Uruk noch am Euphrat, die Reste zweier Tempeltürme lassen vermuten, dass auf beiden Seiten des Stroms Städte entstanden, deren Götter sich schließlich eine Stadt teilten.

Die Ausstellung präsentiert zahlreiche Zeugnisse des Fernhandels und der Luxusproduktion, mit der sich eine gesellschaftliche Elite von der Mehrheit der Bewohner absetzte. Ihre Daseinsberechtigung zog diese Oberschicht aus der Fähigkeit, die immer komplexer werdende Bewässerung zu organisieren und für die Verteilung der Erträge zu sorgen.

Ihr wichtigstes Hilfsmittel wurde die Schrift. Man kann ihre Evolution als Mittel zur Organisation komplexer werdender Wirtschaftsabläufe verfolgen. Es begann mit Zahlen und Zeichen für einzelne Gegenstände, die in Listen zusammengefasst wurden.

Massenhaft hergestellte Keramikgefäße wurden zunächst gestempelt, bald aber mit Rollsiegeln markiert, die zahlreiche Informationen enthielten. Man hat sie als „unpersönliche Kontrollmittel“ beschrieben, was einiges über die wachsende Arbeitsteilung aussagt. Als die schlichten Formen der Informationsspeicherung erschöpft waren, war es nur noch ein kleiner Schritt zur Schrift. Allein in Uruk wurden Tausende von Keilschrifttafeln entdeckt.

Historische Klitterung mit eindrucksvoller Botschaft

Die Ausstellung im Pergamonmuseum gibt sich alle Mühe, diese antike Megacity den Besuchern näherzubringen. So wurde eine Tempelhalle bildlich rekonstruiert, ein Film bietet einen Flug über das südliche Babylonien und endet in Uruk.

Bevor man die Ausstellung am Ende der berühmten Prozessionsstraße von Babylon im Vorderasiatischen Museum betritt, trifft man auf den historischen Gipsabguss des „sechslockigen Helden“, der einen Löwen im Arm hält.

Die Aufstellung des monumentalen Abgusses, dessen Original im Pariser Louvre steht, macht deutlich, welche Wege der Popularisierung Museumsleute mittlerweile zu gehen bereit sind. Die rund sechs Meter hohe Statue schmückte im 8. Jahrhundert vor Christus den Palast des Assyrerkönigs Sargon II. am oberen Tigris. Aufgestellt wurde er jetzt in der Prachtstraße von Babylon.

Beides hat mit Uruk eigentlich wenig zu tun. Aber die historische Klitterung enthält doch eine eindrucksvolle Botschaft: Ohne Uruk wären die nachfolgenden Reiche und Zivilisationen nicht denkbar.

„Uruk – 5000 Jahre Megacity“, Vorderasiatisches Museum, Berlin, bis 8. September; Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, vom 20. Oktober bis 21. April 2014