Kriegstourismus

Irak – ein Reiseland für wirklich tollkühne Touristen

| Lesedauer: 6 Minuten

Der Irak war bisher bei westlichen Touristen nicht gerade ein Traumreiseziel. Der Krieg und die ständigen Unruhen haben das Land zum No-go-area für Besucher gemacht. Das könnte sich jetzt ändern. Eine britisch-amerikanische Gruppe ist die erste, die seit 2003 offiziell das Land bereist. Die nächste ist schon angemeldet.

Jo Rawlins Gilbert, pensionierte Bewährungshelferin aus dem kalifornischen Menlo Park, fing an zu reisen, so sagt die 79-Jährige selbst, "wie man das halt so macht". Erst England. Dann das europäische Festland. Dann Osteuropa. Zuletzt fuhren sie und ihr Ehemann, der 2004 starb, anlässlich seines 80. Geburtstages nach Tibet. Sie wurde zu einer spät berufenen Abenteuerurlauberin. Sie war bereits in Syrien, Jemen, Bosnien und sogar in Afghanistan.


Wie man das noch übertreffen könnte? Nun ja, Gilbert steht in diesem Augenblick in einer Hotellobby. In Bagdad. Sie hat gerade eine 17-tägige Tour durch eines der gefährlichsten Länder der Welt hinter sich. "Das Land war immer auf meiner Liste", sagt Gilbert, auf deren Pullover "Life Is Good" (Das Leben ist gut) steht. "Sobald das Land offen ist, wollte ich hin."


Darüber, ob der Irak nun als "offen" zu bezeichnen ist, kann man diskutieren. Aber Gilbert gehört zu einer Gruppe von meist älteren Leuten, die die erste offiziell genehmigte westliche Reisegruppe seit 2003 im Irak bildet. Geoff Hann, Besitzer des "spezialisierten Abenteuer-Reisebüros" Hinterland Travel in Großbritannien und Führer der Gruppe, ist stolze 70.

Die Rundfahrt war nicht annähernd so riskant und gefährlich wie erwartet. Das Ministerium für Tourismus und Antiquitäten, das die Tour zu organisieren half, stellte bewaffnetes Wachpersonal, aber Hann sagt, das habe sie in ihrer Bewegung eingeschränkt. Also reiste die Gruppe in einem gemieteten Minibus, mit wenig oder ganz ohne Schutz.


Sie waren in Babylon und Basra, in Ur und Uruk, bei den schiitischen Schreinen in Kerbala und Nadschaf. Alles Orte, die – vor nicht allzu langer Zeit – eine Rückreise unnötig gemacht hätten. Ein enttäuschend kurzer Abstecher brachte sie zum Askariya-Schrein in Samarra, dessen Bombardierung 2006 zu einer Eskalation der Gewalt führte und das Land in einen Bürgerkrieg trieb.

"Die Polizei wollte nicht, dass wir lange bleiben", sagt Hann, ein bescheidener Mann in Socken und Sandalen. Der Irak ist weitaus stabiler und sicherer als noch vor zwei Jahren. Aber die tägliche Gewalt geht weiter. Am Mittwoch starb ein Polizist in Bagdad, als eine Bombe unter seinem Auto explodierte. Am Donnerstag flogen die Alliierten Luftangriffe gegen Rebellenverstecke in der Provinz Diyala, elf Männer kamen ums Leben.


Am Freitag waren mehrere Explosionen unweit des Hotels zu hören. Ganz offensichtlich keine Tour für Ängstliche. Fast jeder aus der achtköpfigen Gruppe war schon einmal in Afghanistan. Ebenso wenig überraschend auch, dass alle Singles sind. Das Reisebüro bietet keine Versicherung an, auch anderswo ist es nahezu unmöglich, sich zu versichern. Aus diesem Grund sind die meisten Teilnehmer der Fahrt älter. Sie haben gewöhnlich einen finanziellen Rückhalt und außerdem, so Hann, "kennen sie die Welt und machen sich nicht mehr solche Sorgen. Falls Sie verstehen, was ich meine."

Der Jüngste ist David Chung, ein vergnügter 36-Jähriger, Vizepräsident einer Vermögensverwaltung in New York. In den vergangenen Jahren ist Chung nach Algerien gereist, nach Nepal, Sri Lanka, Saudi-Arabien, Eritrea, Pakistan - die Aufzählung geht weiter und weiter. "Die besten Ideen für Touren bekomme ich von der Liste mit den Reisewarnungen des US-Außenministeriums", sagt er. Sein erster Eindruck vom Irak? "Die Militäroffensive hat sich bezahlt gemacht", beschreibt er das Sicherheitsgefühl und die Möglichkeit, an die meisten Orte reisen zu können. Überraschend sei auch die große Netzabdeckung für Mobiltelefone. Und kaum jemand habe versucht, sie übers Ohr zu hauen.

Die Gruppe erreichte Bagdad an einem Feiertag, als die meisten Sehenswürdigkeiten geschlossen hatten. Einige Ausflüge, die machbar erschienen, wie zu den Ruinen von Assyria im Norden, wurden von der Regierung als zu gefährlich eingestuft. Andere, vor allem schiitische Sehenswürdigkeiten, ließ die von Schiiten geführte Regierung einfacher durchgehen. Am Freitagabend schließlich platze Hann, der Mitte der 70er-Jahre das erste Mal in den Irak reiste, fast der Kragen. Ein Ministeriumsmitarbeiter hatte auf einmal erklärt, der Ausflug zum Irak-Museum am nächsten Tag falle möglicherweise aus. Das war nicht wie beim letzten Mal.

Das war im Oktober 2003, lange nachdem der Krieg angefangen und die Militäroffensive an Fahrt gewonnen hatte. Seine Reisegruppe war damals Zeuge, wie ein Mann zu Tode geprügelt wurde von einer Meute in Mossul und wie eine Bombe nahe der türkischen Botschaft explodierte. Im Laufe der nächsten fünf Jahre nahmen immer wieder begierige Abenteurer Kontakt zu ihm auf, aber die Situation im Land war einfach zu unsicher. Religiöse Touristen, besonders schiitische Pilger, die die heiligen Städte Nadschaf und Kerbala besuchten, reisten weiterhin an, auch ein paar westliche Touristen kamen. Ein Kanadier und ein Italiener, die es nicht lassen konnten, wurden prompt verschleppt. Aber organisierte westliche Reisegruppen gab es nicht.

Im November 2008 kehrte Hann zurück in den Irak, um eine Tourismus-Konferenz zu besuchen. Er war einer von wenigen Europäern dort, zusammen mit ein paar spanischen Architekten. Schnell setzte er sich mit dem Tourismus-Ministerium zusammen, sprach seine Reisepläne durch. Schon im März kam seine Gruppe an. Derzeit plant er weitere Touren. "Für Oktober hab' ich eine Gruppe aus Kalifornien angemeldet", sagt Hann. "Und dann gibt's noch schräge Typen, die gern allein loswollen. Aber davon rate ich ab ..."

© New York Times 2009. Aus dem Englischen von Daniel-C. Schmidt

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