Kunstmesse

Berlins Galerien kämpfen für neues Art Forum

Seit mehr als einem halben Jahr steht Berlin ohne Kunstmesse da. Jetzt versucht der Landesverband der Berliner Galerien dem Art Forum wieder Leben einzuhauchen. Einziges Problem: In Berlin ließ Kunst sich noch nie gut verkaufen.

Foto: dpa / dpa/DPA

Das Finale war turbulent: Im Mai 2011 kam überraschend das Aus für das Art Forum, Berlins Kunstmesse. Seitdem wird heftig diskutiert, wie sich die Hauptstadt als Kunststandort künftig definieren möchte. Braucht die Stadt überhaupt eine neue Plattform für die Kunst? Und wie sähe eine adäquate Messe eigentlich aus?

Hört man sich einmal um unter den Galeristen, egal ob in Charlottenburg, Kreuzberg oder Mitte, so scheinen alle zu wissen, dass man zusammenarbeiten muss, will man im internationalen Vergleich mitziehen. Gar nicht so leicht in einer Szene, in der es, wie jeder weiß, gewisse Animositäten gibt, einige Primadonnen, Global Player und die kleinen Galerien, die jeden Euro umdrehen müssen.

Sammler sind anspruchsvoller

„Wenn Berlin nicht in der Lage ist, alle Kräfte zu bündeln, sollte man das Projekt fallen lassen. Alleingänge schaden der Stadt – ebenso wie Mittelmäßigkeit im Konzept“, so Bernd Schultz von der Villa Grisebach. Schließlich schläft die Konkurrenz nicht, die Messen in London und Paris sind stark geworden, Basel sowieso, und Köln gibt es ja auch noch. Dort existiert eine große Sammlerkultur, Geld fließt auch. Und Berlin ist nun mal kein potenter Umschlagplatz für Kunst. Sammler zu gewinnen, ist über die Jahre auch nicht leichter geworden. Sie sind anspruchsvoller als noch vor 15 Jahren, reisen intensiv, kennen sich gut mit den Messen aus, die Beschäftigung mit der Kunst ist bei vielen schließlich ein großer Teil ihres Lebens geworden. Warum aber tut sich Berlin als angesagter Kunst-Produktionstandort Nr. 1 in Europa so schwer mit einer Messe? Galerist Jörg Johnen bringt es auf den Punkt: „Berlin ist zwar eine attraktive Stadt mit tollen Museen und Angeboten, es hat sich aber herumgesprochen, dass man hier nicht so gut verkauft. Berlin war immer eine Risikogeschichte.“

Damit das nicht so bleibt, haben sich vor einigen Wochen Vertreter der Senatskulturverwaltung, Galeristen, Vertreter von Art Berlin Contemporary (ABC) und Preview, zusammengefunden, um die Lage für den kommenden Kunstherbst zu sondieren. Ein zweites Treffen soll folgen, wo auch die Wirtschaftsverwaltung anwesend sein soll, dem das Art Forum einst unterstellt war. „Wir wollen das Art Forum nicht aufleben lassen. Aber wir wollen eine Alternative etablieren, die den Kunstherbst stärkt“, sagt die Senatskulturverwaltung. Über ein Konzept ist vorerst nichts zu erfahren, „alle denken nach“, heißt es. Der Termin für den Kunstherbst allerdings steht: Die ABC, Preview und Berliner Liste haben sich auf den 13. bis 16. September festgelegt.

Der erste Schritt, einen gemeinsamen Nenner zu finden, ist die Initiative des Landesverbandes der Berliner Galerien (LVBG). Ziel war es, mittels eines zweiseitigen Fragebogens ein „Meinungsbild aller Akteure am Kunstmarkt“ zu ermitteln, kann man dort lesen. „Wir wollen der Politik deutlich machen, dass Handlungsbedarf besteht“, so Werner Tammen, Vorsitzender des Verbandes. Ende des Monats will er die gesamte Auswertung präsentieren.

400 Galerien wurden angeschrieben, der Rücklauf mit sechzig Prozent sei sehr positiv, so Anemone Vostell vom LVBG. Was zeige, dass die „Galerienszene der Stadt nicht so zerklüftet ist, wie es scheint.“ Grundtenor der Antworten: Berlin braucht eine Messe, einen neuen Marktplatz für Kunst. Einig sind sich die Galeristen darüber, dass der letzte Kunstherbst – nach dem Aus des Art Forums – zu schwach in der Wirkung gewesen sei. Will heißen: die Verkaufsaustellung ABC hatte letztlich nicht die Strahlkraft, um die großen internationalen Sammler nach Berlin zu ziehen. Die hätten mit dem Aus des Art Forums ihren Besuch kurzerhand aus dem Kalender gestrichen, erzählen einige Galeristen.

Der Neuanfang steht und fällt mit einer durchschlagenden Idee für ein Messeprofil – und die richtige Location. Ein luftiges Zelt oder eine imposante Halle? Das gibt es schon in London und Paris. Welches spektakuläre Markenzeichen kann Berlin entwickeln? Ein Format, das die anderen Messestandorte nicht haben. „Wir brauchen ein hochwertiges Niveau“, findet Tanja Wagner, Junggaleristin aus Schöneberg. „das über Berlins Grenzen hinausragt, kein Klein-Klein-Format nach dem Motto ,für Berlin und in Berlin'“.

Ein Alleinstellungsmerkmal also ist wichtig. „Für junge Kunst ist Berlin der größte Produktionsstandort. Warum arbeitet man nicht daran?“, fragt Galerist Marcus Deschler. Im Gespräch ist auch die stärkere Einbindung von prominenten Berliner Privatsammlern in den Kunstherbst. Als eine Art „back up“ könnten dann Sammler wie Christian Boros oder Barbara und Axel Haubrok, die ein eigenes Haus oder einen Showroom für ihre Kollektionen besitzen, das Event stärken. Genug Ansätze sind also da.

Neues Konzept, spektakulärer Ort

Die Stadt könnte, so finden einige Galeristen, etwas mehr für den Kunstherbst tun. Für die Berlinale oder die Fashion Week gäbe es schließlich auch ein eindeutiges Engagement. „Im Senat ist noch nicht angekommen, wie stark sich hier die bildende Kunst zu einem Standortfaktor entwickelt hat und wie wichtig dieses Segment für den Tourismus geworden ist“, so Jörg Johnen. Im vergangenen Jahr musste der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der die Kultur mitverantwortet, in diesem Bereich allerdings eine Pleite einstecken: seine Leistungsschau „Based in Berlin“ wurde in den Sand gesetzt, die avisierte Kunsthalle kleinlaut abgesagt.

Werner Tammen vom Landesverband sieht das ganz anders. Die Verantwortung für ein neues Format liege bei den Galeristen. „Sie müssen sich organisieren, können die Dinge nicht einfach delegieren. So funktioniert das nicht.“ Vorerst steht noch das diesjährige Gallery Weekend an – Glanzlicht der Stadt. Am 27. April werden wieder einmal rund 40 der wichtigsten Galerien gleichzeitig Vernissage feiern, und wer kann, öffnet auch. Die Limousinen rollen dann wieder durch die Straßen, man trifft sich hier und da. New York hat das Modell bereits kopiert. Es geht also.

Kunstmessen 2012 der Stadt

Kunstherbst : 2012 Der Kunstherbst findet in diesem Jahr vom 13. bis zum 16. September 2012 statt. Nach dem Aus des Art Forum werben ABC, die Preview und die Berliner Liste um die Gunst der Kunstfans.

Art Berlin Contemporary, kurz ABC, zieht auch dieses Jahr wieder in die „Station“ am Gleisdreieck. Im vergangenen Jahr nahmen rund 120 Galerien teil.

Preview: Junge Galerien zeigen ihre Positionen. Dieses Jahr will die Messe noch „genauer abbilden, was die Kunstlandschaft Berlins international gesehen einzigartig macht“. Veranstaltungsort: der Hangar 2 am Columbiadamm.

Berliner Liste: Sie wird etwa 120 Galerien versammeln. 13.000 Gäste besuchten die Messe 2011 im Trafo, einem alten Heizkraftwerk an der Köpenicker Straße.