Filmfestival

Was Großes, Fettes sollte es schon sein

Neue deutsche Filme aus der Berliner Region kann man seit neun Jahren beim Achtung Berlin Filmfestival sehen. Mit erstaunlichem Erfolg.

Foto: Achtung Berlin

Alle stehen sie schon bereit. Die Schauspieler, die Techniker, das Team: Sie alle sind in die bayrische Provinz gereist, um Kleists Bühnenklassiker „Michael Kohlhaas“ als großes Kinoepos zu verfilmen. Aber dann, noch bevor die erste Klappe fällt, muss ihnen der junge Regisseur die Hiobsbotschaft verkünden. Die Produzenten sind ausgestiegen, die Förderung ist geplatzt und das Restgeld ist auch weg.

Sogar das Pferd wird dem verdutzten Hauptdarsteller quasi unter den Beinen weggezogen. Aber der Regisseur bittet sie dennoch zu bleiben. Es werde zwar nicht derselbe Film, aber man könne doch improvisieren. Warum soll Kohlhaas denn nicht auf einer Kuh reiten, wenn man sich kein Pferd leisten kann? Und warum nicht das gesamte Team in einer Halle einquartieren statt einzeln im Hotel?

Am eigenen Leib erlitten

Dem 32 Jahre alten Regisseur Aron Lehmann ist Ähnliches passiert. Der Regie-Student an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam hatte für seinen Abschlussfilm einen ganz anderen Film im Kopf. Aber nach drei Jahren Vorplanung war auch ihm kurzfristig die Finanzierung geplatzt. Da stand er nun, mit leeren Taschen, wollte aber nicht in Selbstmitleid zerfließen. Und „auf keinen Fall“, wie er noch jetzt kämpferisch behauptet, „ein Küchentischdrama machen“. „Was Großes, Fettes“ sollte es schon sein. Und so wurde diese grelle Satire aufs Filmemachen daraus, die auch eine Liebeserklärung ans Kino ist: „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“.

Der Regisseur im Film, grandios verkörpert von Robert Gwisdek, heißt nicht zufällig Lehmann. Aron Lehmann hat wie jener in seiner bayrischen Heimat gedreht. Und die Leute vom Ort spielen nicht nur in kleinen Rollen selber mit. Die Frauen haben für die Crew gekocht, der Bäcker überließ ihnen jeden Morgen Brotkisten, der Feuerwehrmann sogar das Löschauto („Aber fahrt nicht zu weit weg!“). Was aber für den Lehmann im Film unweigerlich in einem Fiasko endet, das wird für Aron Lehmann zum Triumph: dass man auch ohne großes Budget tolle, ungewohnte Filme drehen kann. „Kohlhaas“ ist nicht nur sein Abschlussfilm, sondern auch der des Kameramanns, des Cutters und des Produzenten. Um den Filmnachwuchs, das zeigt ihre Filmfarce klar, muss man sich hierzulande keine Sorgen machen.

Themen und Filme ohne Ende

Nun wird dem Kohlhaas auf der Kuh statt dem Pferd auch in Berlin ein roter Teppich ausgerollt. Morgen Abend wird Lehmanns Debüt das Achtung Berlin Filmfestival eröffnen. Eine Woche lang sind dann wieder lauter Produktionen zu sehen, die hier entworfen, entstanden, für die hier gekämpft und gestritten wurde.

Es ist bereits die neunte Ausgabe des Festivals, das sich inzwischen zum drittgrößten der Stadt gemausert hat – nach der Berlinale und dem Interfilm. Hatten die beiden Festivalchefs Hajo Schäfer und Sebastian Brose anfangs noch zu hören bekommen, eine rein geographische Ausrichtung, das sei doch zu wenig für ein Festival, haben sie längst das Gegenteil bewiesen. Die Stadt ist stark und reizvoll genug, sie bietet Themen und Filme ohne Ende.

Stadtansichten machen noch keinen Berlin-Film

Und der Trend hält an. Inzwischen gebe es eine ganze Generation neuer Filmemacher, so Schäfer, die ihre Stadt neu entdecken. Und die auch ganz anders leben als Filmemacher noch vor zehn Jahren. Nun müssen nicht immer illustre Kulissen der Stadt ins Bild ragen, um einen Film zum Berlin-Film zu machen. Oft geht es um Stimmungslagen oder Missstände, die in einer großen Stadt viel leichter zu erfühlen, zu erspüren sind. Oder auch um Illusionen, die zu erfüllen man selbst in die Provinz fährt, wie beim Eröffnungsfilm „Kohlhaas“. Zehn Spielfilme, elf Dokumentarfilme, sieben mittellange und 20 kurze Filme laufen dieses Jahr allein im Wettbewerb.

Naturgemäß sind wieder viele Werke von Filmstudenten dabei, die hier von der Branche entdeckt werden können. Aber die Nachwuchsfilmer kreisen schon lange nicht mehr nur nabelschauartig um sich selbst. „Silvi“ vom 30-jährigen Nico Sommer etwa handelt von einer fast 50-jährigen Frau, die schnöde von ihrem Mann verlassen wird und es noch einmal wissen will.

Tom Schilling im Kinski-Test

In „Freiland“ vom 34-jährigen Absolventen der Film- und Fernsehhochschule Berlin (dffb), will eine Kommune im Brandenburgischen eine kleine autonome urdemokratische Insel bilden – was doch bald in Fremdbestimmung und Diktatur à la DDR kippt. Ein echtes Berlin-Juwel ist „Woyzeck“ vom Münchner Regisseur Nuran David Calis, der – 34 Jahre nach Werner Herzogs legendärer Verfilmung mit Klaus Kinski – erneut Büchners Klassiker adaptiert. Also genau das, was der Lehmann im „Kohlhaas“ versucht. Dieser „Woyzeck“ verlegt Büchner allerdings radikal in das Berlin von heute, genauer: in den Problemkiez Neukölln. Die Kinski-Rolle spielt hier Tom Schilling, der gerade für den schönsten Berlin-Film seit langem, „Oh Boy“, für eine Lola nominiert ist.

Und der 35-jährige Daniel Abma, wie Aron Lehmann HFF-Schüler aus Potsdam, hat in seiner Dokumentation „Nach Wriezen“ drei Häftlinge einer Jugendvollzugsanstalt ab dem Tage ihrer Entlassung begleitet. Ein Langzeitprojekt, das die drei Protagonisten zwischendurch fast abgebrochen hätten, bei dem der Filmemacher aber dran blieb – und ein eindringliches, weil unbequemes Porträt dreier Ausgegrenzter, Stigmatisierter lieferte.

Alternative Finanzierungsmodelle

Wie finde ich meinen Platz: Das ist der verbindende rote Faden der Filme, eine Frage, die mal im Zwischenmenschlichen gestellt wird, also in der Familie, mal auch im Großen und Ganzen, in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Und worum es immer auch geht auf diesem Festival, sind alternative Finanzierungsmodelle, die hier diskutiert werden. Wie finde ich mein Budget. Damit es den Filmemachern eben nicht so geht wie dem Lehmann im „Kohlhaas“.

Achtung Berlin Filmfestival 17.-24. April 2023, in den Kinos Babylon Mitte, Filmtheater am Friedrichshain und Passage. Infos unter www.achtungberlin.de