Lisa hat Charlotte entführt, die Tochter ihrer bester Freundin, sie hat sich verschanzt, ausgerechnet im Lager des Berliner Szene-Cafés „Größenwahn“. Draußen vor dem Café steht der Kommissar und ein Spezialeinsatzkommando der Polizei.
Ihr Mann betritt das Café, steht vor dem Lager und spricht mit ihr durch eine verschlossene Tür. „Lisa“, sagt er, macht eine Pause und sagt: „Lisa, lass die Kleine frei.“ Lisa schüttelt den Kopf, ballt ihre Fäuste und sagt: „Charlotte ist freiwillig hier.“
Das Kind ruft: „Aber das stimmt doch gar nicht!“ Lisa: „Jetzt halt die Klappe!“ Plötzlich kommt aus dem Off die Stimme: „Das machen wir gleich noch einmal, und Peter, du musst das viel eindringlicher sagen, du möchtest Lisa wirklich helfen: Lisa, lass die Kleine frei.“
Christiane Paul und Peter Lohmeyer stehen am Mittwoch in einem schalldichten Aufnahmeraum in der RBB-Zentrale an der Masurenallee. Sie spielen die Hauptrollen im neuen Radio-Tatort, der noch bis zum Ende dieser Woche in der Masurenallee aufgenommen wird, dann wird eine Woche lang geschnitten.
In der Woche vom 12. bis zum 17. Juni 2013 läuft dann der Radio-Krimi „Du bist tot“ in den Kulturradios der ARD. Paul und Lohmeyer spielen ein Pärchen aus dem Prenzlauer Berg.
Lohmeyer ist Dr. Steiner, ein Nano-Wissenschaftler mit vielen Problemen. Sein Gehalt ist zu niedrig, es gibt harte Konkurrenz in der Universität, meist nur Zeitverträge und seine Freundin Lisa möchte auch noch gern Mutter werden. Dann passiert ein Mord und die beiden Kommissare Alexander Polanski und Lehmann tauchen auf.
„Dit jeht nüsch“
Christiane Paul und Peter Lohmeyer haben beide Erfahrungen im Synchronsprechen. Sie können umgehen damit, wenn Regisseur Nikolai von Koslowski ihnen relativ strenge Anweisungen gibt: Nicht so gekünstelt! Ich will mehr Haltung heraushören! Da muss mehr Emotion erkennbar sein! Sie sagen, dass die Arbeit im Grunde ähnlich sei, mit der eines Schauspielers, nur dass alles in der Stimme hörbar sein müsse. „Man muss einen anderen Zugang zu den Figuren finden“, sagt Christiane Paul, „aber ohne den geht es auch hier nicht.“ Wenn sie nicht in ein Mikrofon spricht, berlinert sie, ist hier geboren worden, hat später als Ärztin auch in der Charité gearbeitet. Doch in dieser Rolle als Lisa soll sie nicht berlinern.
Dabei ist auch im Radio-Tatort das Lokalkolorit eines der großen Themen. Jede der neun ARD-Sendeanstalten produziert seit dem Jahr 2008 einen, nur WDR, NDR und BR produzieren zwei. In Bayern versucht die junge Beamtin Senta immer, ihrem verschrobenen Kollegen ihre Liebe zu gestehen, im Hamburger Tatort ist ein älterer verdeckter Ermittler im Einsatz unter Millionären und im Berliner Radio-Tatort spielt der Schauspieler Alexander Khuon den Kommissar Polanski. Der ist eigentlich schwul, hat aber auch Affären mit Frauen – alles sehr typisch-Berlin-kompliziert und sein Kollege Lehmann (Shorty Scheumann) kommentiert alles im besten „Icke“ und „dit jeht nüsch“.
Die Decke hört man mit
Der Autor Wolfgang Zander hat mit „Du bist tot“ seinen dritten RBB-Radio-Tatort geschrieben. Die beiden früheren hatten Gentrifizierung und Jugendgewalt zum Thema, beides sehr gute Berliner Themen. Jetzt hat er sich das Thema „Wissenschaftsstandort“ gewählt, nicht zuletzt, weil seine Tochter selbst gerade Doktorandin im Fach Physik ist. Er weiß, dass diese Szene international ist, dass die Plätze als wissenschaftliche Mitarbeiter hart umkämpft sind und zudem schlecht bezahlt. Zander lebt in Berlin, kennt verschiedene Stadtteile und hat auch in diesem Radio-Tatort wieder typische Gegenden eingebaut, den Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg und den Sacrower See, an dem „Dr. Steiner“ und „Lisa“ ein romantisches Picknick verbringen, bevor ein Mord das Paar auf eine Probe stellt.
Das ist wieder eine Szene, die für den Regisseur Nikolai von Koslowski so wichtig ist, dass er selbst eine Decke mitgebracht hat, außerdem Brot, dass sie dann auswickeln müssen. „Die Geräusche kann man theoretisch auch später künstlich einfügen“, sagt er, „aber es kann den Schauspielern helfen, sich in ihre Rollen besser einzufühlen.“ Die Szene am See wird dann auch auf der Decke aufgenommen. Wenn dann das Geräusch eines schwingenden Golfschläger auftaucht, dann kann es sein, dass es erzeugt wird von dem Stäbchen, das Koslowski bei seinem letzten Hertha-Spiel bekommen hat. „Diese Winkfähnchen“, sagt er, „die machen genau so ein Schwinggeräusch, wie ich es brauche.“
Zahlen sind schwierig
Der Radio-Tatort muss sich nicht hinter seinem Kult-Bruder vom Fernseh-Sonntag verstecken. Es spielen häufig bekannte Schauspieler wie Uwe Ochsenknecht oder Brigitte Hobmeier in den Hauptrollen und die Geschichten behandeln Terror-Angst, Neo-Nazis und Bio-Bauernhof-Skandale. Sie sind oft mutiger und liebevoller erzählt und dauern dabei nur eine Stunde.
Schade nur, dass der RBB beim Radio-Tatort keine Zahlen wie die wöchentlich acht Millionen ARD-Zuschauer nennen kann. „Diese Zahlen herauszufinden“, sagt eine Sprecherin, „gestaltet sich als sehr schwierig.“ Download, Podcast und normale Hörer, es sei schon alles sehr kompliziert geworden. Aber sie seien „gut“, versichert sie. Sechsstellig? „Ja... sechsstellig.“ Ein Radio-Regisseur würde sagen: „Und jetzt noch einmal mit mehr Überzeugung bitte.“




