Fernseh-Serie

Warum Schirachs „Verbrechen“ den Fernseh-Krimi neu erfindet

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Peter Zander

Foto: ZDF / Gordon Muehle

Das ZDF hat die Kurzgeschichten von Ferdinand von Schirachs „Verbrechen“ verfilmt. Herausgekommen ist dabei nicht weniger als eine Rückkehr zu den Wurzeln.

„Kannst du mal in den Keller kommen?“, fragt der Mann seine Gattin. Dort wartet er schon mit der Axt auf sie. Und erschlägt sie nicht einfach, sondern richtet ein regelrechtes Blutbad an. Er „macht sie klein“, wie er das selbst formuliert. Das sind so Fälle, wie man sie aus der Sensationspresse kennt. Grausame, blutrünstige Geschichten, die uns zugleich abschrecken und doch nicht loslassen.

Aber diese Geschichte geht noch weiter, über die reine Sensation hinaus. Oder vielmehr geht sie zurück. Sie zeigt diesen Friedhelm Fähner, Arzt im Ruhestand, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann, wie er ein Leben lang unter der Fuchtel seiner herrschsüchtigen Frau stand, die ihn in anderer Weise klein gemacht hat. Von der er sich aber nicht trennen konnte, weil er das Ehegelöbnis „in guten wie in schlechten Zeiten“ bis zuletzt als Versprechen – und Fron verstand.

Der Mensch hinter dem Monster

Fähner ist ein Phänotyp. „Fähner“ hieß der erste Fall der „Verbrechen“, mit denen der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach 2009 Einblicke in Fälle gab, die er so oder so ähnlich vertreten hat, und mit denen er über Nacht einen Bestseller erzielte. „Fähner“ heißt nun auch die erste Folge der sechsteiligen Serie, die aus diesem Buch gemacht wurde. Am Anfang wird der Mord sensationslüstern ausgewalzt, mit Blutlachen und -fontänen. Aber dann wird die Vorgeschichte aufgeblättert – und der Mensch hinter dem Monster erkennbar.

Mit der Serie „Verbrechen“ gelingt dem ZDF nicht weniger als eine Neuerfindung des ganzen Genres. Der Fernsehkrimi kommt ja zusehends vor die Hunde. Die Kommissare sind ja längst mehr mit sich selbst beschäftigt als mit ihren Fällen. Dann gibt es die Profiler, die nur noch in Knochen stochern und den gemeinen Polizisten zum bloßen Spurenverwischer degradieren.

Oder die Anwälte, die Fälle mit stereotypen „Einspruch, euer Ehren“-“Abgelehnt“-Dialogen im Gerichtssaal lösen. Schon arbeiten auch menschliche Lügendetektoren, Mentalisten und andere Übersinnliche Verbrechen auf. Aber die Fälle selbst sind dabei eher zweitrangig. Ein Trend, der immer höher geschraubt wird und längst ein paar Windungen überdreht ist.

Zwischen offener Empathie und gewitzter Verschlagenheit

Mit Schirachs „Verbrechen“ kehrt man da zurück zu den Wurzeln. Der Ermittler ist eine Nebenfigur. Ein Anwalt wie Schirach, der ein wenig zu viel raucht, über den man sonst aber erfreulicherweise nichts Privates erfährt. Er fungiert nur als Erzähler, als großer Versteher, einer, der sich, wie der Zuschauer, mit dem fremden Fall befasst und nachvollziehen will, wie es dazu kommen könnte. Der Anwalt wird grandios verkörpert von Josef Bierbichler. Ihm gelingt eine feine Gratwanderung zwischen offener Empathie und gewitzter Verschlagenheit, das Gericht auszutricksen. Grandios auch, weil Bierbichler einer der wenigen uneitlen Schauspieler ist, der erkannte, dass die Serie eben davon lebt, dass der Anwalt nicht die Hauptfigur ist, und die Drehbuchautoren sogar gebeten hat, seine Rolle in mancher Folge noch kleiner zu halten.

Nicht um ihn soll es gehen, sondern um die Klienten, die er vertritt. Es sind nicht die abgehobenen Täter, die wir aus „Tatort“, „Soko“ & Co. so kennen und die sich Autoren ausdenken, die besonders originell sein wollen. Manche Folgen der „Verbrechen“ wirken zwar genauso, wenn drei türkische Kleinkriminelle es mit einem mächtigen Japaner zu tun bekommen („Tanakas Teeschale“) oder zwei aggressive Hooligans mit einem offensichtlichen Profikiller („Notwehr“).

Aber sie atmen eben eine Authentizität, wie sie sonst höchstens „Aktenzeichen XY... ungelöst“ erreicht, weil sie nicht übertreiben, sondern Wirklichkeit abbilden. Eine Wirklichkeit, die durchaus manchmal auch einen Nebengeschmack hat, weil sie nicht den simplen Gerechtigkeitssinn befriedigt. „Es ist eine Gratwanderung“, heißt es wie ein Mantra am Ende jeder Folge: „Ob der Anwalt glaubt, dass sein Mandant unschuldig ist, spielt keine Rolle. Seine Aufgabe ist es, den Mandanten zu verteidigen. Nicht mehr und nicht weniger.“

Man muss nicht nur ins Ausland schielen

Und: Es ist eine deutsche Wirklichkeit, die da mit zuweilen absichtlich übersteigerter Serienästhetik ist, die man gemeinhin als eine „amerikanische“ versteht. Dagegen wirkt so manche hiesige Krimiserie altbacken und öd. Klug auch, dass die Folgen nicht künstlich auf Anderthalbstünder aufgeblasen werden, wie dies Doris Dörrie mit ihrer Kinoversion von „Glück“ gemacht hat, einem von Schirachs „Verbrechen“, über deren Adaption der Autor nicht glücklich gewesen sein soll. Die innovative Serie startet jetzt auf einem Sendeplatz, der sonst skandinavischen oder britischen Krimis vorbehalten war. Damit will auch das ZDF ein Zeichen setzen, dass man nicht nur ins Ausland schielen muss.

Man erfährt in „Verbrechen“ einiges über dieses Land, in dem wir wohnen. Über die Parallelwelten und Abgründe unserer Gesellschaft. Und über unser eigenes Rechtssystem. Dank zahlloser US-Serien sind wir ja mit amerikanischen Prozessverläufen besser vertraut als mit dem eigenen. Das könnte sich, dank Schirach, Bierbichler und den Serien-Machern, nun ändern.

„Verbrechen“ jeden Sonntag, ZDF, 22 Uhr (je zwei Folgen)