Fernsehen

Devid Striesow - der Kommissar mit dem Kasperl-Gesicht

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Peter Zander

Foto: SR / SR/Manuela Meyer

Dem Berliner Schauspieler steht der Schalk ins Gesicht geschrieben. Nun löst er als „Tatort“-Kommissar in Saarbrücken seinen zweiten Fall. Im Fernsehen sieht er aber keine große Zukunft mehr.

Hier isst er oft und gern. Das Gasthaus Majakowski ist keins dieser angesagten Szene-Restaurants in Berlin-Mitte, in denen viele Stars meinen, gesehen werden zu müssen. Es ist eine eher rustikale, urgemütliche Ausflugsgaststätte, die sich anbietet, wenn man zuvor im Park von Schloss Schönhausen spazieren war.

Das zeigt schon mal: Devid Striesow ist keiner dieser öffentlichkeitssüchtigen Egomanen, sondern ein eher bodenständiger Typ.

Er denkt auch ganz praktisch; er wohnt nicht weit von hier. Aber als er sich setzt, will er nur einen Cappuccino trinken. Moment mal: Wir haben uns doch extra zum Essen verabredet, in einem Lokal seiner Wahl. Wie, was? Kurze Schrecksekunde. Er war doch gerade mit seiner Frau beim Vietnamesen!

Aber ein Schauspieler muss improvisieren können. Tapfer schaut er nun doch in die Speisekarte. „Dann nehme ich eben einen Salat.“ Sehnsüchtig rutscht der Blick ein wenig tiefer. Die Königsberger Klopse, die könne er sehr empfehlen, die seien original aus Kalbfleisch, das gebe es nicht oft. Der Journalist wird das, derart ermutigt, bestellen. Striesow wird später etwas neidisch auf diese Klopse gucken und eher lustlos in seinem Ziegenkäse stochern. Aber als der Journalist schlechtes Gewissen bekundet, wehrt er ab: „Sie wissen ja nicht, was ich schon alles gegessen habe.“

Keine Zeit für die Klassenkameraden

Es ist nicht leicht, an Devid Striesow heranzukommen. Der Mann ist einfach zu beschäftigt. Als das „Zeit-Magazin“ kürzlich ein Klassentreffen der Berliner Erfolgsschauspielschule Ernst Busch einberufen hat, kamen Nina Hoss, Fritzi Haberland, Lars Eidinger und Mark Waschke. Ein starker Jahrgang, der heute den deutschen Film wesentlich prägt.

Aber der, der ihn am stärksten prägt, der am häufigsten zu sehen ist, der hatte eben keine Zeit. Und auch als er Ende Januar 2013 seinen Einstand als neuer „Tatort“-Kommissar feierte, war keine Luft im Terminkalender. Der Mann ist ständig am Drehen. Und nebenbei auch noch zum vierten Mal Vater geworden.

Erst trainieren, dann dinieren

Improvisieren wir eben auch. Und treffen uns zum zweiten „Tatort“, der an diesem Sonntag (ARD, 20.15 Uhr) ausgestrahlt wird. Diesmal hat er etwas Zeit, auch wenn er – vor dem Vietnamesen – bei der Wirbelsäulengymnastik war und damit ein erstes Anzeichen einer gewissen Überlastung preisgibt. Aber wenn ihn der Rücken noch plagen sollte, lässt er sich zumindest nichts anmerken.

Er lacht gern und viel, es klingt immer ein wenig wie ein kindlich-vergnügtes Hihihi. Er macht sich auch ein bisschen über den Journalisten lustig und nennt ihn ironisch, aber nie böse „Herr Doktor“. Wobei dieser Titel ein Dr. phil ist und bei Rückenschmerzen nicht hilft. Der Journalist wird irgendwann kontern und Striesow nur noch „Herr Kommissar“ nennen.

Beförderung vom Zweiten zum Ersten

Dem Herrn Kommissar steht der Schalk ins Gesicht geschrieben. Er hat zumindest, das hört er oft, ein Kasperle-, oder sagen wir es gehobener, ein Guignol-Gesicht. Damit kriegt man nicht die großen Liebhaber-Rollen. Aber Striesow kann über Angebote nun wirklich nicht klagen. Seit seinem Kinodebüt vor 13 Jahren hat er nicht weniger als 83 Filme gedreht, das ergibt einen beachtlichen Schnitt von 6,4 Produktionen im Jahr.

Viele von ihnen, wie Tykwers „3“ oder Petzolds „Yella“, wurden preisgekrönt, für „Die Fälscher“ gab es gar einen Auslands-Oscar. Striesow selbst hat erst eine Lola für „Yella“ bekommen, der Schnitt ist nicht so gut. Dafür wurde er gerade im Fernsehen befördert: vom ewigen Assistenten in „Bella Block“ zum neuen Saarbrücker „Tatort"-Kommissar. Und vom Zweiten zum Ersten. Auch wenn ihm die Trennung von ihr sehr schwer fiel („Ich hänge an der alten Dame“): Striesow ist jetzt seine eigene Hoger. Die Formulierung gefällt ihm.

Erst Wonnegefühl, dann Skrupel

Gibt es noch höhere Weihen hierzulande für einen Schauspieler? Der „Tatort“ ist ja, das muss auch Markus Lanz bitter feststellen, das letzte Lagerfeuer, um das sich in Deutschland wirklich noch die ganze Familie schart. Was war die allererste Reaktion auf diese Offerte? Striesow pickt ein Salatblatt auf die Gabel und rudert damit kunstvoll in der Luft, ohne Soße zu verspritzen.

„Erst gingen mir alle Vorzüge durch den Kopf: die Zuschauerzahlen, der Sendeplatz, die Chefrolle.“ Dann aber“, und hier senkt sich die Gabel, „kamen auch die Skrupel. Spiel mal so eine Figur mittellangfristig, ohne zu langweilen. Da habe ich mir Bedenkzeit ausbedungen und gesagt, ich werd‘s wohl nicht machen.“

Mit der Vespa zum „Tatort“-Einsatz

Der Saarländische Rundfunk ließ aber nicht locker und erfüllte alle seine Bedingungen. Mit demselben Team über mehrere Folgen zu arbeiten. An der Rolle mitzuschreiben. Hauptkommissar Jens Stellbrink ist wohl gerade deshalb ein sehr untypischer „Tatort“-Ermittler. Einer, der bewusst komisch angelegt ist und damit den Münsteranern Konkurrenz macht. Einer, der seinen Einstand in Shorts und Gummistiefeln gab. Der mit Yoga und Meditation reichlich esoterisch wirkt. Und Vespa fährt. Wer kam denn auf die Idee? „Ich bin der Meinung, ich.“ Kunstpause. „Der Produzent glaubt, er war‘s.“

Hier schiebt Striesow eine Traube an den Tellerrand. „Es war auf jeden Fall ein schöner Einfall. Fahrrad fuhr schon Palu. Und so eine 200-er, die geht gut ab, die macht sogar einen Hochstarter. Auch das mit dem Yoga war mein Einfall. Kontrapunktisches ist immer spannend.“

Da drängt sich natürlich die Frage auf: Wie viel Striesow steckt in Stellbrink? Der Herr Kommissar denkt keine Sekunde nach. „Schon sehr viel. Aber das ist bei Devid Striesow immer mit hohem Eigenanteil, in jeder Rolle. Auch beim Nazi in ‚Die Fälscher‘.“ Es scheinen auch Abgründe in ihm zu stecken, aber mehr mag er da nicht preisgeben. Striesow schöpft jedenfalls immer aus dem Inneren.

Handwerk statt Befindlichkeiten

Das ist nicht selbstverständlich. Denn, hier müssen wir ein wenig ausholen, Striesow kam ja zum Schauspiel wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde. Zu DDR-Zeiten machte er in Rostock eine Lehre als Goldschmied. Die Firma musste bald nach Mauerfall schließen.

Dann aber kam die Liebe. Und die wohnte in Berlin. Also wollte er da auch hin. Und bewarb sich bei der Ernst Busch. Vom Theater hatte er bis dato, das gibt er offen zu, keinen blassen Schimmer: „Ich hatte keine Ahnung, dass die da lange proben. Ich glaubte, die lernen den Text, treffen sich abends und gucken mal, was dabei herauskommt.“

Nicht nur seine Klasse war eine besondere an der Ernst Busch, es war überhaupt eine besondere Zeit. Weil auch diese Schule abgewickelt werden sollte, was aber mit einem Streik verhindert werden konnte. Noch heute freut er sich, wenn er mit Nina Hoss in „Yella“ oder mit Fritzi Haberlandt in „Transpapa“ spielt. Da begegnet man sich auf Augenhöhe, muss sich nicht erst lange beschnüffeln.

Mit dem Wohnmobil zum Dreh

Die Busch hat Techniken vermittelt, die helfen, wie auch die Erfahrung als Goldschmied: als pragmatisches Handwerk – gegen diese ganzen „Befindlichkeitsdiskussionen“, in denen sich manche Diven der Zunft verhedderten (und davon gebe es viele!). Der Herr Kommissar mag es gern harmonisch. Er hat vielleicht ein wenig zu oft erzählt, dass er mit Frau und Kindern im Wohnmobil zum Drehen fährt. Er wohnt da nicht, aber gemeinsam hinzufahren, das sei schon wichtig. Ist fast wie Urlaub.

Die Teller sind leer. Deswegen wagt der Herr Doktor nun endlich die Frage, die er sich auf leeren Magen noch nicht getraut hätte. Vielleicht, tastet er sich heran, ist das Unglück mit dem doppelten Mittagessen ja gar kein Zufall? Kann Herr Striesow auch bei Filmangeboten nicht Nein sagen, obwohl er gerade erst einen gedreht hat? Ist der Herr Kommissar nicht fast zu oft zu sehen, hat er keine Angst, das Publikum könnte seiner einmal überdrüssig werden? Auch hier keine Eitelkeit, kein Herumlavieren. Sondern klare Worte.

Keine Zukunft im Fernsehen

„Ach, Angst habe ich ständig.“ Aber dann wird er plötzlich viel allgemeiner: „Ich wundere mich ja, dass die Zuschauer nicht ganz anderer Sachen überdrüssig werden.“ Welche Formate er meint, lässt er bewusst offen. Aber immer wenn er gefragt wird, ob er lange beim „Tatort“ bleiben wird, fragt er sich etwas ganz anderes: „Ich glaube nicht unbedingt, dass das Medium Fernsehen seine Bedeutung behält.

Das ist eine Entwicklung, die hat längst begonnen.“ Und die sogenannte werberelevante Zielgruppe, von der immer alle reden, die sei doch sowieso „längst abgewandert. Und wenn die doch dabei sind, laufen doch alle anderen Medien parallel: Handy, Computer, iPad, iPhone.“

Plötzlich sitzt kein Schalk mehr im Nacken, plötzlich ist der Guignol ganz ernst. Und dann sei da ja noch eine ganz andere Frage, die nämlich, ob er nicht selbst irgendwann keine Lust mehr habe. Nur, gäbe es einen Plan B? „Nein, haben Sie einen?“ Vielleicht, überlegt er, etwas mit ayurvedischer Weiterbildung. Das passt wieder zu seinem Kommissar Stellbrink. „Aber das ist ja eher was, worauf man mehr Lust hätte. Mit Geldverdienen hat das nichts zu tun.“ Freuen wir uns also, ihn noch eine Weile behalten zu dürfen.