Persönlich sind wir uns erstmals begegnet anfangs der Neunziger. Beide waren wir eingeladen, der Redaktion des „Neuen Deutschland“, vormals SED-Zentralorgan, damit wichtigstes Printerzeugnis der DDR und nunmehr auf dem Weg, ein linkes Tageblatt zu sein, unsere Meinung zu seiner Existenz in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mitzuteilen. Die Zeitungsleute saßen vor uns und hörten zu. Ergeben ertrugen sie unser Beschimpfungen. Ich kann mich erinnern, dass hinsichtlich Schärfe und Erbarmungslosigkeit keiner von uns hinter dem anderen zurückstand.

Peter Ensikat war nicht sehr groß gewachsen. Er hatte ein auf sympathische Weise zerknautschtes Gesicht. Seine Stimme war etwas angeraut. Auch im persönlichen Gespräch bevorzugte er die Pointe, was gleichsam der Reflex war auf eine seiner künstlerischen Tätigkeiten, die des Kabarettisten. In Diktaturen ist Kabarett ein gleichermaßen dankbares wie hochriskantes Geschäft. Die DDR war, schon ihrer eigenem Selbstdefinition zufolge, selbstverständlich eine Diktatur.

Sie betrug sich nicht ganz so blutig wie ihre braune Vorgängerin, schon da sie viel kleiner und ärmer war und zudem der größere deutsche Teilstaat ihr ständig zusah, was gewisse Radikalisierungen zu verhindern half. Immerhin: Es gab eine strenge Zensur, es gab keine freie Rede, und jegliche Äußerung außerhalb staatlich vorgegebener Normen wurde zu einem Balanceakt. Belohnt sah er sich durch ein wunderbar aufmerksames Publikum, das schon auf vage Anspielungen begeistert reagierte.

Ensikat, Bruder des Buchgestalters und -illustrators mit Vornamen Klaus, geboren in Finsterwalde, gehörte zum Halbdutzend prominenter Kabarettisten in der DDR. Die Brettel, für die er schrieb, hießen „Herkuleskeule“ und „Die Distel“, eine in Dresden, die andere in Ost-Berlin daheim. Die Beziehung zur „Distel“ war besonders eng; nach dem Ende der DDR hat Ensikat das Unternehmen, als Gesellschafter wie als künstlerischer Leiter, bei seinem Weg ins wiedervereinigte Berlin erfolgreich begleitet.

Von Hause aus war er Schauspieler. Mit Peter Sodann hatte er, noch als Student, einem Leipziger Laienkabarett angehört, das „Rat der Spötter“ hieß und das die SED brutal zerschlug. Sodann wurde zu zwanzig Monaten politischer Haft verurteilt. Ensikat hätte das gleiche Schicksal ereilt, doch er lag gerade im Krankenhaus, so kam er davon. Der Schriftsteller Christoph Hein erzählt vom Schicksal der Truppe in seinem Roman „Der Tangospieler“, der, man mag es kaum glauben, noch in der DDR erschien.

Wie Peter Sodann, später prominent als TV-Kommissar, wirkte auch der Schauspieler Peter Ensikat in Kriminalfernsehspielen mit. Bedeutsamer freilich wurde sein Engagement für das Kindertheater. Es gehörte zu den Sonderbarkeiten fast aller Staaten im Realsozialismus, dass Belletristik für Heranwachsende, im Buch und auf der Bühne, eine erhebliche Förderung genoss. Für kritische Geister war dies eine Nische. Berühmtestes Beispiel ist der sowjetische Autor Jewgenij Schwarz, der seine antistalinistischen Texte als Kinderstücke maskierte und sozusagen direkt unter Stalins Augen zur Aufführung bringen konnte. Peter Ensikat hat vornehmlich für das Theater der Freundschaft gearbeitet, als Autor wie als Darsteller; die Bühne heißt heute Theater an der Parkaue. Seine Stücke für junges Publikum waren bevorzugt Adaptionen von Grimm-Märchen, wurden viel gespielt, auch in Ausland, auch im westlichen Ausland.

Prosa-Autor im neuen Deutschland

Die dritte Seite des Künstlers Ensikat war die des Prosa-Autors. Sie begann erst im Zeichen des wiedervereinigten Deutschland. 1993 druckte ein Münchener Verlag den Band „Ab heute geb’ ich nichts mehr zu. Nachrichten aus den neuen Ostprovinzen“, es war der satirische Versuch, mit den inflationär gewordenen politischen Anklagen und Selbstanklagen bei den Ostdeutschen ein wenig aufzuräumen.

Das Buch erregte ziemliche Aufmerksamkeit. Der Autor blieb dem Genre wie auch dessen Tendenz weiterhin treu. Wer, als Ossi, sein Leben in der DDR rückblickend als auswegloses Unglück empfand, traf hier auf satirisch gewürzte Tröstungen. Das letzte solcher Bücher, ausgestattet mit einem Vorwort des alten Kabarettistenfreundes Dieter Hildebrand, trägt den schönen Titel „Ihr könnt ja nichts dafür! Ein Ostdeutscher verzeiht den Wessis“.

Am Montagnachmittag ist er 71-jährig gestorben, wie am Dienstag bekannt wurde. Dass er nicht mehr gesund war, wussten nur wenige. Wolfgang Schaller, Chef der Dresdner „Herkuleskeule“ und von ähnlichem Witz, von ähnlicher Gesinnung wie Ensikat, hat sich so geäußert: „Ich verliere nicht nur meinen engsten Freund, der 35 Jahre lang mein Schreibpartner war. Ich verdanke ihm viel und weiß um den Verlust.“ Das Bewusstsein des Verlusts teilt er mit vielen.

Der Autor Rolf Schneider ist Schriftsteller. Zuletzt erschien seine Autobiografie „Schonzeiten“