East Side Gallery

Der Teilabriss ist ein Angriff auf die Identität Berlins

Ist es sinnvoll, eine spontane Aktion in etwas Dauerhaftes verwandeln zu wollen? Schriftstellerin Tanja Dückers über die East Side Gallery.

"Ist Kultur denn jarnischt mehr Wert?!" wird auf einem Transparent bei einer Demonstration gegen den Teilabriss der East Side Gallery gefragt. Der kalkuliert eingesetzte Berliner Dialekt weist schon auf die Fallhöhe des Problems hin: Die East Side Gallery im Berliner Stadtteil Friedrichshain, in Nähe der Oberbaumbrücke, ist mit 1,3 Kilometer das längste erhaltene Stück der Berliner Mauer und die weltweit größte Open-Air-Galerie. Nach dem Mauerfall wurde der Betonwall von knapp 120 Künstlern bemalt.

Nun will ein Investor zwischen Spree und Mauerstück ein Hochhaus mit Luxuswohnungen errichten. Darüber hinaus ist hier der Neubau der historischen Brommybrücke geplant – jedoch nur noch als Steg für Fußgänger und Radfahrer.

Die Brommybrücke war einst eine Straßenbrücke über der Spree, sie lag zwischen Schilling- und Oberbaumbrücke. Die Brücke wurde von 1907 bis 1909 erbaut, am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört, und, anders als die 1995 wieder erbaute Oberbaumbrücke, das Wahrzeichen Friedrichshains, nicht wieder errichtet.

Hier wird ein neuralgischer Punkt getroffen

Für beide baulichen Vorhaben sollen Teile der East Side Gallery abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Am Freitag begannen die umstrittenen Arbeiten. Viele Berliner empfinden die Entfernung der East Side Gallery als Sakrileg, als Geschichtsvergessenheit. "Hier wird ein gesamtdeutsches und weltweites kulturelles Erbe abgerissen!", meint Robert Muschinski vom Bündnis "Mediaspree versenken!", das sich gegen das gigantomane Projekt Mediaspree wehrt.

Ob man in Athen wohl auf die Idee käme, die Akropolis zu verkaufen, fragt ein Demonstrant später in einem Online-Forum, andere vergleichen die East Side Gallery mit dem Brandenburger Tor oder der Siegessäule. Was auch immer man über diese hinkenden Vergleiche denken mag, zeugen sie davon, was für ein neuralgischer Punkt getroffen wurde.

Ein einzigartiger Touristenmagnet

Die Initiative "East Side Gallery retten!" verlangt nun vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, die Versetzung der Mauerteile zu beenden, die Gallery unter Denkmalschutz zu stellen und das Grundstück entweder vom Investor zurück zu erwerben oder einen Grundstücktausch anzubieten.

Tatsächlich muss man sich fragen, ob wirklich alle Möglichkeiten ausgelotet wurden, das geschichtsträchtige Bauwerk in die Stadtplanung miteinzubeziehen.

Wenn über Geld gesprochen wird, darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die East Side Gallery ein Touristenmagnet ist: 800.000 Touristen bestaunen jährlich das Mauerstück an Originalstelle.

Die East Side Gallery ist ein weltbekanntes Symbol für den Kalten Krieg und die Überwindung der SED-Herrschaft: Die Übermalung der Mauer ist, wenn auch nach dem Mauerfall geschehen, ein Signum für den Sieg von Kreativität und künstlerischem Querdenkertum über steinerner Teilungstristesse. Vorwende- und Nachwendezeit, Geschichte und Gegenwart sind hier in einem kollektiven Kunstwerk ineinandergeflossen.

Ständige Fälle von Vandalismus

Ein Problem bei der East Side Gallery ist ihr eigentlich temporärer Charakter: Die Bemalungen sind ungeschützt und verwittern ziemlich schnell. Auch werden ständig Fälle von Vandalismus berichtet.

Die Sanierung der East Side Gallery zum 20. Jahrestag des Mauerfalls, 2009, hat mal eben 2,2 Millionen Euro gekostet. Die Bemalungen müssen alle paar Jahre restauriert werden oder sie müssen, natürlich gegen Honorar, von den Künstlern immer wieder neu übermalt werden. Es ist die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, eine spontane Aktion in etwas Dauerhaftes verwandeln zu wollen.

Dennoch: Die deutsche Hauptstadt wird, insbesondere von den Jüngeren, deshalb so gern besucht, weil sie das Image einer sehr kreativen, lockeren Stadt hat. Orte wie das Tacheles oder die East Side Gallery sind mittlerweile feste identitäre Bestandteile Berlins geworden.

Gerade junge Menschen empfinden Paris oder London nicht nur aufgrund des hohen Preisniveaus weniger attraktiv als die deutsche Hauptstadt. Paris war in den 40-ern die Bohèmestadt schlechthin, "Swingin' London" in den Sechzigern die angesagteste Stadt, bevor es in seiner soziokulturellen Vorreiterrolle von New York abgelöst wurde.

Abneigung gegen Veränderungen aller Art

Berlins größtes Potenzial ist die Kreativwirtschaft, die mittlerweile einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Stadt ist. Viele Kulturschaffende aus Paris oder London, sogar aus New York, leben mittlerweile in Berlin. Sie empfinden die Stadt als aufregend, weil sie sich täglich vor ihren Augen verwandelt, weil sie jung, dynamisch und nicht blitzeblank ist.

Berlins Innenbezirke sind auch noch von Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen bevölkert. Die Spreemetropole erscheint ebenso volksnah wie pluralistisch, nicht nur museal und teuer. Jenseits von monetären Erwägungen sollte im Blick behalten werden, was Berlin wirklich attraktiv macht und von Einwohnern wie Besuchern als stadttypisch wahrgenommen wird.

Mit seinem lokalkoloristischen Ton offenbart das "Jarnischt"-Plakat aber auch eine grassierende Abneigung gegen Veränderungen aller Art in Berlin. Schwabenhass, Furcht vor Neureichen, Gentrifizierung beherrschen die Medien seit geraumer Zeit und lassen den Berliner leider nicht selten wie einen fremdenfeindlichen, miesepetrigen Kleinstadtbewohner erscheinen.

Unvorstellbar, dass sich in New York ein hochrangiger Politiker darüber beschweren würde, in einer Bäckerei seine Brötchen nicht im Lokaldialekt angeboten zu bekommen.

Spielraum zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit

Auch wenn im Fall der East Side Gallery viel für ihren Erhalt an historischer Stelle spricht (eine Verlegung würde das Mauerstück wie eine Disney-Attrappe erscheinen lassen), muss man den ständigen Protest gegen bauliche Veränderungen aller Art in Berlin kritisch sehen. Berlin ist identitätsgeschichtlich eine Stadt, die auf viele Menschen gerade aufgrund ihrer Offenheit gegenüber Neuem und ihrer dynamischen Wandlungsfreude anziehend gewirkt hat.

Wegen dieser Wandlungsfähigkeit hat diese Stadt furchtbare Zeiten besser überstanden als andere Städte, hatte die Kraft, sich kulturell nach der Nazizeit zu regenerieren.

Die vielen Auseinandersetzungen darüber, wie Berlin denn eigentlich sei, was die Stadt prägt und wer das Recht darauf hat, sie zu verändern, machen jedoch immer wieder deutlich, wie unruhig und polyphon die Geschichte Berlins gewesen ist: eine vorherrschende Meinung gibt es hier nicht, Berlin ist das, was noch immer gesucht, definiert, geformt, bestimmt werden will.

Dieser Spielraum zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit, zwischen Mauer und Utopie macht Berlin spannend. Das gilt gerade auch für die East Side Gallery.

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