Diese Liste könnte Begehrlichkeiten wecken: Es ist ein Überblick über die Gelder, die von Berliner Kultureinrichtungen auf die hohe Kante gelegt worden sind. Um Risiken abzufedern, um Sonder-Projekte zu finanzieren oder um Defizite auszugleichen. Die Aufstellung hat die Senatskanzlei, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ist in Berlin auch für die Kultur zuständig, für den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses zusammengestellt. Knapp zwei Dutzend Institutionen werden aufgeführt, bei einigen wie dem Renaissance-Theater sind die Rücklagen (5000 Euro) kaum erwähnenswert, bei anderen wie dem Friedrichstadtpalast oder der Opernstiftung liegen sie bei über sieben Millionen Euro.
Entstanden sind sie, weil Institutionen entweder mehr Geld eingenommen oder weniger ausgegeben haben als im (vorab aufgestellten) Wirtschaftsplan veranschlagt war. Mittlerweile dürfen die Einrichtungen diese Überschüsse behalten, das soll ein Anreiz für gutes Wirtschaften sein.
Staatsoper gleicht Einnahmeverluste aus
Berlins größtes Theater hat nur auf dem Papier die höchsten Reserven: 7.784.691 Euro waren es laut Senatskanzlei-Bericht beim Friedrichstadtpalast im vergangenen Jahr. Sie sind aber als Barmittel nicht vorhanden, sagt der kaufmännische Geschäftsführer Guido Herrmann. Und das liegt am Land Berlin. Denn das Revuetheater ist zu 100 Prozent eine landeseigene GmbH, da gelten andere Regeln. Bei der Gründung wurde das Betriebsvermögen (beispielsweise Scheinwerfer) bewertet und als Kapital eingebracht. Das ersparte dem Land zusätzliche Ausgaben, aber eigentlich ist die Eigenkapitalquote recht gering. „Gesund wären Rücklagen in Höhe eines Jahresumsatzes“, sagt Herrmann, das wären ungefähr 19 Millionen Euro.
Damit wäre die GmbH besser gegen eine Insolvenz geschützt. Die drohte vor ein paar Jahren unter Intendant Thomas Münstermann. Der agierte recht glücklos, das Zuschauerinteresse sank, schließlich musste Münstermann gehen. Nachfolger Berndt Schmidt führte das Haus auf die Erfolgsspur zurück, aber ein Verlustvortrag in Höhe von 5,7 Mio. Euro steht nach wie vor in den Büchern. Ein Großteil der Defizite seien entstanden, als das Abgeordnetenhaus 2003 dem Friedrichstadtpalast „ein Drittel der Zuwendungen gestrichen hat“.
Bei der Stiftung Oper in Berlin sind für die Staatsoper Reserven in Höhe von 7,3 Millionen Euro (Stand 2011) vorhanden. Sie dienen dazu, die Einnahmeverluste auszugleichen, sagt Peter F. Raddatz, der Generaldirektor der Opernstiftung. Weil das Gebäude Unter den Linden saniert wird, musste die Staatsoper im Herbst 2010 ins Ausweichquartier Schiller-Theater umziehen. Die Ersatz-Spielstätte verfügt aber nur über knapp 1000 Plätze, rund ein Drittel weniger als das Haus Unter den Linden, wo die Staatsoper in den vergangenen Jahren eine Auslastung im 90-Prozent-Bereich erreichte. Die Mindereinnahmen durch Kartenverkäufe „liegen bei drei bis 3,5 Mio. Euro pro Jahr“, sagt Raddatz.
Der Sündenfall unter Flierl
Die Rücklagen werden aber nicht reichen, weil die Sanierungsarbeiten zwei Jahre länger dauern als ursprünglich geplant – nach derzeitigem Stand. Dass die Staatsoper überhaupt noch einmal Geld bunkert, hat wohl einige Überzeugungsarbeit gekostet. Unvergessen ist am Haus der Sündenfall unter Kultursenator Thomas Flierl. Der löste 2003 die Rücklagen der Staatsoper (damals 7,2 Mio. Euro), der Komischen Oper (1,6 Mio.) und schließlich auch der Volksbühne (200.000 Euro) auf, weil er elf Millionen Euro im Kulturetat einsparen musste.
Auf knapp 5,9 Mio. Euro beziffert der Bericht die Rücklagen der Rundfunk-Orchester und –Chöre GmbH (ROC). Das Gesellschafterkonstrukt ist ähnlich kompliziert wie der Name, neben dem Bund und dem Land Berlin sind auch Deutschlandradio und der RBB beteiligt. ROC-Geschäftsführer Thomas Kipp bezeichnet das Geld als „Puffer“, unter anderem wegen Unsicherheiten aufgrund der bei den Sendern bevorstehenden neuen Gebührenperiode 2013-16. Die Gesellschafter haben die Zuschüsse laut Kipp 2010 erhöht, mit diesem Geld will der Geschäftsführer die steigenden Kosten der nächsten Jahre auffangen: „Bis 2016 werden die Rücklagen abgeschmolzen sein.“
Ein bisschen wirkt das wie die Schwäbische-Hausfrauen-Mentalität. Damit steht Kipp aber nicht allein da. Auch Susanne Moser, die Geschäftsführerin der Komischen Oper, hält es für „schwierig“, ein Haus ohne Rücklagen zu führen. Bei ihr stehen laut Liste 800.000 Euro auf der Guthabenseite – und diese Summe kann sie exakt aufschlüsseln: 280.000 Euro waren für den Intendantenwechsel in diesem Sommer eingeplant (Barrie Kosky hat zum Auftakt ein 12-stündiges Monteverdi-Spektakel inszeniert), 320.000 Euro für Havarien („wenn unsere alte Inspizientenanlage den Geist aufgibt, brauchen wir 500.000 Euro für eine neue“) und 200.000 Euro für den wegen der Sanierung des Hauses geplanten Umzug ins Schiller-Theater.
Geld für Castorfs Abschied
Unter den Berliner Sprechtheatern scheint die Volksbühne das schwäbischste zu sein. Der Bericht listet einen Überschuss von knapp 1,4 Mio. auf, Ende 2011 sei der auf 900.000 Euro gesunken, sagt Geschäftsführerin Gabriele Gornowicz und nennt dafür zwei Gründe: Bei Gastspielen habe das Theater weniger Einnahmen erzielt als im Wirtschaftsplan vorgesehen waren. Außerdem habe die Volksbühne ihre Zweitspielstätte Prater ausgebaut. Eine Investition, die wahrscheinlich abgeschrieben werden muss. Die Geschäftsführerin geht davon aus, dass sie den Prater wegen eines Restitutionsanspruchs verlieren wird. Aus den Rücklagen soll eine Ersatzspielstätte finanziert werden. Und etwas Geld hat sie schon zurück gelegt, um Frank Castorf einen künstlerischen beeindruckenden Abschied zu bereiten: Der Regisseur gibt im Sommer 2016 nach dann 24 Jahren die Volksbühnen-Intendanz ab.
Auch Thomas Köhler ist jemand, der mit der Etat-Eigenverantwortung sehr zufrieden ist. Früher war es so, dass Überschüsse zurück in den Landeshaushalt flossen, jetzt lohnt es sich, erfolgreich zu sein, weil das Geld im Haus bleibt. Köhler ist seit zwei Jahren Direktor der Berlinischen Galerie. Das Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur verfügt über keinen Ankaufs- oder Ausstellungsetat, muss für Projekte stets Drittmittel einwerben. Und hat eine Erfolgsgeschichte geschrieben: „Die Zahl der Besucher hat sich in den letzten drei Jahren auf 130.000 verdoppelt.“ Dieser Zuwachs führte zu höheren Einnahmen, obwohl nur Erwachsene Eintritt zahlen müssen. Gut 600.000 Euro konnte das Haus durch Ticketverkäufe zurücklegen. Und das fließt ins nächste Großprojekt, die für 2013 geplante große Wien-Berlin-Ausstellung.





