Jubiläum

Berliner Maxim Gorki Theater feiert 60. Geburtstag

Das Gorki-Theater wird 60 Jahre alt. Kaum einer kennt es so gut wie die Schauspielerin Ruth Reinecke. Sie ist bereits seit 1979 dabei.

Foto: Massimo Rodari

Am Anfang stand ein Parteibeschluss: Die SED wetterte gegen den „westlichen Existenzialismus“ auf den Bühnen, Bertolt Brechts Methodik war dem „Formalismus“ zugeordnet worden – in der noch jungen DDR vermisste die Einheitspartei die sozialistischen Themen und Helden im Schauspiel. Deshalb setzten die Genossen den Theaterleuten eine Modellbühne vor die Nase: das Maxim Gorki Theater.

Das wurde vor 60 Jahren in der ehemaligen Singakademie Unter den Linden eröffnet – auch als Gegengründung zu Brechts Berliner Ensemble. Gespielt wurde „Für die auf See“, ein Stück von Boris Lawrenjow, inszeniert wurde es vom Intendanten Maxim Vallentin persönlich. In dem Werk ging es um das moralische Fehlverhalten des Kommandanten eines U-Boot-Jägers im 2. Weltkrieg.

Standen in den ersten Jahren der Auftrag und die Linientreue im Mittelpunkt, versuchte das Haus später immer wieder mal, den Dogmatismus zu unterlaufen. Und schrieb 1988, die Mauer stand noch, Theatergeschichte: Mit der Uraufführung von Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ – einer ziemlich genauen Beschreibung des Zustands der DDR-Gesellschaft kurz vor dem Zusammenbruch. Und das Überraschendste war: Die Inszenierung wurde nach der Premiere nicht gleich abgesetzt, sie blieb im Spielplan. Wurde sogar zum (West-)Berliner Theatertreffen eingeladen. Ruth Reinecke, die seinerzeit die Schauspielerin Mette spielte und unter anderem den Satz „Ich will über die Grenze gehen!“ sprach, ist als Einzige aus der damaligen Besetzung noch heute Ensemble-Mitglied des Maxim Gorki Theaters. Und sie erinnert sich noch ziemlich genau an diese legendäre Aufführung, die am 30. März 1988 Premiere hatte.

Das ZK schaute zu

Albert Hetterle war damals Intendant, er hatte das Haus 1968 von Vallentin übernommen. Er war Mitglied der Berliner Bezirksleitung der SED, aber dieses Stück, an das sich keiner so recht heranwagte, „das wollte er unbedingt machen, und Thomas Langhoff sollte es inszenieren“, erzählt Ruth Reinecke. Ein tolles Werk. „Es gab keine Differenz zum Text, das waren alles unsere Fragen, die in diesem Stück gestellt wurden.“ Hetterle spielte die Rolle des Kommunisten Wilhelm Höchst. „Ich werde den Moment, wo wir uns verbeugt haben, nie vergessen. Wir gingen als Ensemble nach vorne, wussten, dass die Leute vom ZK und der SED-Bezirksleitung da unten sitzen. Ich stand neben Hetterle auf der Bühne, wir krampften unsere Hände ineinander. Alle wussten, dem Albert war klar, dass er zur Disposition steht. Wir rechneten damit, dass er am nächsten Tag zur Bezirksleitung eingeladen werden würde.“ Dass die Inszenierung und der Intendant den Premierenabend nicht überleben würden.

Und dann kam alles anders. Hetterle blieb bis 1994 Gorki-Chef, die Langhoff-Inszenierung wurde zu Gastspielen in den Westen eingeladen. Auch zum Theatertreffen, die Aufführung wurde damals im Hebbel-Theater gezeigt. Eine „absurde Situation“, erinnert sich Ruth Reinecke. „Wir bestiegen hier vor dem Maxim Gorki Theater einen Bus, mussten die Pässe abgeben, fuhren zum Grenzübergang Chausseestraße, dann ein bisschen durch West-Berlin bis zum Hebbel-Theater. Wir probten, spielten die Vorstellung und das Ganze retour.“

Wilms wollte alles anders machen

Regisseur Thomas Langhoff hat Ruth Reinecke, die 1955 in Berlin geboren wurde, ans Gorki geholt, das war 1979. Sie hat vier der fünf Intendanten, die das Theater in seiner 60-jährigen Geschichte hatte, erlebt. „Wer war der beste?“ – „Ich habe die Frage nach dem Ranking befürchtet“, sagt Ruth Reinecke lächelnd. Und gibt eine diplomatische Antwort: „Jeder Intendant steht für die Zeit, in der die Intendanz stattfand. Im Vergleich zur Volksbühne und dem Deutschen Theater „war das Gorki ein kleines Haus, auch leichter zu regieren“. Hetterle „war eine prägende Gestalt“, in den letzten DDR-Jahren „müpfte das Gorki unter ihm gegen Staat und Regierung auf“.

Als die Wende kam, „war uns klar, dass es einen Wechsel geben wird“. Und da wollten die Schauspieler, ganz im Geist der Zeit, ein Wörtchen mitreden, schließlich „waren wir ein starkes Ensemble“. Es wurde mit Adolf Dresen gesprochen (der Vater von Andreas Dresen wollte lieber Oper machen) und Ruth Reinecke fuhr zu Frank-Patrick Steckel nach Bochum. Der hatte schlechte Erfahrungen mit dem Berliner Senat gemacht und sagte ebenfalls ab. Dann wurde es langsam brenzlig, Kandidat Thomas Langhoff übernahm den Intendantenposten am Deutschen Theater. Und dann präsentierte der Senat seinen Mann: Bernd Wilms, einen Wessi, aus Ulm kommend. Wilms wollte alles anders machen, prägte das Theater in Richtung Boulevard und Berlin. Er hat auf große Namen gesetzt, Ben Becker und Harald Juhnke traten auf. „Das passte zur Nachwendezeit, wo in allen Köpfen war, dass der Osten nichts taugt“, sagt Ruth Reinecke.

Glückloser Intendant

Wilms blieb bis 2001, unvergessen sein Zerwürfnis mit Oberspielleiter Uwe-Eric Laufenberg (Wilms wollte dessen fünfstündige „Alexanderplatz“-Inszenierung kürzen) und wechselte dann ans Deutsche Theater. Wieder beteiligte sich das Gorki-Ensemble an der Intendantensuche. Und diesmal verpflichtete der Senat den Wunschkandidaten: Volker Hesse kam aus Zürich. Es war eine glücklose Intendanz, unter „Hesse gab’s von allem etwas“ (Reinecke), darunter auch die mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnete Inszenierung „Der Kick“ von Filmemacher Andres Veiel. Die Off-Szene in Berlin wurde stärker, neue Theaterformen wurden entwickelt, die „konventionellen Theater mussten nach ihrer Rolle suchen, das war prägend für die Zeit von Hesse“, sagt Ruth Reinecke.

Hesse bleib lediglich fünf Jahre, das überraschte niemanden. Dann kam Armin Petras. Ein „starker Künstler“, der dem Gorki seinen Stempel aufdrückte. Er setzte sich mit der Geschichte auseinander, nicht nur mit der des Theaters. Petras ist ein Vielarbeiter, sein Ensemble und der ganze Betrieb kamen kaum zur Ruhe. „Es war nicht leicht, einen Platz zu finden“, sagt Ruth Reinecke, die mit Petras nie gearbeitet hat. Im kommenden Sommer verlässt der Intendant das Haus, er wechselt ans Staatsschauspiel Stuttgart.

Finanzielle Lage problematisch

Und das kleinste Berliner Staatstheater bekommt dann die erste Frau als Intendantin. Shermin Langhoff, die als Leiterin des Ballhauses Naunynstraße das von ihr so bezeichnete „postmigrantische Theater“ bis zum Theatertreffen gebracht hat, übernimmt mit Jens Hillje die Leitung. „Die Entscheidung ist kühn“, sagt Ruth Reinecke, „die gefällt mir für den Standort Maxim Gorki Theater gut.“ Aber „noch ist völlig offen, wie sie das Haus gestalten wird“, sagt die Schauspielerin, die wegen ihrer langen Zugehörigkeit unkündbar ist.

Die finanzielle Lage des Theaters gilt als problematisch, das Haus als unterfinanziert (ein Grund, warum Petras geht), die kleine Spielstätte Studio wird aus Kostengründen nur noch selten bespielt. Am Dienstag aber wird erst mal der 60. Geburtstag mit einem Sonderprogramm gefeiert, in dem wichtige Momente der Geschichte des Theaters lebendig werden sollen. Viele ehemalige Schauspieler wollen kommen, es gibt noch wenige Karten.

Entdecken Sie Top-Adressen in Ihrer Umgebung: Theater in Berlin-Mitte