Berliner Theater

Das neue HAU startet in seine erste Spielzeit

Annemie Vanackere eröffnet das neue Hebbel am Ufer. Morgenpost Online hat die Theater-Intendantin in den letzten Stunden vor dem Saisonstart begleitet.

Foto: Amin Akhtar

Als Annemie Vanackere beim Treppenhaus-Heruntergehen im ersten Stock des Kreuzberger Hinterhauses ankommt, bleibt sie vor der Tür der „Flying Steps Dance Academy“ stehen: Der Plexiglas-Kasten mit den Flyern hängt ein wenig schief. Sie rückt ihn wieder gerade. Nicht, dass sie etwas mit den Breakdancern zu tun hat. Die Truppe hat lediglich im selben Haus Räume, in dem auch das HAU 3 untergebracht ist. Das ist die kleinste Spielstätte des Theaterkombinats Hebbel am Ufer (HAU) – und Annemie Vanackere ist die neue Chefin.

Am heutigen Donnerstag startet sie in ihre erste Spielzeit, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat zugestimmt, seine Begrüßungsansprache doppelt zu halten, auf beiden großen Bühnen des HAU. Am Dienstagnachmittag, also zwei Tage vor der Wiedereröffnung, haben wir die 1966 in Belgien Geborene einen Nachmittag lang begleitet.

Sie isst noch Pasta, das Wirtshaus am Ufer, kurz WAU genannt, ist gut besucht. Das WAU ist so etwas wie die Kantine des HAU, als Annemie Vanackere aufsteht, damit wir gemeinsam zu ihrem Büro gehen, bleibt sie an einem großen Tisch stehen. Redet kurz mit der Managerin der niederländischen Gruppe Wunderbaum, die mit „Vision out of nothing“ das HAU 2 eröffnet und im November noch zwei weitere Arbeiten vorstellt wie „Geisterbahn“, das auf dem „Theatermacher“ von Thomas Bernhard basiert, angereichert mit musikalischen Motiven von Wagner. Mit Wunderbaum hat die Mittvierzigerin bereits in Rotterdam zusammengearbeitet, dort hat sie sieben Jahre lang die Schouwburg geleitet. Auch dieses Theater bestand aus drei Bühnen, aber die waren in einem Haus untergebracht.

Sie drückt aufs Tempo

Das ist beim HAU anders, aber zumindest sind die drei Bühnen fußläufig zu erreichen, die Intendantin verzichtet auf ihr Fahrrad. Zur Freude der Mitarbeiter, die schon warnend darauf hingewiesen haben, dass Radeln in Berlin viel Aufmerksamkeit erfordert und man dabei besser nicht telefonieren sollte. Vom HAU 2, wo ganz früher die Schaubühne gespielt hat, bevor sie in den Westen an den Lehniner Platz zog, gehen wir zum HAU 1, dem 1908 eröffneten Hebbel Theater.

Gehen ist untertrieben. Mit Annemie Vanackere Schritt zu halten, grenzt an eine sportliche Übung. Am Großbeerenkeller will ich instinktiv stoppen, aber sie sie schüttelt den Kopf. Der Durchgang ist verschlossen. Das Theater sollte für die Nutzung dieser Abkürzung zahlen, erzählt die Chefin, das hat sie abgelehnt. Der Etat ist mit 4,6 Millionen Euro sowieso knapp, das Land Berlin blieb seiner Linie treu, die Zuwendungen im Kulturbereich einzufrieren. Vorgänger Matthias Lilienthal hat mit vielen Projekt- und Förderanträgen diese Summe aufgestockt, diesen Weg wird auch die Nachfolgerin beschreiten.

Abkürzung über den Hof

Noch aber laufen wir im Schatten der Postbank zu einem anderen Durchgang: Sie hat diese neue Abkürzung entdeckt, man muss dann nicht ums Karree laufen, sondern kommt über einen Innenhof zum Bühneneingang. Sie siezt den Pförtner (im Gegensatz zum gängigen „Du“ im Headquarter und im Umgang mit Künstlern, mit denen sie wahlweise Niederländisch oder Englisch spricht) und fragt, ob wir auf die Bühne können. Können wir, denn Jérome Bel, der mit dem Theater Hora aus Zürich hier die Eröffnung mit „Disabled Theater“ bestreitet, wird erst an diesem Donnerstag proben. Das reicht, die Produktion ist schon kreuz und quer durch Europa gezogen, war auch in diesem Sommer auf der Kunstausstellung Documenta zu sehen. Aber noch nicht in Berlin.

Auf der Bühne des Hebbel Theaters stapeln sich Kissenbezüge. „Wow“, sagt Annemie Vanackere, die ein Exemplar in die Hand nimmt. Ganz schön farbintensiv. Sie streicht mit der Hand über den Stoff. Lediglich jeweils zwei Bezüge gleichen sich. Sie kommen auf die neuen Stahlstühle, die in den Foyers aufgestellt werden, denn an Sitzmöglichkeiten habe es gemangelt. In den Umgängen des Hebbel Theaters stehen jetzt Bänke, sehr bequem, auch die Höhe ist der zunehmenden Körpergröße angemessen, stellen wir bei einem Probesitzen fest.

„Fällt Ihnen etwas auf?“, fragt sie. „Es ist nicht mehr so dunkel hier“, antworte ich. „Wissen Sie noch, welche Farbe die Wände hier hatten?“ – Oje, ich muss passen. Sie waren dunkelblau, jetzt sind sie hell gestrichen. Alles sieht freundlicher, lichter aus. Die nächste Überraschung im Rangfoyer: Ein Teppich in konstruktivistischem Design, unter der Decke hängt eine sehr moderne Interpretation eines Kronleuchters – auch dies eine Idee der Ausstatterin Janina Audick, die die Räume neu gestaltet hat. Entsprechende Motive tauchen auch in den beiden anderen Theatern und dem WAU auf; „corporate identity“ heißt das auf Neudeutsch.

Wunderbaum probt

Wir gehen zurück ins HAU 2, dort im Foyer im ersten Stock stehen mehrere junge Männer auf mehreren Leitern und werkeln an der Beleuchtung herum: Regenbogenfarben. Ein echter Hingucker. Annemie Vanackere ist zufrieden. Im Saal probt Wunderbaum die Eröffnung. Die Intendantin sieht sich gewissermaßen selbst auf der Bühne, die Ansprache wird simuliert, aber mit dem Text ist sie nicht zufrieden. „Darüber reden wir heute Abend noch“, sagt sie, irgendwo zwischen Ernst und Ironie pendelnd. Auch die Künstler von Wunderbaum sind nicht begeistert, dass sie plötzlich aufgetaucht ist und zugehört hat, das sagt ihr später draußen an der Ampel vor der Hochbahn Dramaturg Willem, zwischen Ernst und Ironie pendelnd.

Wir sitzen jetzt in ihrem Büro, das sie sich mit ihrem Assistenten teilt, und trinken Gewürztee, das iPhone legt sie auf den Tisch, die Türen bleiben offen. Es herrscht eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre, frei von Hektik, obwohl noch so vieles zwei Tage vor der Eröffnung unfertig ist. Aber das ist bei Theater ja immer so: Werkeln bis kurz vor der Premiere. Eine Mitarbeiterin kommt herein, die Intendantin notiert sich die Uhrzeit für eine Besprechung – mit einem Füllfederhalter in einem Terminkalender, der die Größe eines gebundenen Romans hat.

Tierische Plakate

Hinter ihr im Büro hängt eines der Plakate der Werbekampagne: Tierköpfe. Lama, Panther, Äffchen, Dohle – sie hat sich für den Fuchs entschieden, überlässt die Interpretation dieser Wahl gern dem Besucher. Sie hat Philosophie an der Sorbonne studiert, wirkt begeisterungsfähig und pflegt eine herzliche, offene, aber auch verbindliche Art. Sie strebt keinen radikalen Neuanfang an, sondern knüpft an das Erfolgsmodell ihres Vorgängers an, Schwerpunkt bleibt performative Kunst aus Europa, sie setzt die Zusammenarbeit mit Gruppen wie She She Pop, Gob Squad oder Rimini Protokoll fort. Ihre eigene Handschrift wird schnell sichtbar werden, mit der Neugestaltung der Räume und des Auftritts (Blau ist die neue Farbe des HAU) hat sie schon ein Zeichen gesetzt. Sie bekommt einen Zettel gereicht: Die Abendkarte des WAU zur Neueröffnung. Mit der Bitte um Kommentierung. Später am Abend steht dann noch eine Weinprobe an. Die Gäste des HAU, sie sollen sich wohlfühlen. Gut gerüstet für die Herausforderungen auf der Bühne.

Entdecken Sie Top-Adressen in Ihrer Umgebung: Theater in Berlin-Kreuzberg