Produzentin

Barbara Broccoli - die wahre Frau hinter 007

Die Chefin von James Bond heißt nicht M. Sie heißt Barbara Broccoli. Morgenpost Online sprach mit der Produzentin über ihr Leben und Bond.

Foto: Jens Kalaene / dpa/picture alliance

Barbara Broccoli produziert seit „GoldenEye“ zusammen mit ihrem Halbbruder Michael G. Wilson die Bond-Filme. Und führt damit das Werk ihres Vaters Albert R. Broccoli weiter, der 1961 zusammen mit Harry Saltzman die legendäre Filmreihe begründete. Eigentlich hält sich die 52-Jährige lieber im Hintergrund, für den neuen Bond „Skyfall“ machte sie indes eine Ausnahme und gab erstmals Interviews Morgenpost Online hat mit ihr gesprochen.

Morgenpost Online: Sie haben bei früheren Bond-Filmen nie Interviews gegeben. Woher nun der Sinneswandel?

Barbara Broccoli: Ich dachte, jetzt zum 50. Bond-Jubiläum komme ich nicht drum herum. Ich muss mich damit abfinden.

Morgenpost Online: Ihr Halbbruder, der mit Ihnen die Bond-Filme produziert, lässt sich kleine Cameoauftritte in den Bond-Filmen nicht nehmen. Für Sie käme das nie in Frage?

Broccoli: Oh nein, niemals. Ich mag’s ja schon nicht, wenn jemand ein Foto von mir macht. Ich bevorzuge es, hinter der Kamera zu sein.

Morgenpost Online: Eigentlich schickt es sich nicht, mit Damen übers Alter zu reden. Bei Ihnen muss man es tun. Sie waren ein halbes Jahr alt, als Ihr Vater mit EON jene Produktionsfirma gründete, die alle Bond-Filme produziert hat.

Broccoli: Der Vertrag mit United Artists wurde am 21. August 1961 unterzeichnet. Das weiß ich so genau, weil es der Hochzeitstag meiner Eltern war. Mein Mutter hat es meinem Vater immer etwas übel genommen, dass er an diesem Abend zu einem speziellen Dinner einlud und einen Toast aussprach. Auf Bond. Sie sagte: Wolltest du uns nicht noch etwas sagen? Und er sagte: Oh ja, das Baby. Ich war gerade ein Jahr alt geworden. Und sie, immer böser: Wolltest du nicht noch etwas...? Er hatte es vergessen. Und es war ihr erster Hochzeitstag.

Morgenpost Online: Sie haben Ihr Leben buchstäblich mit Bond verbracht. Sie sind mit James Bond groß geworden. Als was haben Sie ihn als Kind empfunden? Einen Onkel? Einen Bruder?

Broccoli: Auf jeden Fall als Familienangehörigen. Und, das ist jetzt ein bisschen peinlich: Aber ich habe ganz lange gedacht, dass es Bond wirklich gibt. Am Tisch oder auch sonst wurde immer gesagt: Bond würde diesen Wein bevorzugen. Er würde dies oder das tun. Wie ein Verwandter, der nur weit weg wohnt und nie vorbei kommt. Nicht mal zu den Feiertagen.

Morgenpost Online: Sie haben also an Bond geglaubt wie andere an den Weihnachtsmann. Wann mussten Sie die Wahrheit erkennen?

Broccoli: Da war ich sieben oder acht. Da waren wir an einem Drehset, das muss in Japan gewesen sein, bei „Man lebt nur zweimal“. Da habe ich dann realisiert, dass Sean (Connery), der für mich natürlich Onkel Sean war, den nur spielte. Da gab es so einen Klappstuhl mit dem Namen drauf. Da hab ich’s dann kapiert.

Morgenpost Online: Sie haben in den Filmkulissen spielen dürfen? Haben mit Qs Gadgets spielen dürfen?

Broccoli: Das war natürlich viel spannender, als zur Schule zu gehen. Ich habe aber vor allem durch die Welt reisen dürfen. Ich darf das heute immer noch. Und ich bin mit all diesen großartigen Leuten aufgewachsen, die die Filme gemacht haben. Ich hab auch all deren Kinder kennengelernt. Mit denen bin ich heute noch in gutem Kontakt. Das war wirklich Familie für mich. Eine riesige Familie.

Morgenpost Online: Dann muss ich jetzt natürlich die gemeine Frage stellen: Welchen der vielen Onkel, die Sie hatten, ist denn in Ihren Augen der beste Bond-Darsteller?

Broccoli: Ich glaube, eine der Gründe, warum die Serie so erfolgreich ist, liegt gerade darin, dass diese sechs Schauspieler so gänzlich unterschiedlich sind. Sean Connery ist natürlich das Original. Hätte es ihn nicht gegeben, würden wir hier jetzt nicht sitzen und müssten nicht darüber reden. Ihm verdanken wir alles. Aber ich denke, alle Schauspieler waren richtig für ihre Zeit. Und haben die Rolle adaptiert, haben es zu Ihrem gemacht. Roger hat es natürlich mehr als Spaß angelegt. Natürlich musste man auch immer auf die Krisen der Zeit reagieren, bei Timothy Dalton war es die Aids-Krise, da konnte man nicht so weitermachen. Bei Pierce Brosnan fiel die Mauer, der Kalte Krieg war zu Ende und alle dachten, jetzt ist überall Frieden, jetzt braucht man keinen James Bond mehr. Nun, wir wissen es heute besser. Und bevor Daniel kam, hatten wir den 11. September. Alles Einschnitte, die die Welt verändert hatten, was wir natürlich aufgreifen mussten.

Morgenpost Online: Das war jetzt eine schöne Erklärung, warum Sie uns nicht erklären möchten, wer der beste Bond war.

Broccoli: Sehen Sie, warum ich keine Interviews geben will? Das ist hart für mich, ich bin ihnen allen doch so nah. Ich finde, sie waren alle unglaublich gut. Und sie haben alle Bestand.

Morgenpost Online: Sie haben erstmals bei „Octopussy“ an einem Bond-Film mitgearbeitet, waren danach als Regie- und Produktionsassistentin dabei. Ab wann war Ihnen klar, Bond wird Ihre Zukunft sein?

Broccoli: Wohl schon vor „Octopussy“. Erst mal wollte ich nur mit meinem Vater zusammen sein. So einfach ist das. Ich wollte so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen. Und er hatte so eine Leidenschaft für Bond, das hat angesteckt. Ich liebte es, seine Sekretärin zu spielen. Und was mein Vater liebte: ganz früh morgens als erster zu einer Location zu fahren. Wenn es noch dunkel ist und nichts da ist. Zu erleben, wie die Trucks kommen, wie die Scheinwerfer aufgestellt werden, die Schauspieler angefahren kommen – der ganze Zirkus. Mein Vater wollte das wieder und wieder erleben. Und ich auch. Das ist eine ganz eigene Magie.

Morgenpost Online: Wann hat Ihr Vater Ihnen und Ihrem Halbbruder die Bond-Geschäfte übergeben?

Broccoli: Im Jahr vor seinem Tod. Das war in der Vorbereitungszeit zu „GoldenEye“, den ersten Bond mit Pierce Brosnan. Mein Vater war damals schon sehr krank. Er sagte nur: Hier habt Ihr ein Huhn, das goldene Eier legt. Vermasselt es nicht.

Morgenpost Online: Was haben Sie da gefühlt? Verantwortung? Druck? Angst?

Broccoli: Natürlich war das ein immenser Druck. Aber ist es das nicht immer? Das ist doch bei allen Familienunternehmen gleich, ob Sie Brötchen backen oder Schuhe verkaufen. Es ist natürlich interessant, dass auf diese Weise Frauen ins Geschäft kommen. Es gibt einen Sohn oder eine Tochter, die führen das Werk fort. Die müssen nicht all die Zwänge ertragen, wie man sonst zum Job kommt. Trotz des Drucks war ich doch ziemlich glücklich.

Morgenpost Online: Und wie weit hat sich James Bond in Ihrer Ära, durch Sie verändert? Die früheren Bond-Filme waren eindeutig Männerkino, mit schnellen Autos und Macho-Sprüchen. Heute finden auch Frauen Bond-Filme attraktiv.

Broccoli: Den Verdienst würde ich mir gerne zuschreiben. Kann ich aber nicht. Der gebührt jetzt ganz klar Daniel. Daniel Craig hat seine Interpretation dieser Figur viel menschlicher angelegt, verletzlicher. Wir sehen viel mehr vom Innenleben Bonds, sehen seine Konflikte, Emotionen, Schmerzen. Und dass, obwohl Bond nicht viel spricht. Daniel hat die Figur ganz klar in eine andere Richtung geführt. Du kannst in seinen Augen sehen, was er denkt. Das ist wohl interessanter für Frauen: ein komplexerer Charakter, einer, der geliebt hat, dessen Herz gebrochen wurde.

Morgenpost Online: Dass aus dem Chef M eine Chefin wurde, geht doch aber sicher auf Sie zurück.

Broccoli: Das war eine geniale Entscheidung. Sie war aber auch nicht von mir. Das war die Idee des Regisseurs Martin Campbell und des Drehbuchautors Bruce Feirstein. Michael und ich waren sofort dabei, aber alles hing davon ab, die richtige Schauspielerin dafür zu finden. Das sollte dann kein Gimmick sein, keine Frau, die auf Kerl macht. Das wäre ein Desaster gewesen.

Morgenpost Online: Ist das Verhältnis von M und Bond irgendwie vergleichbar mit dem zwischen Ihnen und Daniel Craig?

Broccoli: Haha! Köstlich. Das ist ja wirklich... Haha... Entschuldigen Sie. Köstlich. Ich fürchte, das müssen Sie ihn fragen.

Morgenpost Online: Hab ich schon.

Broccoli: Was hat er gesagt?

Morgenpost Online: Mit todernstem Gesicht meinte er, das Verhältnis sei angespannt. Und wenn wir uns beschweren wollten, müssten wir uns an Sie wenden.

Broccoli: Typisch Daniel. Wir beide haben eine wirklich gute Beziehung. Und eine echte Freundschaft. Also, ich schicke ihn mit Sicherheit nicht auf Todesmission wie M. Aber okay, ich sende ihn auf Mission. Und okay: M liebt ihn auf ihre Art. Und sie ist wirklich überzeugt, dass er der Richtige für den Job ist. Insofern gibt es Parallelen.

Morgenpost Online: Sie haben damals auch auf Daniel Craig als 007 bestanden, als alle Welt erst mal gelacht hat. Insofern fallen alle Verdienste, die Sie Craig zuschreiben, doch wieder auf Sie zurück.

Broccoli: Ach, ich glaube, es drängt mich gar nicht danach, Verdienste zu vermerken. Ein Film ist immer Teamwork, in unserem Fall eben auch ein Familienunternehmen. Es ist ein Erfolg für uns alle.

Morgenpost Online: Jeder Bond-Mime wird einmal alt. Denkt man da schon frühzeitig darüber nach, wer als Nächster kommen könnte?

Broccoli: O nein. Einen Bond zu wählen, ist wie einen Ehemann zu wählen. Wenn du heiratest und diesen Weg mit ihm beschreitest, dann schaust du auch nicht nach links und rechts, wen es da sonst noch so geben könnte. Nein, daran ist nicht zu denken.

Morgenpost Online: Könnten wir in 20, 30 Jahren auch mal eine Jane Bond haben?

Broccoli: Sicher könnten wir eines Tages auch einmal eine weibliche Version eines Bond-Charakters haben. Schauen Sie, wie die Frauen sich im Laufe der Filme verändert haben. Erst mussten sie nur beschützt werden, jetzt sind sie längst selbst Spione. Ich weiß nicht, ob sich das mit dem Bond-Universum vereinen ließe, aber ein weiblicher Top-Spion, das wäre auf jeden Fall eine große Herausforderung.