Premiere

Schräger Berlin-Thriller ganz und gar ohne Schnitt

„90 Minuten – Das Berlin-Projekt“ nennt sich der neueste Hauptstadt-Film. Eine Verfolgungsjagd, die ohne einen einzigen Schnitt auskommt.

Foto: Oliver Feist

Wie geht das denn? Der Mann steigt am Berliner Bahnhof Zoo in die S-Bahn ein, die Kamera tut es mit ihm. Aber dann sitzen wir plötzlich in einer U-Bahn und halten erst draußen in Wuhletal und dann wieder zentral am Bundestag. Da reibt sich der Berlin-Kenner verwundert die Augen. Und das wird auch so bleiben. Denn Ivo Trajkovs Experimentalthriller „90 Minuten – Das Berlin-Projekt“, der morgen ins Kino kommt, jagt quer durch die Stadt wie kein Film seit „Lola rennt“. Er tut dies aber, und das geht weit über Tom Tykwers Werk hinaus, in „Echtzeit“ – also ohne jeden Schnitt. Zumindest ohne jeden erkennbaren. „90 Minuten“ darf man damit getrost als schrägste Produktion des an schrägen Titeln nun wahrlich nicht armen Genres Berlin-Film klassifizieren.

Rache am Guru

Alles beginnt – mit einer Filmpremiere. Der Star des Films, Sebastian (Blerim Destani) wird gefeiert, das Publikum sitzt im Saal und der Film geht los. Der Star aber bleibt draußen – und schaut auf die Uhr. Der Film geht 90 Minuten; so viel Zeit bleibt ihm für einen finsteren Plan. Er will Rache nehmen, will den Sektenguru (Udo Kier) töten, der seine Freundin (Nicolette Krebitz) auf dem Gewissen hat.

Sebastian rennt

Schon die Kino-Sequenz – sie wurde im Zoo-Palast aufgenommen, kurz bevor dort die Sanierungsarbeiten begannen – ist unglaublich: eine Viertelstunde, in der die Hauptfigur (und mit ihm die Kamera) durch die Eingeweide des Gebäudes läuft und dabei dauernd Nebenfiguren streift, die später wieder auftauchen werden. Dann aber geht es hinaus, zum besagten Bahnhof Zoo und dann quer durch die Stadt. An den Hauptbahnhof, an den ICC, ins Liquidrom, in die Katakomben des Wasserwerks Friedrichshagen – und zum Showdown auf die Dachterrasse des E-Werks, mit spektakulärem Blick auf die Stadt. Die Verfolgung erfolgt per Bahn, per Boot, es wird auch mal ein Fahrrad und ein Auto gestohlen. Überwiegend aber rennt dieser Sebastian und rennt und rennt. Wie einst Lola, aber mit blauem Hoodi statt roter Haare. Und der Kitzel wird noch dadurch gesteigert, dass der Verfolger teils selbst verfolgt wird, von Bodyguards oder der Polizei.

Ohne enervierende Wackelbilder

Man könnte annehmen, der Film sei mit enervierender Handkamera gedreht, Wackelbilder à la Lars von Trier. Aber weit gefehlt: Die meisterhafte Kameraarbeit von Suki Medencevic liefert stets gestochen scharfe Bilder. Und die ersetzen auch weitgehend Dialoge. Die Vorgeschichte wird in Rückblenden erzählt, aber auch diese werden genial in den permanenten Bilderfluss integriert: als gespeicherter Film auf dem Handy oder als „Spiegelungen“ auf Glasflächen.

Vielleicht kein Zufall, dass der Film nicht von Einheimischen gedreht wurde. Regisseur Trajkov und Hauptdarsteller Destani stammen beide aus Mazedonien, haben 2004 das erste Mal gemeinsam gearbeitet – und kamen 2008 auf ihre irre Idee. Dafür kam für sie aber nur eine Stadt in Frage: Berlin. Die haben sie sich noch während des Drehens entdeckt.

Vorreiter Hitchcock

Einen Film aus einer Einstellung heraus zu drehen, das hatte als erster Alfred Hitchcock gewagt: 1948 im Krimi „Rope – Cocktail für eine Leiche“. Der spielte zugegeben in einem einzigen Raum, was logistisch leichter zu bewältigen, aber für die Darsteller dennoch eine wahnsinnige Herausforderung war. Hitchcock stieß allerdings an die Grenzen des Machbaren: Eine Filmrolle konnte damals maximal zehn Minuten aufnehmen, also mussten die Schnitte kaschiert werden. Der erste, dem das Experiment mit den heutigen technischen Möglichkeiten glückte, war vor zehn Jahren Alexander Sokurov, der in „Russian Ark“ durch alle Räume der Eremitage in St. Petersburg und zugleich durch die gesamte Geschichte Russlands reiste. Ein einziger Tag stand ihm dafür zur Verfügung, zwei Mal wurde schon in den ersten Minuten gepatzt, beim dritten Mal musste es einfach klappen, sonst wäre das Projekt geplatzt.

Ein choreographischer Kraftakt

Trajkov und Destani, der den Film auch mitproduzierte, hatten immerhin fünf Tage Zeit. Aber eben nicht für einen geschlossenen Raum, sondern für eine offene, vibrierende Stadt, in der auch noch dauernd nichtsahnende Passanten durchs Bild liefen. Zweieinhalb Monate wurde geprobt: ein einziger choreographischer Kraftakt. Dann ging es los. 20 Minuten mussten pro Tag im Kasten sein. Bei einer normalen Filmproduktion schafft man ein bis zwei Minuten. Nicht selten hakte es in den letzten Sekunden, dann hieß es: Alles auf Anfang. Manchmal sieben Mal hintereinander. Die fünf Schnitte, die es dann doch gibt, geben musste, sind geschickte, nicht wahrnehmbare Nahtstellen. Man geht in ein Dunkel und taucht woanders auf oder die Kamera macht einen Reißschwenk, da verwischen die Details.

Immer mehr Nervenkitzel

Üblicherweise ärgert man sich bei Stadtfilmen, nicht nur von Berlin, auch von New York oder London, dass die Drehorte geographisch überhaupt nicht zusammenpassen. Hier aber macht das einen der Hauptreize aus: herauszufinden, an welchen Ort es den Rächer jetzt verschlagen hat – und welchen irrsinnigen Sprung er dafür in Wirklichkeit machen müsste. Der Film nimmt dabei immer mehr an Tempo auf – und an Nervenkitzel.

So schnell sind 90 Minuten selten rum. Zuletzt kommt natürlich alles ganz anders als gedacht. Den Schluss wollen wir hier nicht verraten. Nur soviel: Wenn der Film vorbei ist, ruft eine Stimme aus dem Off „Cut“. Und alle atmen erleichtert auf.