Premiere

Große Gesten beim „Jedermann“ im Berliner Dom

Zum 26. Mal finden die Jedermann-Festspiele in Berlin statt. Hofmannsthals Tragödie wird im Dom aufgeführt - als wäre es schon Weihnachten.

Foto: Jens Kalaene / dpa

„I hab"s joaaa scho zwanzig Moal gsen“, sagt der gut gekleidete Österreicher. Weil er aus Salzburg komme, führt er fort, macht es ihm auch nichts aus, dass es keine Pause gibt. Nein, er begrüßt es sogar. Der Helmut Berger, der sei übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass man nicht zu schnell nach oben kommen soll. Der Mann bildet tolle Sätze mit Visconti und Hollywood.

Eine Reihe weiter vorne sitzt Jörg Thadeusz, sagt zumindest einer zu seiner Begleitung. Alle sehen so festlich aus. Ein alter Mann, er kann nur noch langsam gehen, wird von seiner ebenso alten Begleitung an den Platz geführt. Sie trägt Pelz über dem Kleid und er einen todschicken Smoking mit Fliege. Fast ist es so, als sei Weihnachten. Wahrscheinlich fühlt sich das so an, weil man Kirchen und besonders den Berliner Dom meistens nur an Weihnachten besucht. Deswegen denken auch viele Weihrauch sei etwas weihnachtliches. In Wahrheit ist Weihrauch aber nur Harzqualm. Und dann geht um 20 Uhr das Licht aus.

Erst sehen wir den Tod, und dann dreht sich der Jedermann. Auf der Weste blühen rote Blumen. Der Mantel kreist. Er ist berauscht von sich, vom Geld und der fixen Idee einen Lustgarten anzulegen. Wie schön er tanzt. Wie ein Derwisch. Linksherum. Rechtsherum. „Einen Lustgarten!“, jauchzt der Eitle. Eigentlich ist das verrückt, ein Theaterstück ohne Bühnenbild aufzuführen. Aber der Dom. Kathedralen, Kirchen, das waren in ihrer Zeit die größten Bühnen überhaupt.

Stockkonservativ gespielt

Zum 26. Mal finden nun die Jedermann-Festspiele in Berlin statt. In der Stadt in der Hugo von Hofmannsthals Tragödie vor 101 Jahren zum ersten Mal aufgeführt wurde. Und die Leute kommen immer noch. Sicherlich mag das an der Kulisse liegen. Der Jedermann wird sehr klassisch aufgeführt. Nein, eigentlich wird er stockkonservativ gespielt. Große Gesten. Beim Erstaunen der Mund sehr weit auf, die Augen natürlich mitaufreißen.

Dafür spielt aber auch ein SOS-Kinderdorf-Sonderbotschafter den Jedermann. Francis Fulton-Smith kennt man meist aus Fernsehserien wie Soko, Rosamunde Pilcher oder das Traumschiff. Aber er passt super in das Stück. Man nimmt ihm die Verachtung von Armut richtig ab mit seinen strahlenden Zähnen. Seine Buhlschaft wird von Barbara Wussow dargestellt. Auch sie verfügt über Erfahrung. Schwarzwaldklinik, auch Traumschiff, Traumhotel, Tausendmal berührt und Rosamunde Pilcher.

Die Bankreihen des Doms sind ziemlich unbequem. Sehr eng. Die ersten zwei Reihen sind bestuhlt, das ist sehr praktisch. Beim Einschlafen stützt die Rückenlehne den Kopf des Gastes in der ersten Reihe. Seine Frau piekst ihn in die Seite und peinlich berührt, hält er sich gestenreich den Daumen ans Kinn.

Die best gespielte Szene

Der Tod spricht zu Jedermann. Auf einem lasterhaften Fest, bei dem sich die Gäste in schlimmer Abendgarderobe in den Armen liegen und eng tanzen, hört der arme Reiche nun Gevatters Stimme. Es trifft ihn wie einen Herzinfarkt. Ein Delirium so absinthschön verschlingt den Lebemann. Die Gäste der Soirée in Ballkleidern, Anzügen mit spannenden Jacketts bewegen sich in Zeitlupe, werden dunkle Fratzen, während Jedermann mit dem Tod ringt. Das Gold des Altars funkelt. Die wahrscheinlich best gespielte Szene des ganzen Stückes. Unheimlich, wie die Leute stillstehen.

Am Ende bewahrt der Glaube den Jedermann vorm Teufel. Der Teufel übrigens ist Raucher. Hat eine drollige Trillerpfeife. Er ist ein netter Satan. Und Jedermann hat inzwischen ein weißes Hemd. Dadurch können auch die in der letzten Reihe sehen, dass er jetzt gereinigt ist. Dass er es bereut, den armen Schuldner ins Gefängnis geworfen zu haben, dass er es bereut nur aufs Geld aus zu sein.

Vor dem Dom holt ein Busfahrer die wichtigen Gäste ab. „Kaffee Moskoff, einsteigen bitte“, ruft er. Im Rückspiegel schaut er auf den angestrahlten Dom. Er hört bestimmt die grässliche Stimme der Dame hinter ihm, die sich „vor der Aufführung noch schnell Sushi reinjepfiffen“ hat, wie sie sagt. Er blickt nach vorne, hält vor dem „Berlin Moscow“ Unter den Linden. Und die Dame wird später einige Löffelchen Krabben auf Avocado-Mousse essen. Sie wird schalen Prosecco trinken, und ihr Mann wird eine Zigarre rauchen. Der Tod aber, der bleibt im Dom.