Salzburger Festspiele

Das Dekolleté der "Buhlschaft" rettet "Jedermann"

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Ulrich Weinzierl

Seit 100 Jahren treibt das Mysterienspiel vom Sterben des reichen Mannes sein Unwesen. Salzburger Flair und tief dekolletierte "Buhlschaften" machen es möglich.

Seine Kritik beschloss Alfred Kerr mit einem schlicht formulierten Befund: "Ich warne." Es hat naturgemäß nichts genützt. Auch andere Verrisse, Parodien und satirische Seitenhiebe leidgeprüfter Rezensenten blieben ohne Wirkung. Der "Jedermann", Hugo von Hofmannsthals Mysterienspiel vom Sterben des reichen Mannes, das am 1. Dezember vor 100 Jahren von Max Reinhardt im Berliner Zirkus Schumann uraufgeführt wurde, ist nicht umzubringen. Also allein schon deshalb unsterblich.

Der Dramatiker Hofmannsthal hat als Librettist für Richard Strauss überlebt, er hat als Komödienschreiber mit dem "Schwierigen" und dem "Unbestechlichen" überlebt. Vor allem jedoch gelang ihm dies mit seinem "Jedermann", der seit 1920 insbesondere die Theaterszene der Salzburger Festspiele beherrscht. Die jeweiligen Darsteller des Jedermann und seiner meist heftig dekolletierten "Buhlschaft" sind die Regenten des Salzburger Sommers.

Opfer der Meteorologie

Klar, dass die Kulisse der barocken Domfassade das Atout im Spiel der Hochpreiskarten bildet. Wer die Wahl hat, von der Nachmittagssonne auf dem Domplatz gegrillt (mittlerweile beginnt das Spektakel gottlob später) oder bei Regen im Großen Festspielhaus von den hofmannsthalschen Knittelversen niedergeknüppelt zu werden, entscheidet sich stets für das Freiluftspektakel. Leider hat man eben nie die Wahl, sondern ist Opfer des Schicksals, das hier den Spitznamen "Meteorologie" trägt.

Erstaunlicherweise stört an der berühmten Moralität des "Jedermann" ausgerechnet die moralische Fragwürdigkeit. Warum soll ein reicher Prasser und Hurenbock nach langen Jahren der Sünde ins Paradies eingehen dürfen? Nur weil er sich in Sterbensangst, somit unter unwiderstehlichem Zwang, plötzlich reuig zum Glauben bekehrt hat?

Kampfplatz um die Seele des Sünders

Zugegeben, sogar ein gewisser Heinrich Faust, der ein ungemein begabter Intellektualverbrecher war, wurde schließlich gerettet. In deutschen Landen liebt man nun mal die überirdische Ungerechtigkeit. Was bei Goethe das "Ewig-Weibliche" ist, ist bei Hofmannsthal die alles unter sich begrabende christliche Gnadenwalze. In beiden Fällen hat sich der Teufel, obwohl im Besitz weit besserer Argumente, mit eingezogenem Schweif vom Kampfplatz um die Seele des Sünders zu trollen.

In Salzburg jedenfalls ist der "Jedermann" längst eine Art Liturgie für Gottlose. Da sitzen keine "armen Nachbarn" auf den harten Holzbänken, stattdessen Nutznießer des im Stück personifizierten "Mammons". Sie werden mit reichlich Zukunftstrost versorgt. Keine Sorge, teilt uns der Dichter mit: Luxus und hemmungsloser Materialismus schaden nicht einmal auf Dauer! Ein frommes Wort zur rechten Zeit – und Abmarsch in die Seligkeit! Wie sagte bereits Hans Weigel, ein Heurigenlied und Hofmannsthals altertümelnde Sprache paraphrasierend: "Es wird ein ‚Jedermann‘ sein, und wir werden nit mehr sein."