Uraufführung

Unkaputtbar – 100 Jahre "Jedermann" in Berlin

Selbst im Jahr 1911, zur Uraufführung vor 100 Jahren in Berlin, galt der Stil des Stückes "Jedermann" bereits als reichlich altmodisch. Trotzdem wurde Hugo von Hofmannsthals Geschichte vom Sterben eines reichen Mannes zum Bühnenhit, der heute jedes Jahr in der Hauptstadt zu sehen ist.

Foto: picture-alliance / Pressefoto Ul / picture-alliance / Pressefoto Ul/picture alliance

Seine Kritik beschloss Alfred Kerr mit einem schlichten Befund: „Ich warne.“ Es hat nichts genützt. Auch andere Verrisse, Parodien und satirische Seitenhiebe leidgeprüfter Rezensenten blieben ohne Wirkung. Schon im Jahr 1911, zur Uraufführung, galt der Stil des Stückes „Jedermann“ als reichlich altmodisch. Der Reim ist schlicht gehalten und holpert gelegentlich. Die Rollen sind holzschnittartig angelegt. Bis zum Schluss spielt der erhobene Zeigefinger mit. Das mittelalterlich gehaltene Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal macht seinem Namen alle Ehre und strotzt gleichzeitig vor Moral.

Trotz allem wurde daraus ein Bühnenhit. Die Mitwirkung am Salzburger „Jedermann“ ist noch immer ein Ritterschlag in der deutschsprachigen Theaterszene – sowohl seitens der Regie, aber noch viel mehr bei den Schauspielern. 2012 steht erneut die Inszenierung von Regisseur Christian Stückl auf dem Spielplan. Ben Becker spielt den Tod. Die Buhlschaft ist wieder Birgit Minichmayr.

Die Karriere des Spiels vom Leben und Sterben des reichen Mannes begann heute vor hundert Jahren, am 1. Dezember 1911 in Berlin. Der umtriebige Theatermann Max Reinhardt inszenierte es im Zirkus Schumann, dem späteren Großen Schauspielhaus. Weil Reinhardt seit 1906 das Deutsche Theater gehörte, wird auch diesem Haus die Uraufführung zugeschrieben. „Das trifft nicht zu“, stellte das Theater zum Jubiläum richtig.

Salzburg hat "erst“ seit 1920 seinen Jedermann

Den Stoff hatte von Hofmannsthal 1903 entdeckt. Da waren Thema und Story bereits seit sechs Jahrhunderten variantenreich zu sehen. Die damals berühmteste Bearbeitung wurde vom Mittelalter an unter dem Titel „Everyman“ gespielt. 1904 lernten sich Reinhardt und von Hofmannsthal kennen.

Nach Salzburg kommt „Jedermann“ 1920 – ebenfalls durch Reinhardt. Seither gilt er als Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Während der Festspiele wird das Stück jedes Jahr auf dem Domplatz oder bei schlechtem Wetter im Großen Festspielhaus aufgeführt.

Berlin verdankt seine „Jedermann“-Festspiele der Schauspielerin Brigitte Grothum. Seit 1987 – zunächst im Westteil der Stadt – ist das Stück jedes Jahr zu sehen. 1993 wurde der Berliner Dom feste Spielstätte. Die Inszenierungen der Grothum sind beliebt. Mit besonderer Spannung wird auch hier immer erwartet, wer die Buhlschaft spielt. Darunter waren unter anderem Katarina Witt, Barbara Becker, Jenny Elvers-Elbertzhagen und zuletzt Barbara Wussow.

Die Geschichte selbst ist einprägsam und simpel: Dem Tod wird von Gott befohlen, Jedermann vor seinen göttlichen Richterstuhl zu bringen. Der lebt in Saus und Braus und hat wenig Mitgefühl mit seinen Mitmenschen. Gerade gibt er ein Bankett für Freunde, die ihn aber im Stich lassen, als Begleiter für die letzte Reise gesucht werden. Jedermann muss sein Leben erst bereuen, bis ihm doch noch Gefährten – Glauben und die Guten Werke – zur Seite stehen. Am Ende geht der Teufel leer aus. Gott verzeiht Jedermann.