Ausgerechnet Fußball. 2012 – da kann jetzt noch kommen, was will – war ein Horrorjahr, aus Berliner Sicht sowieso. Herthas endlose Niederlagenserie hatte alle Zutaten eines modernen Sportdramas (absurde Trainerwechsel, absurde Eigentore, absurde Schiedsrichterentscheidungen), das dann mit dem Spielabbruch in Düsseldorf, der kein Spielabbruch war, sein passendes Ende fand.
Auf die Europameisterschaft freute man sich daher wie auf ein Stück überzuckerter Sahnetorte, von der man Nachschlag zu nehmen hat und dabei so etwas wie „escht lecka“ nuscheln muss. Auch für die EM ist das Ergebnis bekannt: Joachim Löw versuchte cleverer zu sein als die Italiener. Dusslige Idee, aber auf unsereiner hört ja keiner.
Festgehalten hat das Projekt „EM-Titelgewinn“ und dessen Scheitern nun Regina Schmeken. „Unter Spieler - Die Nationalmannschaft“ heißt ihre Ausstellung, die im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist.
Regina Schmeken, Jahrgang 1955, arbeitet seit einer kleinen Ewigkeit bei der „Süddeutschen Zeitung“ und gibt der Zeitung eine eigene Bildsprache, so wie Barbara Klemm über Jahrzehnte der „FAZ“ eine gegeben hat. Aus Schmekens Arbeiten ragt der Bildband „Die Neue Mitte - Fotografien 1989 - 2000“ heraus; das Vorhaben war genau so doppeldeutig gemeint, wie es auch zu verstehen ist: Es ging sowohl um eine Sicht auf das sich rasant verändernde Zentrum Berlins, irgendwo zwischen restaurierten Bauten und Rummelplatz, wie auch um das politische Ziel der SPD unter Schröders Führung, die die neue Mittelklasse (unideologisch, irgendwie kreativ und ganz gut bei Kasse) erobern wollte.
Nun also Fußball. Knapp zwei Jahre hat Regina Schmeken die Nationalmannschaft begleitet. „Einen besonderen Zugang“ habe sie nicht gehabt, sagt Oliver Bierhoff, gegenüber anderen Pressefotografen wurde sie nicht bevorzugt.
Oliver Bierhoff ist der Teammanager der Nationalmannschaft, und er war es auch, der Regina Schmeken und den DFB zusammenbrachte, nachdem er Bilder von ihr in einer Münchner Galerie gesehen hatte. „Einen anderen Blick“ auf das Team habe er sich gewünscht, erzählt Oliver Bierhoff auf einer Pressekonferenz, aber natürlich wollte er keinen „voyeuristischen Blick“.
Nun ja. Eine Veranstaltung, die sich den Namen „Unter Spielern“ gibt, wirbt zwar genau mit dem Versprechen ans Publikum, dass es hier mehr erfahre, eine neue Sichtweise auf die Nationalmannschaft vielleicht. Bierhoffs Bilanz müsste daher gemischt ausfallen: Voyeuristisch ist hier jedenfalls nichts, der „andere Blick“ ist aber auch Wunsch geblieben.
Die Spieler drücken, starren, schieben, starren
Gut 40 Bilder werden ausgestellt, 88 Bilder umfasst der Katalog, und es sind wenige, bei denen man länger verweilt.
Es gibt eine Aufnahme, in der zwei sprintende Spieler sich nahezu gespenstisch synchron miteinander bewegen. Oder, auch im Spiel zwischen Holland und Deutschland, sieht man die Choreografie im Strafraum bei einem Eckball, kurz bevor der Ball (der noch nicht zu sehen ist) in die Mitte fliegt. Die Spieler drücken, starren, schieben, starren.
Das eindrucksvollste Bild versammelt keine Spieler, sondern das Publikum. Zu sehen sind deutsche Fans im Stadion, vielleicht 200 Menschen, und es ist wie ein ein modernes Wuselbild: Der eine gestikuliert, der nächste setzt zum Jubeln an, der dritte schaut gelangweilt, als ob der Ball gerade im Mittelfeld quergeschoben wird. Dieses Bild hat eine Fragestellung: Wie kann es sein, dass ein Haufen von, sagen wir mal, gleichgesinnten Menschen ein und dieselbe Szene mit völlig unterschiedlicher Mimik begutachten?
Und genau das – das Stellen einer Frage – fehlt den meisten Bildern. Sie erzählen keine Geschichte, sie wollen nichts Neues erfahren, sie machen nicht neugierig, wie es realiter in dem Augenblick nach dem Bild wohl weitergegangen sein mag. Sie berichten stattdessen von der Kraft, der Dynamik, der Eleganz, der Verbissenheit des Sports, kurzum sie erzählen nicht mehr als jeder gelegentlicher Zeitungsleser ohnehin schon lange wusste. Und nur weil Bilder schwarz-weiß sind, werden sie damit nicht auf einmal besonders künstlerisch wertvoll.
Fußball geht immer, wird man sich bei den Machern des klammen Martin-Gropius-Baus gedacht haben, der spricht ein neues, männliches Publikum an. Erweiterung der Zielgruppe, nennt man das. Dann startet man die Ausstellung passend zum Spiel gegen die Schweden und lässt Kulturstaatssekretär Bernd Neumann noch ein paar bemühte, weihevolle Worte haspeln. Im Grunde ist das alles okay, man muss nur abgebrüht genug werden, um solche belanglose Inszenierungen als notwendigen Teil der Kulturindustrie hinzunehmen.
Regina Schmeken: Unter Spielern – Die Nationalmannschaft, bis 6. Januar 2013 im Martin-Gropius-Bau in Berlin





