WM-Qualifikation

In Berlin wird sich alles um Ibrahimovic drehen

Schwedens Stürmerstar Ibrahimovic ist die grellste Marke des Welt-Fußballs. Am Dienstag ist er in Berlin, beim Spiel gegen die deutsche Elf .

Foto: JONATHAN NACKSTRAND / AFP

Blicken wir zurück auf eine ganz normale Woche im Berufsleben von Zlatan Ibrahimovic. Vorigen Sonntag hat der 31-jährige Spitzenstürmer seinen neuen Verein Paris St. Germain mit zwei superben Toren vor einer Niederlage gegen Titelkonkurrent Olympique Marseille bewahrt. Aufgrund der schwachen Partie der anderen PSG-Akteure verweigerte er danach in der Kabine jeden Anflug eines Wortes oder Lächelns. Seine Laune hatte sich noch nicht entscheidend gebessert, als er sich am Mittwoch, mittlerweile beim Nationalteam, die schwedische Journaille vorknöpfte: „Ihr wartet doch bloß darauf, dass alles falsch und schlecht läuft. Aber mich werdet ihr nie zerstören!“

Sprach"s und rettete die Nation am Freitag beim 2:1 auf den Färöer-Inseln mit einer brillanten Vorlage zum Ausgleich sowie dem Siegtreffer vor einer Blamage vor dem Spitzenspiel am Dienstag im Berliner Olympiastadion (20.45 Uhr).

Kein Wunder, dass so jemand eine eingetragene Marke ist: Zlatan. Sein Vorname wird seit 2003 durch das schwedische Patent- und Registrieramt geschützt als „höchstwahrscheinlich Zlatan Ibrahimovic meinend“. Und es stimmt ja auch: Wo Zlatan draufsteht, ist verlässlich Zlatan drin. Wer sich auf ihn einlässt, der weiß, was er bekommt.

Zwischen Genie und Irrsinn

Wer diesen ertragreichsten Fußballprofi aller Zeiten erwirbt, wie zuletzt der Pariser Scheichklub, der kann sich einstellen auf eine Melange aus Genie, Frechheit und Irrsinn, charmanter Schlagfertigkeit und dummen Sprüchen, rauer Herzlichkeit und wüster Egozentrik. Darauf, nie so genau zu wissen, was gerade als Nächstes angesagt ist. Auf einen, der jeden Trainer zur Weißglut bringen kann, aber eben auch auf etwas sehr Seltenes in der Plastikwelt des modernen Profifußballs. Es mag paradox klingen, weil er doch mit seinen horrenden Ablösen und Gehältern für viele die Urform eines Söldners darstellt, aber letztlich ist es kein Widerspruch, weil es ihm ja doch bloß um ihn geht: Zlatan ist immer noch Zlatan. Authentisch.

So wie er mit 19 war, als er seine ersten Einsätze für Malmö FF in der zweiten schwedischen Liga absolvierte. Es gibt Videos aus dieser Zeit, und wenn man sich die Pickel, die kürzeren Haare und die Provinzsportplätze wegdenkt, dann sieht man denselben Ibrahimovic wie heute. Einen, der mit Schiedsrichtern streitet und Gegenspieler schubst. Einen Zlatan, der bei einer Auswechslung das Abschlagen mit dem Mitspieler verweigert und daraufhin von den eigenen Fans ausgebuht wird. Der negative Energie verbreiten kann, und über den Malmös damaliger Sportdirektor Hasse Borg sagt: „Im Inneren ist Zlatan ein unglaublich weicher und freundlicher Typ. Es ist sein Background, der ihm diese großspurige Attitüde gegeben hat. Für ihn ist sie eine Art Maske oder Verteidigung vor dem, was er als Angriffe versteht.“

Ibrahimovic, Sohn jugoslawischer Eltern, kommt, um es kurz zu machen, aus einer der härtesten Ecken Europas. Geschichten über die Malmöer Großwohnsiedlung Rosengard erzählen das steingewordene Klischee urbaner Horrorvisionen. Inoffiziell doppelt so viele Einwohner wie offiziell, 62 Prozent arbeitslos, 84 Prozent mit Migrationshintergrund. Ja, so etwas gibt es auch in Schweden. Und nein, es ist wohl kein Zufall, dass von dort der beste schwedische Fußballer seit Menschengedenken stammt. Aus Rosengard schaffen es nicht viele weg. Aber wer es schafft, der hat besondere Qualitäten.

Auch sie sieht man auf den alten Videos: Ibrahimovic" unverwechselbare Art, Fußball zu spielen. Instinktfußball, Straßenfußball. Irgendwo zwischen Tanz und Karate. Wie er sich den Ball mit der Hacke aus der Luft angelt, wie die Gegenspieler schmeißfliegengleich an ihm kleben und doch immer wieder abperlen, wie er sie mit seinen Drehungen und Wendungen im halben Dutzend zu Boden schickt und den Ball dann irgendwann, wenn er keine Lust mehr hat, fast beiläufig ins Tor schiebt. Es ist ein Zlatan, den die Fans mit Sprechchören feiern, der ihnen selbst an kalten Wintertagen ein Leuchten in die Augen zaubert und den Reportern, wenn sie fragen, wie er das wieder angestellt hat, lächelnd antwortet: „Ich improvisiere einfach.“

Acht Titel in Folge für fünf Klubs

Das macht er bis heute, und damit hat er so kuriose Rekorde aufgestellt wie acht Meisterschaften in Folge für fünf Klubs in drei Ländern (die bei Ajax Amsterdam begonnene Serie riss erst diesen Mai beim AC Mailand) oder mindestens ein Champions-League-Tor für sechs verschiedene Vereine. Aber damit hat er auch so renommierte Trainer wie Barcelonas Pep Guardiola verzweifeln lassen, dessen Entlassung er einst dem Klubpräsidium mit dem Bonmot empfahl: „Diesen Philosophen brauchen wir hier nicht. Der Zwerg (Lionel Messi, d. Red.) und ich reichen völlig aus.“ Oder etwas weniger renommierte Trainer wie Lars Lagerbäck, den langjährigen schwedischen Nationalcoach, wegen dem er zwischenzeitlich schon seine Auswahlkarriere beendet hatte.

Unter Nachfolger Erik Hamren kam Ibrahimovic 2010 zurück, seitdem gibt er sich friedfertiger. Bei der EM verpasste man das Viertelfinale, aber Zlatan hatte seinen Spaß – er schoss das schönste Tor, einen sagenhaften Seitfallzieher gegen Frankreich, und wurde als einziger früh ausgeschiedener Spieler in die Topelf des Turniers gewählt. Schweden agiert jetzt offensiver, und sein Star genießt mehr Freiheiten. Eine vernünftige Taktik, denn Ibrahimovic ist nicht nur bester Stürmer, sondern locker auch bester Spielmacher des Landes. Außerdem einer seiner erfolgreichsten Buchautoren. Seine Autobiografie belegte wochenlang Platz eins der Bestsellerlisten.

Was Sie gerade gelesen haben, können Sie hingegen getrost vergessen. Empfiehlt Ihnen Zlatan. „Von allem, was über mich geschrieben wird, ist 95 Prozent reine Fiktion“, sagte Ibrahimovic diese Woche. „Ungefähr 2,5 Prozent hat eine gewisse faktische Richtigkeit. Und vielleicht 2,5 Prozent ist wahr.“