Morgenpost Online: Herr Khuon, das Jahrzehnt geht zu Ende. Was war prägend im Theater?

Ulrich Khuon: Die Nuller-Jahre, dieses labile Jahrzehnt, waren bestimmt von einem Verlust an Regeln und Verantwortung und einem Mehr an Angst vor wirtschaftlichen, ökologischen und klimatischen Katastrophen und religiösem Fanatismus. Gesellschaftliche Mehrheiten wussten eher was sie mit Sorge erfüllte und was sie nicht wollten, als wofür sie standen und womit sie sich identifizierten. Das Theater antwortete auf diese diffuse Atmosphäre mit einer Mehrstimmigkeit, deren extremste Exponenten Andreas Kriegenburgs verspielte Sehnsucht nach notwendigen Umwegen, Jürgen Goschs Rückführung auf schutzlose Purheit, Michael Thalheimers Suche nach Essenz und Stephan Kimmigs Auslotung psychischer Winkel und Verlorenheiten waren.

Morgenpost Online: Und die Renaissance des Dokumentartheaters?

Khuon: Ja, das stimmt. Es hat sich auch neu erfunden. Das ist ganz anders als das von Kipphardt oder Weiss. Das heutige Dokumentartheater hat ein viel spielerisches Element. Auch eine ironische Brechung. Poesie und Fakt kommen da noch mal anders zusammen. Alle diese Tendenzen verbindet aber, dass das Theater wieder stärker dazu beitragen will, einen Kommentar zur Wirklichkeit abzugeben.

Morgenpost Online: Ihr Kollege Claus Peymann beklagt, dass das Theater nicht mehr relevant sei, sondern an den Rand der Gesellschaft gedrängt werde?

Khuon: Darüber muss man nicht jammern, das Theater war natürlich in den 50er oder 60er Jahren mehr im Zentrum der Gesellschaft, aber die Gesellschaft bezieht sich inzwischen auch auf eine revolutionär veränderte Kommunikationsindustrie. Aber gerade die entgrenzte virtuelle Allgegenwart verstärkt den Wunsch nach konkreter Begegnung, nach dem realen gemeinsamen Erleben im Theater. Das Buch leidet auch erstaunlich wenig unter den elektronischen Medien.

Morgenpost Online: Wie die Zahl der Theaterbesucher...

Khuon: ..., die seit den 70er Jahren stabil ist. Es gibt ein großes Interesse am Theater, daran, unsere Sicht der Gesellschaft und des Menschen zu erfahren. Wenn man die wachsende Skepsis am Gemeinwesen betrachtet, dann glaube ich, dass die größte Chance darin besteht, von unten her eine Gemeinschaftsfähigkeit neu zu entwickeln. Das heißt aber auch, dass die Städte als demokratische Grunderfahrungsorte ein Bewusstsein von sich selbst entwickeln müssen - und das hat mit dem Sozialen, mit Bildung und Kultur zu tun. Das sind die Handlungsfelder, auf denen wir tätig sind, auf denen wir unsere Gemeinsamkeit reflektieren. Die Künste haben ein großes Wirkungsfeld, weil sie die Fragen nach dem Sinnhorizont sehr konkret verhandeln können.

Morgenpost Online: Der Spielplan Ihrer ersten Saison besteht aus einem Mix von neuen Inszenierungen und Übernahmen. Was läuft besser?

Khuon: Beide werden sehr gut angenommen. Natürlich laufen die Highlights, die wir weiter spielen wie "Faust", "Möwe", "Idomeneus" sehr gut, aber auch "Homburg" und "Öl" sind praktisch immer ausverkauft. Das finde ich phänomenal. Auch eine Inszenierung wie "Herz der Finsternis", die von der Kritik zerzaust wurde, ist hervorragend besucht.

Morgenpost Online: Das Publikum scheint sehr offen zu sein?

Khuon: Natürlich ist das Deutsche Theater ein Magnet. Wir profitieren hier auch von einer Situation, die da war. Aber wir können nach dreieinhalb Monaten sagen, dass es uns gelungen ist, an die Situation anzuknüpfen - trotz der unterschiedlichen Pressereaktionen.

Morgenpost Online: Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Khuon: Für mich ist es wichtig zu beschreiben, was ich will und warum ich das will. Unser Thema ist die Zerrissenheit des Individuums, zwischen seiner Sehnsucht nach Ordnung und dem Dazugehören - beispielsweise im "Homburg", in "Woyzeck" und "Glaube Liebe Hoffnung" -, und der gleichzeitigen Sehnsucht nach Individualität, danach, die eigene Freiheit auszuleben. Das erleben wir in "Öl", "Othello" oder "Menschenfeind". Wir haben viele Schritte getan. Nicht alles ist aufgegangen, aber das sind dann halt Arbeitssiege. Oder auch Arbeitsniederlagen. Ich finde, wir müssen uns auch einem Publikum, einer Stadt quasi prozesshaft zeigen. Das heißt, auch unser Kampf um den Stoff ist ein Kampf, den ich für veröffentlichungswert halte. Aber damit macht man sich halt auch angreifbar.

Morgenpost Online: Und bekommt dann einen Fehlstart attestiert?

Khuon: Der Mythos des Anfangs wird überschätzt. Gleichzeitig wird von außen unterschätzt, wie kompliziert es ist, mehrere Ensembleteile zusammenzuführen, einer Stadt zu begegnen, einen Ton zu finden für ein Haus. Das ist Arbeit. Da geht man Schritt für Schritt nach vorne und macht viele Erfahrungen.

Morgenpost Online: Sie sind zufrieden mit dem Auftakt?

Khuon: Ja. Durch das viele, was wir machen, habe wir sehr intensive Begegnungen im Haus und mit dem Publikum. Man kann sich ja nur durch Arbeit kennenlernen. Wir haben über 40 Schauspieler. Was wir machen, ist schon eine Überforderung. Das führt auch zu Kontroversen, aber das ist alles Teil des Weges. Wir müssen ja rauskriegen, wie wir ihn gehen wollen.

Morgenpost Online: Sie sind Anhänger des VfB Stuttgart und haben im Frühjahr richtig vorausgesagt, dass Stuttgart am Ende der Bundesliga-Saison vor Hertha auf einem Champions-League-Platz steht. Jetzt droht beiden der Abstieg?

Khuon: Bei Stuttgart bin ich ziemlich sicher, dass sie sich in der Liga halten, die haben eine sehr gute Substanz - und am letzten Spieltag auch endlich wieder drei Punkte geholt. Für Hertha wird es schwerer, ich bin trotzdem optimistisch.

Morgenpost Online: Das es nicht in der kommenden Saison ein Derby gegen Union gibt?

Khuon: Zumindest nicht in der zweiten Liga. Bei Union war ich schon. Eine tolle Atmosphäre.