Im Frack nach außen hin ganz distinguierte Gentlemen mit frivolem Schalk in den Augen, herrscht intern bei den Berlin Comedian Harmonists großer Aufruhr: Holger Off, der erste Tenor, kündigt seinen Ausstieg an. Nach knapp zwölf gemeinsamen Jahren mit über 1000 Konzerten will er wieder zu sich selbst finden. Unerhört, meint der Rest der Truppe. Glücklicher Weise besinnen sich die sechs Herren trotz Gezänk bald darauf, was sie im Innersten zusammen hält: Die Musik.

Ursprünglich einmal wurden im Dezember 1997 sechs singende Schauspieler für die musikalische Biographie „Veronika, der Lenz ist da – Die Comedian Harmonists“ verpflichtet. Die Komödie landete damit seinerzeit einen fulminanten Überraschungserfolg und fortan wurden die frischgebackenen Berlin Comedian Harmonists im In- und Ausland beinahe so umjubelt wie ihre großen Vorbilder. Deren jazzinspirierter, pointierter Gesangsstil ist selbstredend auch das Markenzeichen der Nachfolger. Bereits vor knapp zwei Jahren feierte die etwas andere Boygroup ihr zehnjähriges Bühnenbestehen. Jetzt endlich beehrten sie das Theater am Kurfürstendamm mit ihrem Jubiläumsprogramm „Verrückte Zeiten“. Die Berliner Erstaufführung riss die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hin.

Natürlich singen die Tenöre Holger Off und Ralf Steinhagen, die Baritons Olaf Drauschke und Philipp Seibert sowie Bass Wolfgang Höltzel viele bekannte Evergreens der Comedian Harmonists wie „Ein Freund, ein guter Freund“ und „Schöne Isabella aus Kastilien“. Formidabel von Horst Maria Merz am Flügel begleitet, klingen Frank Wittenbrinks Arrangements dabei spritzig und kein bisschen angestaubt.

Neben den Songs und Kabbeleien lässt Regisseur Lars Wernecke die Erzkomödianten von der bitteren Trennung der Comedian Harmonists erzählen. Im Gegensatz zum heutigen Vokal-Ensemble existierte das Original nämlich gerade mal acht Jahre: In Nazi-Deutschland erhielt die Gruppe zunächst Auftrittsverbot und tourte bis zur Auflösung 1935 nur noch im Ausland. Anschließend emigrierten die drei jüdischen Mitglieder. Sie gründeten die Comedy Harmonists, die in Deutschland verbliebenen Musiker das Meistersextett.

Die Berlin Comedian Harmonists hingegen schlagen trotz Zwistigkeiten einen völlig neuen Weg ein. Wie schon ihre Vorbilder wollen sie aktuelle Strömungen in ihr Repertoire aufzunehmen, und deklinieren daher die letzten Jahrzehnte musikalisch durch. Für die 1940er etwa steht Glenn Millers Meisterwerk „Moonlight Serenade“. Es folgen grandiose A-cappella-Versionen von den Beatles mit „Girl“, Nenas „99 Luftballons“ und Michael Jacksons „Billie Jean“. Ihre Wurzeln verleugnen die Sänger dabei mitnichten. Es wäre auch zu schade um ihre eigenwillige Interpretation von „Mein kleiner grüner Kaktus“. In jedem Fall zum Niederknien komisch.

Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 206-209, Charlottenburg, Tel.: (030) 88591188. Vorstellungen: 6. und 29.9.; 6. und 20.10.; 16. und 23.11., 20 Uhr