Schon im Jahr 1932 fragte Gustaf Gründgens bei Bertolt Brecht um die Erlaubnis, dessen „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ aufführen zu dürfen. Erst 1949 reagierte der Autor: „Meine Antwort ist ja“. Gründgens telegrafierte zurück: „Ueber Brief zu Tode erschrocken“. Es dauerte noch einmal zehn Jahre, Brecht war bereits gestorben, bis Gründgens die „Heilige Johanna“ in Hamburg zur späten Uraufführung brachte.
Das Stück entstand während der Weltwirtschaftskrise. Später galt es lange und immer wieder als ranzig und überholt. Adorno soll sogar gemeint haben, Brecht habe das Funktionieren der Börse überhaupt nicht richtig verstanden. Claus Peymanns Inszenierung am Berliner Ensemble litt an ihrer Harmlosigkeit. Jetzt, wann sonst, wäre der Zeitpunkt, diesen Brecht mal wieder auf seine Aktualitäts-Tauglichkeit und Stoßkraft in punkto Kapitalismus-Kritik zu überprüfen.
Nicolas Stemann hätte dafür der richtige Regisseur sein können. Das Stück macht nicht zuletzt auch als Schiller-Parodie Effekt. Und Stemann hat sich immerhin, wenn auch nur mit eingeschränktem Erfolg, der „Räuber“ und des „Don Karlos“ angenommen. Mit Ulrike Meinhof beschäftigte er sich auf dem Umweg über Elfriede Jelinek. Johanna wird am Ende zur Ulrike, sie will zunächst die Armen mit Suppe und Predigt aus ihrem Elend herausführen, spricht aber schließlich den Satz „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“. Aber solche Ansätze geraten in Stemanns Aufführung eher an den Rand. Das Deutsche Theater annonciert das „Schauspiel“ mit dem trivialen Motto „eine junge Idealistin (wird) zwischen den Fronten der Arbeiter und der Kapitalisten zerrieben“.
Stemann relativiert die gesamte Handlung, von Verfremdung mag man gar nicht reden. Vor allem der erste Teil wird kokett wie eine Probe oder szenische Lesung, Suhrkamp-Bändchen in der Hand, gespielt. Hier sind, neben dem später in Erscheinung tretenden Chor zunächst nur vier Schauspieler, drei Mann und eine Frau, auf der Bühne. Sie teilen sich die Rollen, springen zwischen ihnen hin und her. Jeder ist da mal der Pierpont Mauler, der preistreibende König der Fleischmärkte; er kommt scheinbar den Bitten und Wünschen Johannas entgegen, ist und bleibt aber der eigentliche Herr der Kurse und des Schicksals der Armen. Mal vom mäßigen darstellerischen Glanz abgesehen, hat das Rollen-Splitting gelegentlichen Witz, weil ja nun Johanna nicht mehr, wie gewohnt, auf Anhieb den veritablen King herauskennen kann.
Kein Milieu, kein Kolorit. Weder Kostüm-Proletariat noch Heilsarmee-Mädchen. Die Schauspieler tragen weiße Hosen und eine Art Revue-Sakkos. Die gewissermaßen stellvertretende Darstellerin der Johanna (Katharina Marie Schubert) muss wechselnde Pailletten-Klamotten tragen. Alles ist hier Zitat. Mit einer sichtbaren Video-Apparatur werden Bilder von Menschenmassen, Börsennotierungen und Ausschnitte eines collagierten Stadt-Modells projiziert: In „Chicago“ erkennt man den Berliner Fernsehturm, Häuser vom Potsdamer Platz und aus der Frankfurter Allee. Arg witzig: Die Front des Deutschen Theaters wird zur „Fleischfabrik“ deklariert. In den musikalischen Partien, mit einem selbstverständlich unkostümierten Chor und Musikern in den Proszeniumslogen, scheint sich Stemann nicht sicher, ob er mehr auf ein Musical oder aufs Oratorium hinauswill.
Nur in einer Figur bleibt dieser Zitat-Charakter keine reine Oberfläche. Margit Bendokat spielt eine alte Arbeiterin, vielmehr: Sie zeigt diesen Typus vor. Die Frau hat ihren Mann verloren, er ist in unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen in einen kochenden Sudkessel gefallen und umgekommen. Erst lässt sich die Frau mit einem Kantinen-Abonnement ködern. Dann gelangt sie zu kommunistischem Bewusstsein. Hier spricht Brecht. Und hatte nicht Stemann die Sprache „als die Hauptfigur des Stücks“ bezeichnet und angekündigt, er werde den „Text zum Klingen“ bringen? Als ob dieser Text nicht auch ohne Manipulationen am Stück klingen könnte! Bendokat beweist es Satz für Satz. Sie ist sozusagen das durchgehend leibhaftige Zitat des Brecht-Theaters. Während in der regielastigen Aufführung nicht „Brecht“, sondern m i t Brecht gespielt wird, bewahrt diese Schauspielerin den hohen und zugleich gebrochenen klassenkämpferischen Originalton.
"Heilige Johanna der Schlachthöfe" im Deutschen Theater, Schumannstraße 13a in Mitte. Kartentelefon: (030) 284.41.225. Termine: 21., 29. Dezember 2009; 3.,10., 28. Januar 2010.



