Sie ist nicht gerade die Traumbesetzung für die Rolle der Schwiegertochter. Lily Allen wurde zu Hause in London schon öfter beim Feiern erwischt, benutzt gerne Schimpfwörter und präsentiert sich auch bei ihrem Auftritt im ausverkauften Postbahnhof beileibe nicht wie das liebe Mädchen von nebenan.

Sie erscheint mit gestylter Punkfrisur, Rocker-T-Shirt, zündet sich eine Fluppe nach der anderen an und nuckelt genüsslich an der Bierflasche. Ihren ohne Zugabe gerade mal einstündigen Auftritt beendet sie mit dem Song "Fuck You". Wer die Prominententochter (Vater ist der britische Comedian Keith Allen) noch nicht kennt, wird nun sicher denken, man habe es hier mit einem Pop-Luder zu tun, das voll über die Stränge schlägt.

Seltsam ist jedoch, dass Allen trotz Laster und lockerer Zunge irgendwie auch ganz liebenswert wirkt. Sie versteht es, ihre ungezogene Art charmant zu verpacken. Dem Publikum gegenüber gibt sie sich ausgesprochen freundlich, besonders gegenüber dem weiblichen Teil, für den ihre aus dem Leben gegriffenen Beziehungsgeschichten in erster Linie bestimmt sind. Allen erzählt, dass es in ihren Texten um den netten Kerl geht, der im Bett versagt.

Oder um die Lust auf einen gemeinsamen Fernsehabend mit Fastfood. Leider kommt der unterhaltsame Stoff auf Platte besser zur Geltung. Im Studio assistieren ihr fähige Produzenten wie Mark Ronson, der mit seinem Faible für Retro-Soul bekannt wurde. Auf der Bühne indes wird die 24-jährige von vier Mietmusikern unterstützt, die ihr Programm herunterspielen.

Als wenig hilfreich erweist sich der Eindruck, dass Allen kein Stimmwunder ist. Richtig los geht es erst mit den Zugaben. "Smile" ist der Sommerhit, der Allen vor drei Jahren bekannt gemacht hat. Der aktuelle Erfolgssong "The Fear" darf natürlich nicht fehlen. Dennoch: Richtig überzeugend war der Abend insgesamt aber nicht.

huf