Und in ungeschminkter Art und Weise beantwortet er auch Fragen nach seiner Kindheit und dem problematischen Verhältnis zu seinem Vater. Mit Georg Preuße sprach Jan Draeger.

Morgenpost Online: Herr Preuße, ich bin gestern an einem Ihrer Plakate vorbeigegangen und habe gedacht: Eigentlich hat der Mann es als Prominenter ja gut: Der kann sich 20 Minuten vor sein Plakat stellen und keiner erkennt ihn.

Georg Preuße: Ja, das ist eigentlich wunderbar. Mein Problem ist nur: Ich darf das Maul nicht aufmachen.

Morgenpost Online: Wieso?

Georg Preuße: Weil mich die Leute an der Stimme erkennen.

Morgenpost Online: Erkennt man Georg Preuße auch optisch als Mary?

Georg Preuße: Eigentlich weniger. Wenn ich zum Beispiel den "Jedermann" spiele, habe ich auch eine Maske, die nichts mit Mary zu tun hat. Ich verändere mich auch da. So wie Gustaf Gründgens, der sich auch gern hinter Masken versteckt hat.

Morgenpost Online: Schmeichelt es Ihnen bisweilen, prominent zu sein?

Georg Preuße: Mary ist prominent, Georg Preuße nicht. Im Großen und Ganzen ist es so, dass ich den Schatten von Mary habe und man mich nicht sieht. Prominent zu sein ist nicht notwendig für einen Künstler. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, bin mehr der Arbeitertyp. Nur trage ich statt des Arbeitskittels ein Paillettenkleid. Prominent zu sein ist nicht schön. Es schränkt privat ein. Man muss aufpassen, dass einem nicht das Stück Fleisch von der Gabel fällt. Ich habe lieber das Inkognito eines Büroangestellten.

Morgenpost Online: Ist Mary eitler oder Georg Preuße?

Georg Preuße: Georg Preuße ist künstlerisch sehr eitel.

Morgenpost Online: Vor dem Spiegel nicht?

Georg Preuße: Nein. Mary dagegen will nicht nur geistig, sondern auch optisch ein Appetithäppchen sein.

Morgenpost Online: Sie kommen aus dem niedersächsischen Städtchen Ankum. Wie sind Sie dort aufgewachsen?

Georg Preuße: Meine Eltern hatten ein großes Elektrogeschäft. Ich wurde kurz nach dem Krieg geboren, und ich habe diese ganze Aufbauphase mitgemacht. Damals gab es bei uns nur eine Lederhose, und die wurde immer weitergetragen.

Morgenpost Online: Hatten Sie eine gute Kindheit?

Georg Preuße: Ich war nicht glücklich. Auch weil ich meine Eltern kaum gesehen habe. Selbst zu Weihnachten ging das Telefon: Da hatten wieder irgendwelche Leute zu viele Lampen an die Lichterketten angeschlossen, und mein Vater musste los, die Sicherung auswechseln.

Morgenpost Online: Wie war Ihr Vater daheim?

Georg Preuße: Sehr streng. Man konnte zu Weihnachten als Kind nicht herumtollen. Meine Großmutter hatte mir einmal etwas genäht, weil sie wusste, dass ich gern Theater spiele. Ich hatte das gerade angezogen, und in dem Moment kam mein Vater nach Hause. Das waren die schlimmsten Weihnachten, die ich jemals erlebt habe. Er hat getobt. Es war grauenhaft.

Morgenpost Online: Hat Ihr Vater getobt, weil er spürte, dass Sie homosexuell sein könnten?

Georg Preuße: Nein. Es war nur so, dass wir ersten drei Kinder nach dem Geschäft produziert worden waren. Das heißt, wir wurden verplant. Da kommt ein Junge, der muss Elektriker werden. Dann ein Mädchen, die könnte Steuerberaterin werden. Der dritte übernimmt die Radio-, Funk- und Fernsehabteilung. Er wollte, dass sein Geschäft durch uns weiterlebt.

Morgenpost Online: Sein Sohn als Frau verkleidet - das muss dann für ihn schwer zu verdauen gewesen sein?

Georg Preuße: Meine ersten Auftritte hat er sich nicht angeschaut. Er hat sich geweigert.

Morgenpost Online: Wo hat er Sie zum ersten Mal als Frau gesehen?

Georg Preuße: Im Fernsehen. Als die "Mary & Gordy Show" lief. Er hat unheimlich gezittert, weil er in so einem kleinen Ort wohnte und er nicht wusste, wie das seine Kunden aufnehmen. Meine Mutter erzählte, dass er nach dem letzten Lied aufgestanden ist, geweint hat und ins Schlafzimmer gegangen ist. Er hat in dem Moment gespürt, dass er mir unrecht getan hat.

Morgenpost Online: Hat er Ihnen das einmal gesagt?

Georg Preuße: Er hat es mir anders gesagt. Vor zwei Jahren rief mich meine Mutter an, ich trat gerade in Frankfurt am Main auf. Sie sagte: "Du musst unbedingt kommen. Papa kann nicht sterben." Ich bin dann hingefahren. Bevor ich kam, muss er sehr nervös gewesen sein, erzählten mir meine Geschwister. In dem Moment aber, in dem er meine Stimme hörte, wurde er ruhig. Ich habe dann alle anderen rausgeschickt, sagte: "Ihr merkt doch, er will mit mir allein sein."

Morgenpost Online: Was hat er Ihnen gesagt?

Georg Preuße: Er musste nichts sagen. Es gibt ja auch Dinge, die viel wichtiger sind. Ein Händedruck sagt mehr. Ich habe ihn in den Arm genommen. Ich habe mit ihm geredet, er selber konnte nichts mehr sagen. Ich merkte aber, wie er meine Hand suchte. Dann sind wir beide Arm in Arm eingeschlafen. Nur dass ich wieder aufgewacht bin.

Morgenpost Online: Ihr Vater hat in den letzten Momenten Frieden mit Ihnen gemacht ...

Georg Preuße: Ich habe immer vorher versucht, meinem Vater zu verzeihen. Mit meinen Erfolgen habe ich ihn ja eigentlich Lügen gestraft, und deshalb fiel mir das Verzeihen vielleicht auch leichter. Als es mit seinem Geschäft nicht mehr gut lief, war er auf meine Hilfe angewiesen. Ich war ein guter Sohn. Das hat er auch selber zu mir gesagt.

Morgenpost Online: War Ihr Vater jemals in einer Ihrer Vorstellungen?

Georg Preuße: Ja. Er war dann wahnsinnig stolz. Auf der einen Seite hat es mich gefreut, auf der anderen Seite aber auch wehgetan. Weil so viel Zeit verstrichen war, so viel Zeit durch Dummheit verschenkt worden war.

Morgenpost Online: Sie leben seit mehr als 30 Jahren mit einem Mann in der Schweiz zusammen: Jack. Wie hat Ihr Vater Ihren Partner aufgenommen?

Georg Preuße: Es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn zu akzeptieren. Er wusste, dass er sonst nicht an mich rankommt. Ich glaube, er hat gespürt, dass ich mit Jackie einen Ruhepool gefunden habe, der mir Sicherheit gibt. Meine Eltern waren froh, dass ich einen seriösen Menschen an meiner Seite habe. Ich hatte vorher schon einen anderen, der mich auch geschlagen hat.

Morgenpost Online: Sie sind 59 Jahre alt. Bedauern Sie es, dass Sie keine eigenen Kinder haben?

Georg Preuße: Ich weiß gar nicht, ob die mich überhaupt pflegen würden. Da gibt es genügend Beispiele. Jackies Geschwister sind mal eine Stunde in der Woche gekommen und haben geguckt, ob ihre Mutter noch lebt. So geht es vielen Leuten, sonst bräuchten wir ja keine Altenpflege. Ich hätte keine eigenen Kinder haben wollen.

Morgenpost Online: Ist es schwierig für ihre Bühnenfigur Mary zu altern?

Georg Preuße: Nein. Mary will ja anderen älteren Frauen Hoffnung machen. Sie will ihnen zeigen, dass man im Alter noch sehr fit und witzig sein kann. Eine Frau ist nicht tot, nur weil sie in den Wechseljahren ist. Im Gegenteil. Dann kann sie noch viel bewirken. Es ist doch viel witziger, wenn eine 60-Jährige über Sex redet als eine 20-Jährige. Weil sie aus Erfahrung spricht.