Noch klirren die Gläser. Letzte Bestellung. Nein, während des Programms wird nicht serviert. Da ist das Servicepersonal konsequent. Und das ist gut für den Abend, besonders für diesen ausverkauften Premierenabend in der atmosphärisch-plüschigen "Bar jeder Vernunft".
Er gehört ganz allein der Sängerin Katharine Mehrling, einer Vollblut-Entertainerin mit großer Stimme und noch größerem Herzen. Einem Musicalstar aus Berlin. Sie sang in "Evita", "Les Miserables", "Irma La Douce" und stand in der Bar mehr als 250 Mal als gefeierte Sally Bowles in "Cabaret" auf der Bühne. Sie nimmt jeden Song, jedes Chanson, jeden Schlager ganz fest in die Arme und macht ihn sich zu Eigen. Sie gibt jedem einzelnen im Saal das Gefühl, zu einer Schar Auserwählter zu gehören, die einem ganz besonderen Abend beiwohnen dürfen: "Bonsoir, Katharine!".
Zu hartem E-Gitarrenklang und Edith Piafs "L'homme á la moto" entsteigt sie dem Bühnennebel. Ja, die Piaf. Fast schon ein Markenzeichen der Mehrling. Dreimal stand sie schon in Piaf-Produktionen auf der Bühne und faszinierte jedes Mal von neuem. Pianist Harry Ermer, Gitarrist Jo Gehlmann und Bassist Daniel Zenke stärken ihr versiert den Rücken bei dieser musikalischen Lebensreise, in der Katharine Mehrling viel von sich preisgibt.
Jugend im hessischen Ostheim
Wie sie 1987 als Teenager mit dem Ralph-Siegel-Schlager "Aus" und dem Künstlernamen Cassy am Grand-Prix-Vorentscheid teilnahm wird per Videowand und live dokumentiert. Ihre Jugend im hessischen Ostheim in der elterlichen Musikkneipe wird in einem Medley verarbeitet, bei dem sie weder vor Caterina Valentes "Tipitipitipso beim Calypso" noch vor Cissy Kraners "Aber der Nowak lässt mich nicht verkommen" zurückschreckt. Ihr Karrierestart im Londoner Westend in "Hair" mündet in der Gänsehautballade "John Mills". Dann wird sie mit Hank Williams' "Love Sick Blues" zur Country-Queen und jodelt sich versiert durch den "Erzherzog Johann Jodler".
Die eigene Biografie gibt die Dramaturgie vor für diese zweieinhalb bewegenden, betörenden Stunden. Nach der Pause kommt als besonderer Gast Klarinettist Rolf Kühn auf die Bühne, eine deutsche Jazzlegende, mit der sie neue Songs wie "Ich vermiss dich gar nicht mehr" und "Lecker" singt. Und zum Finale geht es konsequent zurück nach Paris, zurück zum Chanson mit "Nantes" und "Je Suis Malade". Ein wunderbarer Abend mit einer außergewöhnlichen Sängerin.
Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Wilmersdorf. Tel. 883 15 82. Termine: heute bis 14. 11., 20 Uhr, 15. 11. 19 Uhr.


