Die "Linie 1" soll an den großen Musical-Konzern Stage Industries verkauft werden. Der poliert den legendären Hit des Grips Theaters auf Hochglanz, deshalb können die Grips-Darsteller höchstens noch im Bettler-Ballett auftreten. Aber es gibt ein Leben nach der "Linie 1": die "Linie 2". Denn "mit der Zweiten fährt man besser", heißt es in der neuen Revue von Volker Ludwig und Rüdiger Wandel, mit der am Freitagabend der 40. Geburtstag des Grips Theaters gefeiert wurde.
Diese Alternativstrecke von Pankow nach Ruhleben hat es in sich: Da erläutert in der "Alptraum"-Szene eine Stewardess (Jennifer Breitrück) gestenreich, dass der U-Bahnwagon sechs Notausgänge hat und wie die Schwimmwesten funktionieren. Es gibt eine Station ohne Treppen – Ausstieg nur mit Leiter. Beim Halt "Arbeitsamt Mitte" müssen alle eine Wartenummer ziehen. Und die Kontrolettis, die in der "Linie 1" noch locker gelinkt werden konnten, sind jetzt schwer bewaffnet.
Grips-Gründer Volker Ludwig kommt ja bekanntermaßen vom Kabarett – und in den Stücken für das volljährige Publikum greift er gern zur spitzen Feder. Zielscheibe sind diesmal unter anderem Bänker und die FPD – frei nach Kleist heißt es: "In den Staub mit Guido Westerwelle"“.
Weil Ludwig die ewigen Nachfragen nach Teil 2 des Welterfolges "Linie 1" etwas genervt haben und irgendetwas zum Geburtstag des Hauses gemacht werden musste, hat er eine Fortsetzung geschrieben, die keine ist: "Linie 2 – Der Alptraum". Die neue Revue ist eine lose Szenenfolge mit durchgehendem roten Faden: Der Junge im Mantel (Jens Mondalski), eine der Figuren aus "Linie 1", kann die Realität von der Theaterwirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Gleich in der ersten Szene will er sich umbringen. Fünf mal im Monat spielt er den Jungen – und das seit mittlerweile 23 Jahren, also so lang, wie es die"„Linie 1" tatsächlich gibt.
Mit viel Selbstironie haben Ludwig und Wandel, der auch Regie geführt hat, die Grips-Geschichte auf die Bühne gebracht. Da tauchen viele vertraute Figuren auf. Grips-Urgestein Dietrich Lehmann trägt den Geist der Wilmersdorfer Witwen in den Osten und Thomas Ahrens den legendären Leopardentanga aus "Baden Gehn". Jörg Westphal gibt in der köstlichen Spielplatz-Szene den abgeklärten Erzieher aus "Mensch Mädchen" (das Stück erzürnte seinerzeit die Berliner CDU, die zum Grips-Boykott aufrief), Stephanie Schreiter die besorgte Mutter von Mathilda. Dass der Song "Recht ist Besitz" aus "Eine linke Geschichte" immer noch so aktuell ist, überrascht ebenso wie die Performance durch Sebastian Achilles und Robert Neumann. Nicht alle Lieder spielt die Band aus, das hätte die zweieinhalbstündige Inszenierung gesprengt, aber der Stimmung tut das keinen Abbruch. Das Publikum amüsiert sich wie Bolle.
Das Grips macht sich selbst und seinen Zuschauern mit "Linie 2 – Der Alptraum" das schönste Geschenk zum Geburtstag. Ein Präsent zum Genießen. Naturgemäß ist der Genuss umso größer, je vertrauter einem die Stücke sind. Aber zumindest "Linie 1" dürfte nach über 1400 Vorstellungen fast jeder gesehen haben. Falls nicht, kann man das noch nachholen – bevor man auf die "Linie 2" umsteigt. Denn der Verkauf an den großen Musical-Konzern ist geplatzt.
Grips Theater, Altonaer Str. 22, Tiergarten. G.397.47.477. Termine: 17. Oktober (18 Uhr), 30. und 31. Oktober (19.30 Uhr), 1., 13. und 14. November.





