Linie 2 im Grips Theater

Luft-Preis für gelungensten zweiten Teil Berlins

Fortsetzungen großer Erfolge reichen meist an den ersten Teil nicht heran. Doch es gibt Ausnahmen - ausgezeichnete Ausnahmen, wie es sich nun auch über "Linie 2 – Der Alptraum" im Grips Theater sagen lässt. Das Stück erhält den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost.

Foto: picture-alliance/ ZB

Zu seinem vierzigjährigen Bestehen hatte sich das Grips Theater im vergangenen Jahr selbst das schönste Geschenk gemacht: die Fortsetzung des Dauerbrenners „Linie 1“ – und doch keine Fortsetzung. Denn „Linie 2 – Der Alptraum“ wurde eine turbulente Revue, in der sich das Theater mit einer gehörigen Portion Ironie selbst auf die Schippe nimmt. Das hat auch die Jury des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost überzeugt. Sie kürte diese freche Liebeserklärung an Berlin jetzt mit ihrem Theaterpreis als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2009“.

Im Mittelpunkt des Stückes steht Jungschauspieler Tommy. Dem hängt „Linie 1“ längst zum Hals heraus. Seit der Premiere am 30. April 1986 hat er als „Der Junge im Mantel“ schon mehr als 1430 Mal seinen berühmten Satz gesagt: „Die Wirklichkeit ist meistens eine Enttäuschung.“ Und irgendwie stimmt das sogar.

Das Mädchen, das er auf der Bühne küssen darf, kriegt er nicht. Die haut hinterher immer mit dem Schlagzeuger ab. Und beschwert sich bei Tommy auf dem Anrufbeantworter, dass er sie am Ende des Stücks nicht mehr auf den Mund küssen soll. Sonst „scheuer ich dir eine auf offener Bühne, das du die Treppe runterknallst!“ Andere Leute auf dem AB wollen Freikarten für „Linie 1“, denn sie finden ihn ja sooo süß. Die Hausverwaltung allerdings nicht: Die drängt auf Rückruf wegen unerlaubter Untermieter, Müll auf der Treppe und nächtlicher Ruhestörung. Tommy reicht es. Sollen sie ihm doch alle den Buckel runterrutschen. Er steigt auf einen Stuhl und greift zum Strick.

Stets seiner Linie treu geblieben

Nun gehört ein Selbstmord nicht unbedingt zu den Themen, die im Grips Theater auf der Tagesordnung stehen. Aber nicht nur am Anfang von „Linie 2“ gibt es ziemlich viel, was es sonst eher selten im wahrscheinlich bekanntesten Kinder- und Jugendtheater der Welt zu sehen gibt. Schließlich trägt die musikalische Revue ja den Untertitel „Der Alptraum“ – da ist viel Raum für Verdrängtes.

Grips-Gründer Volker Ludwig hat das Stück gemeinsam mit dem Schauspieler und Regisseur Rüdiger Wandel geschrieben. Auch, weil so viele Leute ihn mit Fragen nach einer Fortsetzung des Grips-Klassikers „Linie 1“ genervt haben. „Aber die kann es natürlich nicht geben, man kann es nicht mehr besser machen“, sagt Ludwig. Davon ist er überzeugt. Und deshalb ist „Linie 2“ eine Paraphrase, eine Parodie. Mit viel Selbstironie lassen die Autoren die Grips-Geschichte Revue passieren, da erklingen nicht nur die legendären Mutmachlieder in einem völlig anderen Kontext, da weht der Geist der legendären „Wilmersdorfer Witwen“ in den Osten und der kaum minder populäre Leoparden-Tanga aus „Baden gehen“ bekommt eine neue Auftrittschance.

Die Jury zeichnete Rüdiger Wandels Inszenierung mit dem Friedrich-Luft-Preis aus, weil diese temporeiche musikalische Revue ein „sowohl selbstironischer wie selbstbewusster Rückblick auf 40 Jahre Grips-Geschichte“ ist. Die Auszeichnung, die mit 7500 Euro dotiert ist, wird im Frühjahr im Anschluss an eine Vorstellung im Grips Theater verliehen. Das im Jahre 1969 von Volker Ludwig gegründete generationsübergreifende Theater „bleibt auch im Wandel der Zeiten stets der eigenen Linie treu“, heißt es weiter in der Begründung der Jury. „Linie 2“ verdeutliche nachhaltig, „was Berlin dem Grips Theater zu verdanken hat.“

Grips-Chef sprachlos vor Freude

Das Votum fiel nach intensiver Diskussion. Insgesamt waren im vergangenen Jahr zehn Inszenierungen nominiert. Drei blieben bis zum Schluss im Rennen – gleich zweimal war die Schaubühne am Lehniner Platz vertreten: Mit „Trust“, einem genreübergreifenden Projekt mit Schauspielern und Tänzern, das Falk Richter gemeinsam mit der Choreographin Anouk van Dijk inszeniert hat. Und mit „Berlin Alexanderplatz“, einer Inszenierung von Volker Lösch im Geiste Alfred Döblins. Ein wuchtiger, kraftvoller Abend mit Schauspielern und einem Laienchor, den ehemalige Strafgefangene und Freigänger bildeten. Schließlich aber setzte sich „Linie 2 – Der Alptraum“ durch. Als Grips-Chef Volker Ludwig am Freitag davon erfuhr, war er fast sprachlos vor Freude: „Das ist toll“, sagte er. „Das ist wunderbar.“

Das Grips Theater erhält die Auszeichnung bereits zum zweiten Mal. Vor 13 Jahren wurde „Eins auf die Fresse“ mit dem Friedrich-Luft-Preis gekrönt – das Stück über Mobbing in der Schule steht immer noch auf dem Spielplan. Die Berliner Morgenpost verleiht ihre Auszeichnung seit 1992 – im Andenken an ihren im Jahre 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft.

Der mittlerweile 24 Jahre alte Hit des Hauses, „Linie 1“, hat den Mauerfall unbeschadet überlebt, weil das Stück regelmäßig aktualisiert wurde. Inzwischen wird „Linie 1“ wieder in der Urfassung gespielt. Adaptionen davon fahren durch die ganze Welt: in Namibia („Sammeltaxi“), im Jemen, in Südkorea – die Version in Seoul hat es sogar zu mehr Aufführungen gebracht als das Berliner Original. Ob „Linie 2“ auch eine solche Weltkarriere machen wird? Wer weiß? Schließlich gibt es inzwischen nur wenige Länder auf der Welt, in denen noch nie ein Grips-Stück zu sehen war.