Carl St. Clair war seit 2008 Generalmusikdirektor an der Komischen Oper in Berlin. "Ich schätze Carl St. Clair nach wie vor als einen außergewöhnlichen und hochinteressanten Musiker und bedauere es sehr, dass wir nicht zusammengefunden haben", sagte Intendant Andreas Homoki. Die gemeinsamen künstlerischen Ziele, die bei der Bestellung des Musikdirektors formuliert worden seien, hätten sich in der täglichen Arbeit nicht umsetzen lassen. St. Clair hatte Anfang des Jahres angekündigt, die Oper an der Behrenstraße in Mitte 2012 zusammen mit Homoki zu verlassen. Dieser wechselt, wie schon seit langem geplant, dann an das Opernhaus Zürich. Dass St. Clair nun schon zwei Jahre früher geht, kam für viele Beobachter überraschend.
Zuletzt war eine Neuinszenierung von Beethovens "Fidelio" mit St. Clair am Pult in Berlin gescheitert. Bei der Premiere Ende April gab es Buhrufe. Jetzt, kurz nach der Premiere, verlässt der Dirigent Hals über Kopf die Komische Oper. Alles hängt irgendwie zusammen. Aber natürlich wolle jetzt keiner Kübel voller Dreck ausschütten, heißt es aus der Komischen Oper. Der flüchtige Generalmusikdirektor, der nunmehr zwei Jahre vor der Zeit aufhört, will sich erst Ende der Woche erklären, sein Nachfolger Patrick Lange (29) in der kommenden Woche. Offiziell gilt der Sprachgebrauch, wonach es „künstlerische Differenzen“ zwischen dem 57-jährigen Texaner und seinem Intendanten Andreas Homoki (50) gegeben habe. Mag sein, dass die Chemie zwischen Machern stimmen muss. Aber von außen betrachtet stimmt einiges nicht mehr im kleinsten der drei Berliner Opernhäuser. Nicht nur die Stippvisite von St. Clair geht hopplahopp zu Ende, auch die Ära von Intendant Homoki droht 2012 im künstlerischen Agonieröcheln zu verenden.
Sein GMD St. Clair hat an der Komischen Oper immerhin die Uraufführung von Christian Josts „Hamlet“ sowie die Neuproduktionen von Verdis „La Traviata“, Puccinis „La Boheme“, Reimanns „Lear“ und Beethovens „Fidelio“ betreut. Von einer Erfolgsserie kann kaum die Rede sein. Es ist keineswegs dem sympathisch leichtgewichtigen Dirigenten alleine anzulasten: Das Modell Komische Oper ist an seine Grenzen gestoßen, St. Clair ist auch so etwas wie ein Notopfer. Die Idee, mit umherziehenden Regisseuren ein junges hippes Regietheater für ein junges bekifftes Metropolen-Publikum machen zu wollen, ist nicht mehrheitsfähig. Eigentlich war es das nie. Oper ist konservativ, selbst in seiner Provokation. Die vergleichsweise dürftigen Auslastungszahlen der Komischen Oper bestätigen seit Jahren einen Irrweg. St. Clairs Vorgänger Kirill Petrenko war so klug, zumindest im Orchestergraben musikalisch hohe Standards durchzupeitschen. Im Zweifelsfalle konnte das Publikum die Augen schließen und der Musik lauschen. Bei St. Clair war es nicht immer ein Vergnügen.
Es ist verständlich, dass Orchester sich Kapellmeister wünschen, die sie quälen, fördern und trotzdem menscheln. Diesen neuen Anspruch praktizieren gerade auch andere Orchester in der Stadt. An der Deutschen Oper hat sich das Orchester den gewichtigeren Donald Runnicles als Generalmusikdirektor geholt. Es hat dem seit Jahren darbenden Orchesterklang gut getan. Auch das Konzerthausorchester hat sich von Chefdirigenten Lothar Zagrosek gelöst und wartet auf die Vertragsunterzeichnung von Ivan Fischer. Beim Deutschen Symphonie-Orchester gab es auch Erleichterung darüber, dass Ingo Metzmacher geht. Die Verhandlungen mit dem jüngeren Tugan Sokhiev sollen demnächst abgeschlossen sein. Alle diese Wechsel verbindet die Lust auf eine neue Ernsthaftigkeit.
Die Oper will über ihre Pläne für die nächste Spielzeit in einer auf kommende Woche verschobenen Pressekonferenz informieren.





