Beethovens einzige Oper, zu Recht ein Heiligtum des Repertoires weltweit, hieß von Anfang an „Fidelio“, auch schon in der Erstfassung von 1805. Niemals hieß sie „Fidelitas“, wie es die Macher der Komischen Oper irrigerweise vermuten. Sicherlich haben sie alle ihren Horkheimer, Adorno und Benjamin gelesen. Nur Beethoven kannte sie nicht: Der Komponist gab, ganz ungerührt von späteren Einsichten, seinem „Ur-Fidelio“ eine neue, dramatisch griffigere Form. Auf sie hat das Komische Opern-Team bewusst verzichtet. Es hüpft am Schluss voller Stolz und Freude vor den Vorhang und stellt sich dem Jubel der versammelten Freundesschar. Ausverkauft indessen war die Premiere des „Fidelio“ wider Erwarten nicht.

Auf der nackten Bühne wird zu Beginn fleißig herumgehämmert und herumgewühlt. Sie wird einzig beherrscht von einem riesigen Müllcontainer. Ausgerechnet der Dreckcontainer birgt das Feinste der Aufführung: Will Hartmann, den Tenor, der den Florestan mit schöner, ausgeglichener, wohllautender Stimme singt, Beethovens Musik treu ergeben. Alle anderen müssen sich zeitweilig mehr oder minder mühen, ihre Rollen angemessen erklingen zu lassen.

Dieser Müllcontainer ist das Gefängnis von Florestan, dem seine Gattin, verkleidet als jungmännlicher Fidelio, nachspürt, um ihm die Freiheit zurückzugewinnen. Florestan liegt unter den vielfarbigen Säcken begraben: dieser lästigen, aber vorgeschriebenen Mülltrennung, der Beethoven wie beiläufig ein musikalisches Denkmal gesetzt hat. Der Container spielt schließlich unübersehbar die Hauptrolle in dieser Opernschändung, die sich noch immer „Fidelio“ nennt.

Vier Künstler stehen hinter der Bühne ausschließlich für das „Sounddesign“ zur Verfügung, wohl um dem Müll gelegentlich ein paar Wegwerfgeräusche beizumischen. Wichtiger wäre es wohl gewesen, die Sprechpartien des Werkes nachhaltig zu verstärken.

Günter Papendell ist der Minister, der mit einer vom Schimmel gezogenen Luxuskarosse hereinfährt, seine Begrüßung heraus singt und dann prompt einschläft, wie wahrscheinlich schon das Publikum in den geschlagenen 75 Minuten des ersten, herzlich nichtssagenden Aktes. Beethoven hat ihn einst zu Recht zusammengestrichen.

Maureen McKay ist eine reizende, liebeswahnsinnige Marcelline, die sich allerdings erst allmählich in den Irrsinn des Geschehens hinein singt. Mit seinem voluminösen Bass steht ihr Papa Rocco zur Seite und Christoph Späth als der ungeliebte, herumgestoßene Jaquino. Immer wieder fällt die Aufführung von der Bühne herunter und durchtobt anbiederungsfroh die herausgeräumte erste Parkettreihe.

Benedikt von Papen hat das szenische Debakel wie mit aufgekrempelten Ärmeln inszeniert, offenbar mit dem unerschütterlich festen Vorsatz, was Müll ist, nicht einzig Müll bleiben zu lassen. Die Häftlinge Pizarros wachsen heraus aus dem Abfall-Container, auch ihre Wächter, die Soldaten, in grotesker Aufmachung. Sie marschieren herum, ziehen, gegen wen auch immer, in den Krieg oder auch nur zu Demonstrationen. Der 1. Mai ist schließlich nicht mehr fern.

Der böse Don Pizarro, von Carsten Wittmoser, Gentleman der Privatrache mit beinahe tödlichem Ausgang, gibt seiner Bitterpartie durchaus keine mörderischen Töne und wird dafür am Ende von Florestan sogar in die Arme geschlossen. Den Fidelio singt Ann Petersen auf den dramatischen Höhepunkten der Partie sehr gut: eine Sopranistin mit Herz und Stimme.

Bedeutende Unterstützung durch das Orchester unter Carl St. Clair findet sie allerdings nicht. Musikalisch kurvt die Aufführung bei all ihrer äußerlichen Betriebsamkeit am unteren Rande der Beethoven-Interpretationen.

"Fidelio" an der Komischen Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel.: (030) 47997400. Termine: 1., 5., 9., 14., 20., 23., 28. Mai