Kunst und Leben konnte Christoph Schlingensief noch nie trennen. Nach dem Tod seines Vaters erfuhr er von seiner Krebs-Diagnose. Und verarbeitete sie zu seiner "Kirche der Angst“, aufgeführt bei der Ruhrtriennale. Seine Inszenierung der Oper "Jeanne d’Arc“ an der Deutschen Oper hatte er zuvor noch an sein Team abgeben müssen, weil er zu schwach war. Umso mehr überraschte die Nachricht, dass der Multimediakünstler nun in der Internationalen Jury der Berlinale sitzt.
Morgenpost Online: Herr Schlingensief, wie geht es Ihnen?
Christoph Schlingensief: Mir geht es eigentlich ganz gut. Abgesehen davon, dass ich ein bisschen Durchfall habe, schon seit Monaten. Das ist unangenehm, das geht an die Kraft. Die gute Nachricht ist, dass die Metastasen weg sind. Jetzt muss untersucht werden, warum das so ist. Ich nehme ein neues Medikament, aber das allein kann es nicht sein. Und da ist die Ungewissheit: Bleibt das oder war das nur vorübergehend? Muss ich wieder in die Trommel?
Morgenpost Online: Wie halten Sie das aus?
Christoph Schlingensief: Die psychische Seite habe ich ganz gut im Griff. Vor allem dank meiner Freundin. Okay, alle vier, fünf Tage habe ich meinen Heultag. Hier auf der Berlinale habe ich zumindest Heulstunden, das bricht dann im Hotelzimmer so über mir herein. Manchmal kann ich nicht fassen, wie wenig Kraft ich habe. Aber es ist schon deutlich mehr als noch vor einem halben Jahr, als ich in Duisburg „Kirche der Angst“ gemacht habe. Jetzt laufe ich schon wieder aufrecht.
Morgenpost Online: Wir waren doch alle überrascht, als wir hörten, dass Sie in der Jury sitzen. Oder ist das womöglich eine Therapie?
Christoph Schlingensief: Filme schauen entspannt mich. Und es erfüllt mich mit Freude, dass ich jetzt „gezwungen“ bin, hier zu sitzen. Zuhause würde ich derzeit doch auch nur die Glotze anschmeißen, zappen, DVDs einlegen, alles querbeet. Dann doch lieber eine klare Aufgabe. Außerdem ist es einfach eine große Ehre. Ich habe ja auch mal hier angefangen mit meinem ersten großen Spielfilm.
Morgenpost Online: 1986, mit „Menu total“.
Christoph Schlingensief: Genau, mit Helge Schneider. Der Film war ein Desaster. Da waren 800 Zuschauer im Saal, am Ende waren noch 400 da, von denen 200 dafür und 200 dagegen waren. Es gab da eine regelrechte Schlägerei im Publikum, das weiß ich noch, und ich saß etwas angetrunken neben Alfred Edel, der versuchte, eine Diskussion zu leiten, was auch nicht mehr klappte. Die Zeitungen schrieben am Ende den Film ganz klein, zehn Zeilchen, „pubertäres Machwerk“. Das war schlimm. Mittlerweile hat die FAZ eine Lobeshymne geschrieben, der Film ist auch bereits in einigen Museen archiviert. Heute ist er also anerkannt.
Morgenpost Online: Eine Feuertaufe also.
Christoph Schlingensief: Ja, das war total hart. Ich habe dann gleich auch noch mit meiner damaligen Freundin Schluss gemacht, weil ich dachte, jetzt muss ich einen absoluten Schlussstrich ziehen.
Morgenpost Online: Sie haben dafür auf jener Berlinale eine Schauspielerin kennen gelernt, die dort auch ihren ersten Film vorstellte und jetzt Jurypräsidentin ist: Tilda Swinton.
Christoph Schlingensief: Ja, mit der war ich dann eine Weile zusammen. Wir haben noch im selben Jahr den Film „Egomania“ gedreht.
Morgenpost Online: Den sie dann ganz schrecklich fand.
Christoph Schlingensief: Danach haben wir uns wieder getrennt. Sporadisch waren wir aber immer im Kontakt, sie wollte mich letzten Sommer sogar im Krankenhaus besuchen. Und jetzt sehen wir uns wieder, ganz unkompliziert, ich mit meiner Verlobten und sie mit ihrem Sandro.
Morgenpost Online: Darf man das überhaupt, mit einer Ex in einer Jury sitzen? Ist das nicht unlauterer Wettbewerb?
Christoph Schlingensief: Naja, im Jahr, als Gina Lollobrigida Jurypräsidentin war, saßen da, glaube ich, vier Mitglieder in der Jury, die mal ein ehe-artiges Verhältnis mit ihr hatten.
Morgenpost Online: Ist das ein böses Omen? Frau Lollobrigida hat sich damals ja dezidiert gegen die Entscheidung ihrer Juroren gestellt.
Christoph Schlingensief: Ich glaube, wir haben diesmal schon den gleichen Geschmack. Wir haben politische Absichten; wir sind uns einig, dass ein Film nur dann eine Chance hat, wenn er in dieser Richtung etwas will. Oder wenn er eine völlig neue und überraschende Filmsprache trifft, selbst wenn wir die vielleicht gar nicht verstehen. In dieser Hinsicht habe ich bislang allerdings noch nichts entdeckt.
Morgenpost Online: Ich fürchte, als Juror dürfen Sie das alles offiziell gar nicht sagen
Christoph Schlingensief: Oh.
Morgenpost Online: Was ist für Sie ein guter Film?
Christoph Schlingensief: Ganz unterschiedlich. Ich hatte gerade eine Phase, in der ich sehr aufgerissen war. Schon bei den einfachsten Liebesgeschichten im Fernsehen habe ich geheult, bei Dokumentationen über Tierquälerei bekam ich sogar Heulkrämpfe. Momentan bin ich sehr nah am Wasser gebaut. Es ist schon wieder etwas besser geworden; ich heule jetzt nicht die ganze Zeit im Berlinale-Palast. Der Schauspieler Alfred Edel hat mich bei meinen Drehbüchern immer gefragt: Ist das kausal oder akausal? Und wenn ich sagte, akausal, dann sagte er, ist gut.
Morgenpost Online: Das wäre also eine Definition für einen guten Film?
Christoph Schlingensief: Ja. Ein Film, wie ich ihn gut finde, müsste ein paar akausale Elemente haben wie etwa bei David Lynch. Wo ich ein paranoides System anschaue, dem ich alles Mögliche abgewinnen kann, nur nicht die perfekte Interpretation. Ich finde es schön, wenn man beim Film, überhaupt in der Kunst, etwas Spirituelles entdecken kann – also nichts Esoterisches, aber etwas, wo man was in der Seele spürt, ohne dass man es tot interpretiert. Leider sehen die Filme aber so aus, dass sie alle interpretiert werden wollen.
Morgenpost Online: Das dürften Sie jetzt, glaube ich, auch alles nicht sagen.
Christoph Schlingensief: Ich nenn jetzt auch keinen Titel. Aber es lief da ein Beitrag, bei dem ich dachte, so ein Fehler in der Recherche darf nicht passieren. Wir sehen lauter Filme, die gewinnen wollen. Und die auf einer Rezeptionsebene operieren, wie wir sie aus dem Fernsehen mit „Stern-TV“, „Monitor“ und „Report“ und all diesen Formaten kennen. Auf dem Niveau wollen die jetzt auch im Kino zeigen, wie gut sie recherchiert haben, wie nah wir an den Figuren sind sind und wie schön man das als Gesellschaftskritik verstehen kann. Aber das geht nicht wirklich an die Seele. Stattdessen laufen dann nur am Ende eines Films Leute einsam an der Autobahn entlang.
Morgenpost Online: Ich könnte jetzt spontan sagen, auf welchen Film Sie anspielen.
Christoph Schlingensief: Das ist jedenfalls nicht das, was ich von einem Film erwarte. Immer muss alles Sinn machen, muss auf einen Kausalzusammenhang hinauslaufen. Wir haben uns anerzogen, Filme nicht mehr unter ästhetischen Beweggründen zu genießen. Oder auch mal zu hassen. Dabei kann das auch was Tolles sein. Und es steckt mehr Sinn in Dingen, als wir wahrhaben wollen.
Morgenpost Online: Wie weit können Sie sich mit dieser Einstellung denn gegen andere Jury-Mitglieder durchsetzen?
Christoph Schlingensief: Wir sind gar nicht so weit auseinander, das ist schon erstaunlich. Es gibt Argumente, die ich nicht teile. Dass ein Film nicht aktuell sei, weil er vor fünf Jahren schon mal viel besser gedreht worden wäre. Das würde ich nicht gelten lassen. Nur weil ein Mensch schon mal auf der Welt war, muss das nicht heißen, dass wir keinen neuen mehr brauchen. Jeder Film ist ein Beleg dafür, dass jede Zeit auch etwas anderes dazu zu sagen hat. Das kann man dann auch sammeln; da ist dann das Archiv gefordert. Einer der Juroren hatte wohl auch mal ein Hühnchen zu rupfen mit einem Regisseur, weil er den nicht mag. Aber im Großen und Ganzen haben wir schon das Gefühl, dass wir was zusammen wollen. Im Moment ist kein Streit in Sicht. Und die Tilda, die macht das sehr gut. Die hat immer das letzte Wort.






































