In der Berliner O2 Arena reichte es Alicia Keys am Freitagabend nicht eine der besten Soul- und R’n’B-Künstlerinnen ihrer Generation zu sein, sie wollte auch noch Dramaqueens wie Beyonce, Pink oder Christina Aguilera Konkurrenz machen. Der Abend stand unter dem sehr weitgefächerten Begriff „Freedom“, passend zu Keys’ aktuellem vierten Album „The Element of Freedom“.
Es flackerten kämpferische Ansagen über die Leinwände, man sah zu Anfang Bomber und viel Metall, später Bilder aus Bürgerkriegen und die Gesichter von Gandhi, Kennedy, Bob Marley und dann auch noch Lady Diana. Es war eine sehr beliebige Gutmenschen-Auswahl, die thematisch eher gewöhnungsbedürftig in einem Abend voller Herzschmerz-Lieder wirkte. Im weiteren Verlauf des Abends hätte man sich auch nicht mehr gewundert, hätte Keys „Yes we can“ im Kanon geträllert oder „Ick bin ein Berliner“ mit Verve geflötet hätte.
Keys im Käfig
21 Uhr, Bassgedonner, Auftritt Alicia Keys, inzwischen 12-fache Grammy-Gewinnerin: Eine moderne Diva spaziert nicht einfach herein, nein, sie seilt sich entweder ab oder wird, wie im Falle Keys, auf die Bühne gefahren; eingesperrt in einen Käfig. Zuvor hatte sie über Leinwand verlauten lassen: „Dies geht an alle, die geglaubt haben, dass ich es nie schaffen würde“, was nicht sehr viele gewesen sein können, angesichts ihrer inzwischen über 20 Millionen verkauften Alben und ihrer steilen Karriere seit dem 19. Lebensjahr.
Doch jetzt ist Showtime, Keys, ganz in Schwarz, Mörder-High-Heels, schwarzes Top, Lederarmschmuck, singt, klar, „Caged Bird“, sie reißt archaisch die Gitterstäbe hinaus und wirft sich mit ein paar Thrillermoves in „Love is Blind“.
Showexplosion verhindert Live-Erlebnis
Das erste Mal trumpfen kann sie allerdings erst bei „Fallin’“, sie spielt es anfangs auf einer Art Kinderspielzeugkeyboard, dann endet die Nummer in großer Showexplosion. Es ist irgendwie beeindruckend, aber eben nur so wie Shows dieser Größenordnung immer beeindrucken, weil sie technisch perfekt sind, die Band, die Kostüme, jedes Dankeschön sitzt- doch- auch wenn man hier altmodisch klingt, dabei eben auch viel vom eigentlichen Live-Erlebnis verloren geht: die Spontaneität, jegliche Intimität, sprich der Bezug zum Publikum.
Keys wandte sich zwar immer wieder an die Menge, sagte Dinge wie: „Ihr könnt alles erreichen, was ihr wollt. Alles! Die Freiheit liegt in uns allen, begrenzt euch nicht!“, weshalb man sie gleich noch als Motivationstrainerin anstellen könnte, wenn nicht alles so blutleer, handzahm und austauschbar klingen würde.
Doch wenn sie sich an den Flügel setzt und im Duett mit ihren formidablen Backgroundsängern das introspektive „Diary“ oder die Gänsehaut-Soulnummer „Pray For Forgiveness“ spielt, da wird es toll, da bekommt ihre Stimme Raum, da ist das Wesentliche da: Klavier, Pop, Klassik, Soul, alles im Mix, feiner Gesang, das Lächeln, das Wiegen im Takt- gut ist.
Beim Schlussakkord wirkt die Show am stimmigsten
Keys sollte weniger versuchen Beyonce zu geben, auch das Bono-Sein hinten anstellen, denn sie hat schöne Lieder wie „Like You’ll Never See Me Again“ und interessante wie die Bond-Nummer „Another Way To Die“, bei der sie mit ihrem Gitarristen auf einer futuristisch anmutenden Keyboardgitarre um die Wette jammte (der Gitarrist gewann nur knapp). Das reguläre Set endete mit dem 2008er Gassenhauer „No One“ und als Zugabe spielte Keys ihre Version des gemeinsamen Hits mit Jay-Z: „Empire State Of Mind“.
Es war der Moment, in dem die große Revue am stimmigsten wirkte, es flackerten Bilder der Freiheitsstatue und Stadtimpressionen über die Leinwände, das Licht stimmte, Keys glänzte im schwarzen Minikleid und sang die Ladyversion der New York Liebeserklärung, die jedes Broadwaystück krönen würde.




















