Neues Album

Whitney Houston singt endlich glaubwürdig

Geschieden, geläutert, genesen: Sie war eine der erfolgreichsten Sängerinnen der 80er-Jahre. Dann stürzte sie ab. Jetzt legt Whitney Houston nach sieben Jahren mit "I Look To You" wieder ein reguläres Studioalbum vor. Es ist ihr gelungen. Die lange Pause hat sie erstaunlich unbeschadet überstanden.

Foto: AP

Mit ihrer Tochter auf eine sonnige Insel habe sie ziehen wollen und dort einen Obststand aufmachen, heißt es. Doch dann sei ihr Entdecker und Förderer Clive Davis plötzlich am Telefon gewesen, um sie zu überreden, doch noch ein paar neue Songs aufzunehmen.

Offenbar hatte Davis Erfolg. Nach sieben Jahren ist Whitney Houston mit einem neuen Album zurück, wobei nicht die ungewöhnlich lange Pause verwundert, sondern eher der Umstand, dass Whitney Houston die lange Pause halbwegs unbeschadet überstanden hat.

Aber der Körper ist ein verzeihendes System und die Öffentlichkeit erst recht. Und so mögen ihr Jahre des Drogenmissbrauchs und der häuslichen Gewalt schwer zugesetzt haben, die mittlerweile 46-jährige Sängerin hat zu neuer Stärke gefunden.

In der wunderbaren Erbauungsballade "I Didn't Know My Own Strength", einer der elf neuen Titel ihres Albums "I Look To You", singt sie: "I crashed out and stumbled / But I didn't crumble". Sie ist gestrauchelt, aber nicht zerbrochen, auch wenn ihre Stimme mittlerweile deutlich rauer und tiefer klingt und so wohl von etlichen Verletzungen kündet.

Früher hatte man Houston oft vorgeworfen, ihre Stimme sei zu perfekt. Sie treffe zwar mit bewundernswerter Leichtigkeit jede noch so entlegene Note, doch leider mangele es ihrem Gesang an der notwendigen Dosis Seele und Gefühl, was bei einem Genre wie Soul zugegebenermaßen von Nachteil ist. Sie habe das Talent, aber nicht die entsprechende Lebenserfahrung, um glaubwürdig über Lebenskrisen und Liebesleid zu singen.

Aber woher hätte sie die Lebenserfahrung auch nehmen sollen? Sie wächst in geordneten Verhältnissen in einer Sängerinnendynastie auf. Ihre Mutter ist die Gospelkünstlerin Cissy Houston, die schon in der Begleitband von Elvis sang. Ihre Cousinen sind die Soulstars Dee Dee und Dionne Warwick, ihre Patentante heißt Aretha Franklin.

Whitney schult ihre Stimme im örtlichen Gospelchor, besucht eine katholische Mädchenschule. Mit 14 Jahren ist sie erstmals auf einer Platte zu hören, mit 17 beginnt sie zu modeln und wird das erste schwarze Mädchen, das auf dem Cover des beliebten amerikanischen Teenie-Magazins "Seventeen" abgebildet ist. Mit 20 wird sie von Clive Davis in einem New Yorker Nachtklub entdeckt. Alles läuft ziemlich wunderbar nach Plan.

Davis, der in Jahrzehnten zuvor die Karrieren von Janis Joplin und Bruce Springsteen auf den Weg gebracht hat, verschafft Houston einen Plattenvertrag, ihr Debüt "Whitney Houston" erscheint 1985, bis heute verkauft es sich über 25 Millionen Mal.

Die Songs "Saving All My Love For You", "Greatest Love of All" und "How Will I Know" werden Hits, zwei Jahre lang wandert jede ihrer Singles an die Spitze der amerikanischen Charts, insgesamt sind es sogar sieben Nummer-eins-Hits in Folge - womit sie die Bee Gees und die Beatles als Rekordhalter ablöst.

Sie ist der ideale Popstar für die späten 80er-Jahre. Fleißig, unbedarft, kommerziell und leicht verdaulich. Unvergessen das Regenbogen-Make-up und der Konfettiregen im Video zu "I Wanna Dance With Somebody", herrlich wie sie beim Singen die Nase kräuselt.

Mit ihrer Kombination aus Gesangsakrobatik, glatt polierter Produktion und großem Gefühl, das nichts bedeutet, ist Houston das Vorbild für eine ganze Generation von Soulsängerinnen, der heute noch jede "American Idol"- und "DSDS"-Kandidatin nachzueifern versucht.

Aber ihre stilprägende Kraft kam nicht überall gut an. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre war Houston derart präsent, dass der Schriftsteller Bret Easton Ellis in seiner Yuppie-Satire "American Psycho" Houston gleich ein ganzes Kapitel widmete, um ihr Schaffen als besonders kalt und unmenschlich zu entlarven.

Doch da hatte er noch nicht ihre Version von Dolly Partons "I Will Always Love You" gehört, jenen Song, den Houston in ihrem ersten Film "Bodyguard" sang und der ihren Ruhm in unerreichte Höhen katapultierte. Und dann, auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, heiratete Whitney Houston den singenden Taugenichts Bobby Brown und stürzte dann langsam aber sicher ab.

Selbstdemontage mit Hingabe

Rückblickend wirkt es geradezu bewundernswert, mit welcher Hingabe sie die Selbstdemontage betrieb. Erst ließ sie nur ihre Karriere schleifen, anschließend sich selbst. Manchmal vergaß sie beim Singen den Text, verlor dramatisch an Gewicht, ließ sich mit Drogen erwischen, sah aus wie die Bahnhofsbettlerin, die schon vor Jahren den Zug verpasst hatte. Das großartige Album "My Love Is Your Love" war ein beeindruckender Versuch Karriere und Abstieg unter einen Hut zu bekommen, doch die Lust am Untergang war stärker.

Musikalisch hatte Houston in den vergangenen Jahren nicht allzu viel zu bieten, was aber nicht heißt, dass sie kulturell ohne Einfluss war. So sah man sie 2005 an der Seite ihres Gatten in der Reality-Soap "Being Bobby Brown", die interessante Einblicke in den Alltag des Paares bot: Chaos, Irrsinn, schlechtes Benehmen und auch nach dreizehn Jahren Ehe noch eine unbändige Lust auf ehelichen Sex.

Darin wollten nicht alle etwas Tröstliches sehen: Laut dem Magazin "The Hollywood Reporter" handelt es sich bei "Being Bobby Brown" "zweifellos um die abscheulichste und minderwertigste Serie, die je ihren Weg ins Fernsehen fand". Darin erweiterte Houston unter anderem den in den USA beliebten Ausruf "Hell no!" um die Variante "Hell to the no!", die von dem Sender "VH-1" zum Zitat des Jahres gewählt wurde und in den USA mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist.

Doch trotz solcher Achtungserfolge drängte ihr Umfeld sie zur Trennung von Brown, weshalb sie ihn vor zwei Jahren verließ, einen gründlichen Entzug machte und nun geläutert, geschieden und gesund wieder im Rampenlicht steht.

Ihr "persönlichstes" Album

Den Gesetzmäßigkeiten des Soul folgend, muss es sich bei dem jeweils neuesten Album um das jeweils persönlichste handeln, weshalb Whitney Houston auf "I Look To You" ihre schwierige Zeit zum Thema macht. In dem von R. Kelly geschriebenen Titelsong ruft sie den Herrgott um Beistand an, in "Like I Never Left" geht es um die verlorenen Jahre, und in "Worth It" geht es auch darum, dass die verlorenen Jahre nicht verloren waren.

Und tatsächlich hat Whitney Houston jetzt all das, was man zu Anfang ihrer Karriere vergeblich bei ihr suchte, mittlerweile ausreichend. Wenn sie heute ihren alten Hit "Where Do Broken Hearts Go?" anstimmt, hat man nicht mehr den Eindruck, sie hätte sich ein bisschen verlaufen und frage nur kurz nach dem Weg. Ihre Stimme klingt heute derart voll und gereift, dass es gar nicht nötig war, die neuen Stücke einem modernen Produktionsdesign zu unterwerfen.

Und so ist "I Look To You" ein erfreulich altmodisches Werk mit einem deutlichen Balladen-Schwerpunkt geworden. Nur einmal kommt Whitney Houston wirklich in Schwung. In dem von Alicia Keys komponierten Stück "Million Dollar Bill" singt sie zu einem tollen Disco-Beat "Falls du dich wegen ihm wie eine Million Dollar Note fühlst, sag: Oh oh oh". Manchmal braucht es zum großen Glück nicht viele Worte.

Whitney Houston: "I Look To You" (Sony)