Tina Turner weiß sich, keineswegs altersgerecht, mit immer kürzer werdenden Röckchen zu inszenieren. Vor acht Jahren hat sich die vor Energie strotzende Entertainerin mit einem furiosen Abschiedskonzert im Berliner Olympiastadion ins Privatleben zurückgezogen. Am Abend nun schwebte sie unter staunendem Jubel gleißend aus dem Olymp der Rockdiven hinunter auf die Bühne der ausverkauften O2 World in Friedrichshain. Sie kann einfach nicht anders. Und ja, sie kann’s noch.

Mit „Steamy Windows“, dieser schwitzenden, krachenden Rhythm’n’Blues-Nummer, die ihr Swamp-Bluesmann Tony Joe White einst auf den straffen Leib geschneidert hat, öffnet die 69-jährige Tina Turner ihr musikalisches Erinnerungsbuch, mit vier lasziven und höchst sparsam bekleideten Tänzerinnen an ihrer Seite und einer exzellenten Band im Rücken. Die Bühnenshow ist aufgedonnert nach allen Regeln der Entertainmentkunst. Riesenbildwände mit Streiflichtern aus dem Karrierealbum, immer wieder ausgefahrene Laufstege, Showtreppen zuhauf, hydraulische Plattformen und pointiert eingesetzte Pyrotechnik arrangieren diese vom Stones-erprobten Bühnendesigner Mark Fisher ausgeheckte Show zu einem opulenten Ereignis für alle Sinne.

Es wird immenser Showaufwand betrieben

Wir erleben einen Abend mit einer Siegerin. Mit einer Frau, die sich ihren Ruhm mit Biss und Durchhaltevermögen erkämpfen musste. Mit einer Legende, der das Schicksal mehr als einmal ein Bein gestellt hat. Sie feierte in den 60er-Jahren Erfolge mit der „Ike & Tina Turner Revue“. Sie ist durch eine Hölle von Ehe mit ihrem gewalttätigen Bühnenpartner Ike Turner gegangen. Ende der 70er-Jahre, nach der Scheidung, drohte sie von einem Schuldenberg erdrückt zu werden. Aber sie tingelte unerbittlich um die Welt, spielte vor halbvollen Häusern, auch immer wieder in Berlin, mal im Metropol am Nollendorfplatz, mal in einer spärlich besetzten Philharmonie. Über den Umweg England klappte 1984 das Comeback mit dem Millionenalbum „Private Dancer“ und dem Single-Erfolg „What’s Love Got To Do With it“.

Es wird immenser Showaufwand betrieben. Immer wieder wechselt Tina Turner das Bühnenoutfit, singt den James-Bond-Titelsong „Golden Eye“ von Agenten umringt in edler, geschlitzter schwarzer Walle-Robe und „We Don’t Need Another Hero“ aus dem Mel-Gibson-Kinotrash „Mad Max“ in einem Fantasy-Kostüm samt Blondperücke, das sie so ähnlich schon 1985 in „Mad Max III“ als böse Bandenchefin trug – und das heute nicht weniger albern wirkt. Aber egal. Beim Ike & Tina Turner-Hit „River Deep, Mountain High“ von 1966 kocht dafür die ganze wilde Rock- und Soullava der Sixties über und die gigantische Mehrzweckarena beginnt zu glühen.

Tina Turner weiß mit ihren Mitteln hauszuhalten

Irgendwann muss Tina Turner, die die vergangenen Jahre mit ihrem Lebensgefährten Erwin Bach in der Schweiz und Südfrankreich verlebte, bemerkt haben, dass das mit der Abschiedstournee doch ein wenig verfrüht war. Die zum Buddhismus konvertierte Sängerin hielt sich von der Bühne fern, hielt sich fit nach naturheilkundlichen Regeln ihres Londoner Mediziners Dr. Rajendra Sharma.

Als ihr die Grammy-Akademie im vergangenen Jahr jedoch angeboten hatte, beim 50. Jubiläum der Musikpreis-Gala aufzutreten, war das alte Feuer wieder gezündet. Sie legte ein bewundernswertes „Proud Mary“-Duo mit Bejoncé auf die Bühne und verkündete später in der der US-Talkshow von Oprah Winfrey, dass sie wieder auf Tournee gehen werde. Die US-Konzerte waren in kürzester Zeit ausverkauft, die geplanten sieben Deutschlandkonzerte wurden auf mittlerweile 16 aufgestockt, zwei davon gibt die Frau, die mehr als 170 Millionen Platten verkauft hat und als unerreichte Königin der Ticketverkäufe gehandelt wird, nun in Berlin.

Freilich weiß Tina Turner heute mit ihren Mitteln hauszuhalten. Die Arrangements sind glatt geschmirgelt und dem Mainstream angepasst, in den höheren Lagen wird sie zwangsläufig stimmschwächer, aber das stört nicht im geringsten. Aus der Entfernung, die eine Arena wie diese mit sich bringt, wirkt sie tatsächlich, als sei die Zeit nahezu spurlos an ihr vorüber gegangen. Und immer wieder bricht die lustbetonte, explosive, verruchte „Acid Queen“ durch.

Für das zweite Berlin-Konzert gibt es noch Restkarten

Sie gönnt sich und dem Publikum eine längere Pause, beginnt den zweiten Teil des Abends mit einer Art Unplugged-Session im Sitzen mit Reminiszenzen an die sechziger und siebziger Jahre – und einigen der besten Momente dieses Konzerts. „Help“ von den Beatles fleht sie, „Jumping Jack Flash“ von den Rolling Stones singt sie und eine ungeheuer treibende, rollende Version von „I Can’t Stand The Rain“ gehört auch dazu.

Bevor die Showmaschine noch einmal mit voller Wucht angeworfen wird mit „Addicted to Love“, „Simply The Best“ und „Proud Mary“. Und natürlich – für eingefleischte Tina-Turner-Fans selbstverständlich – gibt es „Nutbush City Limits“ im Zugabenblock, jene rüde rockende Hommage an ihren Heimatort in Tennessee, bei der sie auf einer gewagten hydraulischen Krankonstruktion hoch über den Köpfen der Massen schwebt und in luftiger Höhe gefährlich über einen Laufsteg tanzt. Das Publikum wird bei diesem Anblick vor Bewunderung und Begeisterung gleichermaßen geschüttelt. Hier wird einer Rock-Diva gehuldigt. Was für eine Rückkehr.

Auch am Dienstag wird sie noch einmal die Hauptstadt rocken. Die Ankündigung, dass Tina Turner erneut auf Tournee gehen wird, galt als Sensation, die Karten waren laut ihrer offiziellen Webseite in Rekordzeit ausverkauft. Doch nach Angaben der O2 World gibt es für den zweiten Auftritt (20 Uhr) noch einige Resttickets – ab 70 Euro.

Die Rock-Queen hatte ihre Europa-Tournee vor rund anderthalb Wochen in Köln gestartet. Die nächsten Stationen sind: Hamburg, Wien, Zürich, München, London und Paris.