Wer vielleicht gerade an diesem Wochenende pflastermüde geworden ist vom Zug um die Häuser beim umschwärmten Gallery Weekend, dem sei ein Kontrastprogramm der eigenen Art empfohlen: Natur pur, ein künstlerischer Ausflug auf die verwunschene Pfaueninsel, idyllisch inmitten der Havel gelegen, einst Sehnsuchtsort der Königin Luise und ihres Mannes Friedrich Wilhelm III.. Beide verbrachten hier oft den Sommer.
Das preußische Paradies ist Naturschutzgebiet, seit zwanzig Jahren auch Unesco-Welterbe und kulturgeschichtlich einzigartig. Hier auf der Insel mischen sich Elemente und Einflüsse aus aller Welt und aus verschiedenen Zeiten zu einer pittoresken Kulisse, so, als sei die Insel ein exotisches Operettenhäuschen mitten im Wasser. Das antike Rom ersteht wieder auf - das Schloss wurde als "verfallenes römisches Landhaus" realisiert, fremdländische Pflanzen unterstützen Weltenflucht und Weltensehnsucht.
Lebendige Verbindungen
Im Luisenjahr kam die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten auf die schöne Idee, die Insel von zeitgenössischen Künstlern bespielen zu lassen, in der Hoffnung eine lebendige Verbindung zwischen der Historie und heute herzustellen. Neben dem Schloss und der Meierei sind erstmals Parkgebäude wie der Beelitzer Jagdschirm und das Kavaliershaus für die Öffentlichkeit zugänglich. Und der Lennésche Rosengarten wird dieses Jahr mit einem plus an 400 Rosenstämmen neu erblühen.
Eigentlich sollte man bereits ab S-Bahnstation Wannsee den Bus der Linie 218 nehmen, ein alter Einmannbus, hier schon beginnt die Reise in die Vergangenheit. Kaum mit der Fähre übergesetzt, schon klopft ein Specht, und im nächsten Moment breitet ein Pfau vertrauensvoll das schillernde Gefieder vor uns aus. Der Gärtner am Rande des Weges harkt derart selbstvergessen vor sich hin, als wäre er nicht von dieser Welt.
Die Kunst, die im Freien oder in/ an den Gebäuden angebracht wurde, ist nicht mehr als eine Intervention. Wie die Parkbank von Christian Engelmann vor dem Kavaliershaus. Wenn man sich setzt, fällt der Blick aufs Wasser. Eine wunderbare Panorama-Sitzgelegenheit, schöne Idee. Mit einem Haken, nach nur einer Minute kippt die Bank den Besucher nahezu von der Sitzfläche. Engelmanns Konstruktion mag technisch kniffelig sein, aber der künstlerische Mehrwert lässt doch zu wünschen übrig. Ebenso wie Sylvie Bussieres große Schachfiguren, die sie vor dem Schloss positioniert hat. Ein Spiel mit der Macht, auf das die Königin als Dame (!) verweisen soll.
Eicheln aus Zement
Robert Stieve hat unter einer alten Eiche Hunderte Eicheln aus Zement in Übergröße ausgelegt. Den Mythos vom "Baum der Deutschen" kann jeder für sich frei assoziieren. Manches ist witzig, anderes reichlich banal wie die gepflanzte "Hortensien-Armee" von Martin Weimar in blauen Tonnen - eines leisten die Arbeiten dennoch: Auf den Spuren der Künstler begibt man sich sehr bewusst auf den Weg über die Insel, die auch für den Berliner noch viele Geheimnisse bürgt.
Etwa die Geschichte von Johann Kunckel, ein Alchimist, der hier schon im 17. Jahrhundert auf der ansonsten unbewohnten Insel sein Laboratorium eingerichtet hatte zur Herstellung von Goldrubinglas. Das Betreten des Refugiums war bei Strafe verboten. Kunckels einstiges Domizil will erst einmal gefunden werden.
Pfaueninsel in Berlin, Nikolskoerweg. Mai bis August, tgl. 8-21 Uhr. Sep. tgl. 9-19 Uhr. Okt. 9-18 Uhr. Bis 31. Oktober.




