Judenverfolgung

Das Rätsel um die verlorene Tochter der Hohenzollern

Als Mädchen musste Eve Haas vor den Nazis nach England fliehen. Jahre später stieß sie auf ein Familiengeheimnis: Ihr Ururgroßvater war Prinz August von Preußen.

Foto: muir vidler

Dem Schlüssel zum Geheimnis ihrer Herkunft begegnete Eve zum ersten Mal, als sie 16 war. Ihr Vater zeigte ihr ein Buch. „Vorsichtig, Eve, es ist sehr alt“, sagte er und legte das Erbstück seiner einzigen Tochter in die Hand. Auf dem silberbeschlagenen Einband prangte ein prächtiges Familienwappen, auf der ersten Seite stand eine merkwürdige Widmung: „Die schöne Besitzerin dieses Buches ist mir kostbarer als mein eigenes Leben – August, Dein Beschützer.“

Warum ihr Vater Hans Jaretzki das ausgerechnet an einem Morgen im Herbst 1940 erzählte, weiß Eve Haas bis heute nicht. Vielleicht lag es daran, dass ihrer beider Leben gefährdet war: Ihr Herkunftsland Deutschland und ihre neue Heimat England lagen im Krieg.

Leicht hätte das Buch zerstört werden können, womöglich hätte Eve die Familiengeschichte nie erfahren: Der Schreiber der Widmung war der 1843 verstorbene Hohenzollern-Prinz August von Preußen, Eves Ururgroßvater. „Er hat Emilie Gottschalk geheiratet, die Tochter eines jüdischen Schneiders“, sagte Jaretzki. „Wir wissen kaum etwas darüber. Die Aufzeichnungen im Buch stammen von der gemeinsamen Tochter Charlotte.“

Verwandtschaft mit Friedrichs dem Großen

Die Eltern verpflichteten Eve damals zum Stillschweigen. Das war gar nicht so einfach: Immerhin bedeutete die Abkunft vom jüngsten Neffen Friedrichs des Großen sogar eine entfernte Verwandtschaft zum englischen Königshaus. Knapp 70 Jahre später sitzt mir im Foyer eines Londoner Hotels eine freundliche alte Dame gegenüber. Wir könnten Deutsch sprechen, nichts von ihrer Muttersprache hat Eve Haas verlernt. Aber sie entscheidet sich für Englisch, ihrem Sohn Timothy zuliebe. Dem heute 57-Jährigen hat sie die Geschichte einer Spurensuche diktiert, die vor zwei Jahren in England erschien und dieser Tage auch auf Deutsch im Heyne-Verlag herauskommt.

„Das Geheimnis des Notizbuchs“ ist eine wunderliche Mischung aus Detektivgeschichte, Familiendrama, Emigrantenschicksal und natürlich Historienroman geworden. Vor allem aber stellt das Buch eine Hommage an Eves geliebte Großmutter Anna dar, das einzige Mitglied ihrer nächsten Familie, dem die Flucht vor dem Rassenwahn der Nazis nicht vergönnt war.

Mit 78 Jahren, schwer verkrüppelt von Arthritis, musste Anna Jaretzki noch den Gewaltmarsch ins KZ Theresienstadt absolvieren, wo sie im Sommer 1942 starb. Dabei war sie nicht einmal jüdischer Abstammung. Im Pass steht als Geburtsort Breslau, aber hier in Berlin wuchs sie auf.

Eva Haas kam als Tochter von zwei Berlinern auf die Welt. Wer die alte Dame plaudern hört über das Verhältnis zur Stadt ihrer Kindheit, spürt sofort: Berlinerin ist sie geblieben, trotz der Vertreibung durch die Nazis, des Neuanfangs in London und der mittlerweile beinahe 80-jährigen Verwurzelung in der neuen Umgebung. Haas wurde im Intellektuellen-Viertel Hampstead erwachsen und lebt heute im gutbürgerlichen Stadtteil Highgate, umsorgt von ihrem Sohn Timothy.

Sie ist zufrieden mit ihrem Leben. Und dennoch: Zu den eindringlichsten Passagen ihres Buches zählen die Beschreibungen aus ihrer Kindheit in Charlottenburg. Wo genau? „Stormstraße 3, erster Stock”, kommt sofort die Antwort.

Erinnerungen an die Hitler-Jugend

In ihrem Buch schildert sie die Begeisterung über die vermeintliche nationale Erneuerung, die sich im Frühjahr 1933 auch an ihrer Schule breitmachte. „Natürlich trug auch ich das Abzeichen ,Ja zu Hitler' und riss mich um die Ehre, bei der wöchentlichen Wanderung durch den Grunewald die Nazi-Fahne tragen zu dürfen.“ Ihr Lehrer zögerte; es war bekannt, dass Eves Familie jüdisch war. Dann willigte er ein.

Es war der gleiche Mann, der eines Tages in Schaftstiefeln und SA-Uniform die Treppe heraufstampfte und den Kindern erklärte: „Von nun an beten wir nicht mehr zu Gott. Wir beten zu Adolf Hitler.“ Haas kann ihm nicht böse sein, nicht nach so langer Zeit. Als der Abschied kam, zitierte er die künftige Exilantin ans Pult, nahm sie in den Arm und sagte: „Heute verliere ich eine meiner besten Schülerinnen.“

Hans Jaretzki, Eves Vater, war ein talentierter Architekt in Deutschland gewesen. In seiner Geburtsstadt Berlin gehörte er zum Bauhaus-Kreis, gestaltete unter anderem eine Siedlung in Weißensee (Jacobsohnstraße). Das Judentum spielte für ihn und seine Frau Margarethe keine Rolle. Glücklicherweise waren ihre Eltern trotzdem politisch wach genug, um das kommende Unheil zu sehen. Dank guter Verbindungen zum damaligen britischen Botschafter Eric Phipps, dessen Landhaus am Wannsee er gebaut hatte, erhielt Eves Vater die Arbeitserlaubnis in Großbritannien. Nach Deutschland kehrte er nur noch einmal zurück, kurz vor seinem Tod 1956.

Die längst erwachsene Eve hatte unterdessen den deutschen Emigranten Ken Haas geheiratet. Immer wieder ging ihr die geheimnisvolle Herkunft ihrer selbst durch den Kopf, aber erst 1973 – ihre Mutter war gestorben, Ken ging in den Vorruhestand, die Söhne wurden selbstständig – nahm Eve Haas wieder einmal das Familienerbstück zur Hand und entschloss sich, das Geheimnis zu lüften. Die erste Etappe war ermutigend: Zwei Genealogen von „Burke's Peerage“, dem Standardwerk über Europas Adel, bestätigten die Echtheit der Widmung.

Sie stammt vom 1779 geborenen Prinzen August, der als kleines Kind seinen königlichen Onkel, den Alten Fritz, entzückte und zu einem schneidigen Soldaten heranwuchs. Als General der Artillerie unterstützte er die preußischen Heeresreformen und genoss das Ansehen seiner Truppe – so sehr, dass ihn später der englische Feldherr Wellington bei einem London-Besuch nach dem Geheimnis seiner Führungsstärke ausfragte.

Der steinreiche August ließ sich in sein Schloss Bellevue die erste Dampfheizung Berlins einbauen. Nicht nur Soldaten lagen dem verschwenderischen Lebemann zu Füßen. August war auch ein Frauenheld, der sich wenig um Konventionen scherte. Zweimal ging er Zivilehen ein, zeugte mindestens ein Dutzend Kinder, darunter auch eines mit der Tochter seines jüdischen Schneiders Gottschalk.

War dies Eves Vorfahrin? In England gab es kein Vorankommen. Im Dahlemer Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz bekam sie eine entmutigende Auskunft: „Die Papiere zu August hat das DDR-Zentralarchiv in Merseburg unter Verschluss, da kommen Sie nicht dran.“ Da kannten sie Eve Haas aber schlecht. Denn diese Frau lässt sich nicht so einfach entmutigen.

Weil telefonisch keine Auskunft zu bekommen war, machten sich die Briten deutscher Abstammung kurzerhand via Checkpoint Charlie auf den Weg – aller Abscheu gegenüber dem zweiten totalitären Staat auf deutschem Boden zum Trotz. Mit bestimmtem Auftreten erhielten sie sogar einen Termin beim zuständigen DDR-Minister, der sich von der sonderbaren Geschichte der jüdischen Emigranten beeindrucken ließ und die Genehmigung erteilte. Nach jahrelanger geduldiger Kleinarbeit hatte Eve das Undenkbare geschafft: Die Akte August von Preußen lag im Merseburger Lesesaal vor ihr.

Was Eve aus diesen Akten und aus Kirchenbüchern und alten Chroniken mühsam zusammenpuzzelte, widerlegte die hergebrachte Familienüberlieferung. Das prächtige Tagebuch hatte August nicht der Schneidertochter geschenkt, sondern Emilie von Ostrowska, einer polnischen Kleinadligen.

Tabu-Bruch und Verrat des Geheimnisses

Auch mit ihr lebte der 38 Jahre Ältere zusammen und richtete ihr einen Wohnsitz an der Wilhelmstraße ein. Im brandenburgischen Landschloss Prillwitz brachte sie 1838 die gemeinsame Tochter Charlotte zur Welt. Registriert wurde das Kind aber weder unter Augusts noch Emilies Namen, sondern als Charlotte Gottschalk, Tochter des „Schuhmacherlehrlings August Gottschalk“. In der Familie des jüdischen Schneiders wuchs Eves Urgroßmutter später in Hamburg auf. Womöglich wollte der alternde Prinz das Mädchen vor den Nachstellungen misstrauischer Höflinge schützen, die Ansprüche auf Augusts Millionenerbe fürchteten. Es fiel, mangels legitimer Kinder, an König Friedrich WilhelmIV. zurück. Aber der Hof musste damit rechnen, dass eine polnische Adlige vor Gericht größeren Erfolg haben könnte als Augusts bürgerliche Ehefrauen.

„Ich bin mir sicher, dass Emilie nie aus Gier nach Macht oder Reichtum gehandelt hat“, sagt Haas und projiziert damit ihre eigenen Gefühle in die Vorfahrin. Bei Hof hätte man sich darauf wohl lieber nicht verlassen. Oder fühlte sich die erst 21-jährige Emilie der Mutterrolle nicht gewachsen? Man weiß es nicht.

Was dem Schutz des Neugeborenen gedient haben mag, wurde tragischerweise gut 100 Jahre später ihrer Tochter, Eve Haas' Oma Anna, zum Verhängnis: Weil sie als Jüdin fühlte und lebte, geriet sie in die Mordmaschinerie der Nazis. Die direkte Nachfahrin eines mächtigen Prinzen aus der preußischen Herrscherfamilie fiel wie Millionen andere dem Vernichtungskrieg zum Opfer. Eve ließ 2005 für die geliebte Oma Anna eine Gedenktafel im früheren KZ Theresienstadt anbringen. 65 Jahre nach der ersten Begegnung mit dem geheimnisvollen Buch war ihre Reise in die Vergangenheit zu Ende.

Gegen den Willen ihres Vaters hat Eve Haas das Tabu gebrochen, die Geschichte ihrer Familie nicht nur recherchiert, sondern auch veröffentlicht.

Doch fühlt sich Eve Haas heute als Deutsche oder als Engländerin? Die Antwort ist very british: „Ich habe einen englischen Pass, mein Zuhause ist hier in England.“ Trotzdem hängt sie sehr an Deutschland. Die späte Geste des deutschen Staates, Heimatvertriebenen wie Haas wieder einen Pass mit dem Bundesadler auszuhändigen, freut sie bis heute.