Hollywood-Regisseur

Emmerich macht in Babelsberg Schluss mit Desaster

Erstmals seit 20 Jahren dreht Roland Emmerich in Deutschland - und zwar in Potsdam-Babelsberg. Er will beweisen, dass er noch etwas anderes kann, als Aktionfilme mit grandiosen Sepzialeffekten. Das neueste Projekt wird tatsächlich ein Shakespeare-Film. Ausnahmsweise durfen Besucher ans Set.

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Rhys Ifans schwitzt. Der britische Schauspieler, bekannt aus „Notting Hill“, sitzt im schweren elisabetanischen Kostüm in einem Holztheater. Zusammen mit 400 Komparsen. Von draußen drückt die Tageshitze, hier drinnen aber wird mit Kerzen und Fackeln Abendatmosphäre simuliert. Alle wedeln sich mit Fächern Luft zu und warten. Einer aber stapft höchst anachronistisch in Jeans und Basecap zwischen all den historischen Gewändern und ruft auf Englisch: „Alle kleinen Flaschen, alle Becher, alle Brillen bitte weg.“ Und Action.

Der da befiehlt, ist Roland Emmerich. Wir befinden uns im London des ausgehenden 16. Jahrhunderts, im Rose Theatre an der Themse. Wir befinden uns in Babelsberg, nicht weit vom Katjes-Werk entfernt. Emmerich dreht hier seinen Kostümfilm „Anonymous“. Monate lang hat er in London Motive aufgesucht, ließ dann aber alle britischen Sets hier aufbauen. London liegt in Babelsberg.

Es ist für Emmerich der erste Film in Deutschland seit 20 Jahren. 1990 zog er nach Kalifornien. Schon mit seinen drei Filmen zuvor hat er eigentlich immer US-Kino gemacht und wurde hierzulande als „Spielbergle von Sindelfingen“ belächelt. Dann aber warb ihn Hollywood an – und wirklich drehte er hier amerikanischer als die Amerikaner. Er gilt als Spezialist für Spezialeffekte, auch als „Master of Disaster“ wegen seines Hangs zum Katastrophenfilm. Und doch fühlt sich der Meister unverstanden, weil er sich in erster Linie als Geschichtenerzähler versteht, als „Storyteller“. Und nun, mit 55, will er es noch einmal allen beweisen, auch sich selbst, dass er ganz etwas anderes kann.

"Jetzt ist Schluss mit Desaster", hat er noch zum Kinostart seines letzten Spektakels „2012“ verkündet. Und sich einem Projekt zugewandt, das er schon lange hat verfilmen wollen: einen Film über Shakespeare. Welch Ironie: Emmerich legt sich gleich mit dem größten aller Storyteller an, in dem er den (wissenschaftlich fundierten) Spekulationen nachgeht, nicht er, sondern der Earl of Oxford. Dies soll ein illegitimer Sohn der gar nicht so jungfräulichen Queen Elizabeth I. gewesen sein, und weil das ein Staatsgeheimnis bleiben musste, wurde ein anderer als Autor der berühmten Stücke angegeben.

Nur Fotos sind absolut tabu

Jetzt schwitzen wir also im Rose Theatre und drehen „Roll 107 A, Szene 49/2“, Klappe die erste. Gerade wurde „Henry V.“ uraufgeführt, Oxford (ergo I-fans) sitzt in der Loge und sieht fassungslos zu, wie sich auf der Bühne Shakespeare, ein junger, völlig unbegabter Theatermensch (Rafe Spall) für sein Werk feiern lässt. Eine Schlüsselszene. Eine der statistenreichsten Sequenzen des Films. Und außerdem ist auch noch Bergfest. Sechs Wochen Drehzeit sind bereits vorbei, alle Szenen mit Vanessa Redgrave als Elizabeth I. sind schon abgedreht. Aber sechs weitere stehen noch bevor.

In jüngster Zeit hat Tom Cruise in Berlin „Walküre“ gedreht, Kate Winslet für „Der Vorleser“ vor der Kamera gestanden und Quentin Tarantino in Babelsberg seine „Inglourios Basterds“ inszeniert. Lauter internationale Großprojekte. Immer aber war es das Gleiche: Das Medieninteresse war enorm, doch niemand durfte einen Blick auf den Dreh erhaschen. Sony Pictures will es bei „Anonymous“ nun besser machen, und doch wieder nicht. Man öffnet die Tore, gibt einen Einblick. Aber: Kein Foto darf geschossen werden. In dieser Hinsicht steht man den anderen Produktionen in nichts nach. Die Macht der Bilder will man sich nicht nehmen lassen.

Dafür dürfen wir bei den verschiedenen Klappen dieser Schlüsselszene zusehen. Wir hocken später mit der Kostümbildnerin Lisy Christl zwischen drei prächtigen Queen-Gewändern und hören sie von ihrer neuen Liebe für Spitzen schwärmen - und dass sie nach diesem Kostümfilm eigentlich nichts anderes mehr machen will. Wir sitzen auch bei Sebastian Krawinkel, dem Au-statter, der uns voller Stolz all die Pappbauten präsentiert, nach denen die Sets aufgebaut wurden. Und erklärt, wie man aus dem kleineren Rose Theatre später das voluminösere Globe Theatre umbastelt. „Revamp“ nennt man das. Wir sind schließlich noch zu Gast bei Volker Engel und Marc Weigert, Emmerichs Effekt-Spezialisten, die das restliche London digital wiederauferstehen lassen. Vor der Kamera nur internationale Stars, zu denen auch Derek Jacobi, Michael York und Jeremy Irons zählen. Hinter der Kamera aber fast nur Deutsche, die nach dem sehr effizienten, eben schwäbischen Budget des Regisseurs arbeiten.

Für den ist „Anonymous“ so eine Art Heimkehr. Vor kurzem hat der Wahlkalifornier ja auch ein Zelt in Berlin aufgeschlagen. Und „Anonymous“ soll nun die große Wende in seiner Karriere bringen, soll ihn als Storyteller durchsetzen. Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Eines kann man aber schon mal sagen: „Anonymous“ wird kein weiterer Katastrophenfilm. Höchstens für einige englische Professoren.

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