Kommissarin Johanna Herz wirft das Handtuch. Sie ist leer, ausgebrannt, könnte eigentlich den ganzen Tag lang nur heulen. Nach einem schwierigen Fall packt sie ihre Sachen und geht. Am Ende läuft sie mit einem Kaktus im einen und einem Pappkarton im anderen Arm über den Innenhof ihrer Dienststelle. Abspann. Viele Potsdamer, die im November vorigen Jahres die Folge „Fremde im Spiegel“ des Polizeirufs 110 sahen, wussten Bescheid: In Wahrheit war Schauspielerin Imogen Kogge, die die Kommissarin darstellt, über den Innenhof des Potsdamer Stadthauses gegangen.

„Unser Stadthaus ist seit vielen Jahren ein gefragter Drehort“, sagt Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Nicht nur in mehreren Polizeiruf-Episoden diente sein Dienstsitz als Kulisse oder Ort der Handlung. Szenen des Fernsehfilms „Das perfekte Gedächtnis“, der ARD-Reihe „Pfarrer Braun“, der ZDF-Spielfilme „Liebe ist nur ein Wort“ und „Der Test“, des Spielfilms „Vater aus heiterem Himmel“ und der Daily-Soap „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ sind hier entstanden. Eine Fahne, die der Oberbürgermeister in dieser Woche vor dem Stadthaus aufgezogen hat, weist nun einen Monat lang auf den gefragten Drehort hin. Mit dem Hissen hat das Stadtoberhaupt außerdem auch den Startschuss gegeben für das Themenjahr „Potsdam 2011 – Stadt des Films“.

Der erste Film hieß „Totentanz“

Zwar feiert Studio Babelsberg erst im nächsten Jahr sein 100-jähriges Bestehen: 1912 fiel die erste Klappe für den Stummfilm „Totentanz“ mit Asta Nielsen in der Hauptrolle. „Aber im November 2011 wurde der Grundstein für das erste Filmstudio gelegt“, sagt Sigrid Sommer, in der Potsdamer Stadtverwaltung zuständig fürs Marketing.

Mit mehr als 130 Veranstaltungen – so viele weist das Programmheft aus – wollen die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (HFF), der Filmpark Babelsberg, das Filmmuseum Potsdam und zahlreiche weitere Akteure den Film in Potsdam ein Jahr lang feiern. Weitere Events seien noch in Planung, kündigte die Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer an, die das eigens fürs Themenjahr eingerichtete Projektbüro leitet. Mit rund einer halben Million Euro schlagen die Veranstaltungen zu Buche. 100.000 Euro steuere die Stadt aus ihrem Marketingetat bei, sagt Prommer. Die übrige Summe hätten Partner und Sponsoren bereitgestellt.

Neben den Fahnen, die alle vier Wochen über einem neuen „Filmschauplatz des Monats“ wehen, können von Juni bis September auch bei Freilichtkinovorführungen an Originalschauplätzen Drehorte neu- oder wiederentdeckt werden. Im August beispielsweise wird „Effi Briest“ im Schlosspark Marquardt auf Leinwand zu sehen sein. Schlüsselszenen des 2009 neu verfilmten Romans von Theodor Fontane wurden im Schloss und im Park in Marquardt gedreht. Im September wird die Leinwand im Innenhof des Großen Waisenhauses zu Potsdam aufgebaut: 1931 entstand hier der Spielfilm „Mädchen in Uniform“.

Zur „Agentennacht an der Glienicker Brücke“ laden der Filmpark und das Deutsche Filmorchester Babelsberg am 14. Mai ein. Als Schauplatz deutsch-deutscher Geschichte in zahlreichen Filmen präsent, soll dort ein „ungewöhnliches Spektakel aus Musik, Stunts, Pyro- und Spezialeffekten“ inszeniert werden. Am 21. Mai präsentieren sich die Unternehmen der Medienstadt Babelsberg erstmals mit einem gemeinsamen Tag der offenen Tür.

Der Potsdam Tourismus Service wartet mit Film-Stadtrundfahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Ebenso neu hinzu kommt die Stadtführung „Filmstars, Staatsgrenzen und Stalin-Villa – Die Villenkolonie Neubabelsberg“. Der Lindenpark und die Thalia-Programmkinos schicken mit ihrer Reihe „Film-Schatzsucher“ vom 30. April bis 30. September Filmfans in die Spur, die mittels GPS-Geräten nach verstecktem Zelluloid fahnden – Geocaching als moderne Form eines Filmtauschrings.

Und zum Film „Die Welle“ verwandelt sich gar das Schwimmbad am Brauhausberg in einen Kinosaal. Auf luftgefüllten „Kinosesseln“ im großen Becken können die Besucher dann den Streifen anschauen.

In Kooperation mit der Medienwerkstatt will man auch Kinder und Jugendliche an den Film heranführen. So soll an jeder Potsdamer Schule eine Film-Arbeitsgemeinschaft eingerichtet werden. Noch bis Ende Januar können interessierte Lehrer ihre Teilnahme an dem Projekt „freiTag“ anmelden. Zudem machen Professoren der Filmhochschule, Mitarbeiter des Filmmuseums und Filmschaffende bei der „Kinderfilmuniversität“ Kinder zwischen neun und zwölf Jahren in Vorlesungen spielerisch mit den Grundlagen des Filmemachens vertraut.

Neue Dauerausstellung

Am 3. November – genau 100 Jahre nach der Grundsteinlegung des ersten Ateliers – eröffnet das Filmmuseum seine neue Dauerausstellung zur Potsdamer Filmgeschichte mit dem Titel „Die Traumfabrik – 100 Jahre Film in Babelsberg“. Auch die Sonderausstellung „Film ab in Babelsberg!“, bei der die Dreharbeiten als Herzstück der Filmproduktion im Mittelpunkt stehen, öffnet dann ihre Pforten. Drei Sets aus drei Epochen Babelsberger Filmgeschichte sollen aufgebaut werden.

„Mit dem Programmangebot zum Potsdamer Filmjahr wollen wir Anreize schaffen, die eigene Stadt besser kennen zu lernen oder Potsdam unter neuen Aspekten als Reiseziel zu entdecken“, sagt Sigrid Sommer.