ROC

Berliner Rundfunk-Orchestern droht die Insolvenz

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Volker Blech und Stefan Kirschner

Die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) steht vor der Zerschlagung. Bundesmittel sind gesperrt - und das Geld fehlt den Ensembles. Nun wird sogar schon von Insolvenz gesprochen. Doch die Haushaltspolitiker lassen sich wohl nicht unter Druck setzen.

Erste Kollateralschäden sind bereits auszumachen: Chefdirigent Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin haben dieser Tage ihre Mitwirkung bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten aufkündigen müssen. Ihre Trägergesellschaft, die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC), gerät gerade in eine finanzielle Schieflage. Beteiligte mutmaßen, dass die ROC in die Insolvenz getrieben wird. Der Hintergrund ist, dass der Bund bereits zugesagte Zuschüsse gesperrt hat. Intern haben bereits die Verteilungskämpfe unter den Klangkörpern begonnen.

Die ROC-Konstruktion, die nach der Wiedervereinigung als Berliner Auffanggesellschaft für zwei Orchester und zwei Chöre gebildet wurde, steht vor der Zerschlagung. Ein erster Versuch der Gesellschafter, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) zu fusionieren, scheiterte im Dezember vergangenen Jahres schon im Ansatz. Nicht zuletzt durch eine Indiskretion. Später favorisierte Deutschlandradio-Intendant Willi Steul, er vertritt den Hauptgesellschafter, die Aufteilung der vier Klangkörper auf drei der vier Gesellschafter. Der kleinste, der finanzklamme RBB, wäre bei dieser Konstruktion fein raus, weil er nicht mehr zahlen müsste.

Mit den finanziellen Auswirkungen dieser Aufteilung beschäftigt sich gerade eine Arbeitsgruppe, die die Gesellschafter, darunter auch das Land Berlin und der Bund, eingesetzt haben. In der kommenden Woche wollen die Gesellschafter über das Gutachten intern diskutieren. Dann wird eine leidenschaftliche öffentliche Debatte erwartet.

Die Orchestergewerkschaft (DOV) hat jetzt bereits auf die aktuelle Gefährdung des Spielbetriebs hingewiesen. Ursprünglich sollte der Tag des Gutachtens wohl der 23. April sein. Dass es zu Verzögerungen gekommen ist, dementiert Deutschlandradio-Intendant Willi Steul: Das Gutachten sei immer für Ende April avisiert worden, „aber wir haben noch nicht Ende April“, ließ Steul mitteilen.

Orchester versuchen zu retten, was zu retten ist

Der Intendant sieht die Lage der ROC naturgemäß weniger dramatisch, spricht davon, dass es bei den gesperrten Mitteln „lediglich um den Bundesanteil der Zuschusserhöhung geht“. Diese zwei Millionen Euro hatte der Haushaltsaussschuss des Bundestages mit den Stimmen der Regierungskoalition - und zum Entsetzen der eigenen Kulturpolitiker - im Februar gesperrt.

Die DOV forderte jetzt unverzüglich die Freigabe der Mittel, weil der Spielbetrieb in Gefahr sei. Monika Grütters (CDU), die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, hält diese Drohgebärde der Gewerkschaft für unklug. Haushaltspolitiker ließen sich in diesen schwierigen Zeiten nicht gern unter Druck setzen.

Petra Merkel (SPD), Vorsitzende des mächtigen Haushaltsaussschusses, die seinerzeit wie die anderen Oppositionsvertreter gegen diese Sperrung votiert hat, erwartet jetzt eine klare Position des Bundes, schließlich sei er der zweitgrößte Gesellschafter. Merkel will das Thema ROC bald im Ausschuss besprechen, damit die Mittel „noch vor der Sommerpause entsperrt werden könnten“.

Ob der Ausschuss da mehrheitlich mitmacht, bleibt unberechenbar. Denn die momentan favorisierte Variante der Bundesübernahme des DSO dürfte langfristig zu steigenden Kosten führen. Derweil versuchen die beiden kostenintensiven Orchester zu retten, was zu retten ist. Das DSO muss für den scheidenden Chefdirigenten Ingo Metzmacher schnellst möglich einen Nachfolger finden. Ob bereits am Donnerstag – bei der Jahrespressekonferenz – das Arrangement mit Tugan Sokhiev verkündet werden kann, ist noch ungewiss. Es wäre den Musikern angesichts bevorstehender Verhandlungen zu wünschen.