Maxim Gorki Theater

Jan Bosse inszeniert Kleist kompromisslos komisch

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Katrin Pauly

Foto: picture-alliance / Eventpress Ho / picture-alliance / Eventpress Ho/Eventpress Hoensch

Ein Lustspiel wie aus dem Buche: Regisseur Jan Bosse hat seine Zürcher Inszenierung von Kleists "Der zerbrochne Krug" erstmals am Berliner Maxim Gorki Theater aufgeführt. Dabei überzeugte vor allem Edgar Selge als Dorfrichter Adam. Er begann das Stück bereits im Theaterfoyer – und zwar nackt.

Zum Teufel aber auch, was für ein Sündenfall! Hier hat nicht eine nur zart am Äpfelchen geknabbert, hier ist einer kräftig der Länge nach hingeschlagen. Das Haupt voll Blut und Wunden, blau-violette Prellungen am ganzen Körper, im Adamskostüm ist das nur schwer zu verbergen. Splitternackt turnt Edgar Selge, derweil das Publikum noch mit dem Einlass rechnet, über den Garderobentresen im Foyer des Maxim Gorki Theaters und als er einen Spiegel trifft, fällt ihm für seinen Zustand das einzig passende Wort selbst ein: "Unlieblich".

Dorfrichter Adam hat in Heinrich von Kleists "Zerbrochnem Krug" einiges zu verhüllen. Fürs Erste spendiert Jan Bosse, der seine Zürcher Krug-Inszenierung jetzt fürs Gorki Theater adaptierte, dem Adam mal einen weißen Anzug. Und den Zuschauern nun auch den Einlass in den Theatersaal, in dem eine Art Dorfdisco ihre Spuren in Form von Luftballons und einer heimtückisch-rutschigen Lache Erbrochenem hinterlassen hat (Bühne: Stéphane Laimé). Flugs wird der Mehrzweckraum zum Gerichtshof umgebaut und die Sache nimmt ihren bekannten Lauf: Der Richter muss den Fall des Krugs verhandeln, der der Frau Marthe Rull zu Bruch ging. Offenbar hatte ihre Tochter Eve ungebührlichen Herrenbesuch, der Verdacht fällt auf den Verlobten Ruprecht, in Wahrheit war aber der Adam selbst in einer Mischung aus Amtsmissbrauch und Lüsternheit Eves nächtlicher Besucher.

Und weil das sowieso so offensichtlich ist, versucht Bosse gar nicht erst, eine "Whodunit"-Story draus zu drehen, das Verwirrspiel der verzögerten Erhellungen verlagert er lieber gleich ins Dramaturgische, indem er die Sause nicht nur unerwartet im Foyer startet, sondern später über die angekündigte Pause einfach hinweg spielen lässt und selbst nach dem Schlussapplaus die Zuschauer noch zurück auf die Plätze beordert. Sowieso ist das Publikum, das sich im großen Spiegel an der Bühnenrückwand selbst beobachtet, Teil der Inszenierung.

Jan Bosses "Krug" ist ein Lustspiel wie es im Kleistschen Buche steht, kompromisslos komisch und wie er hier inszeniert ist, trägt der Text das vollkommen. In dieser Kleinstadt Huisum ist die Welt ein Schwank, so dass der Richter gar kein andrer sein kann als ein Hallodri-Adam, den Edgar Selge mit saftiger Unverfrorenheit und schamlos sonnigem Gemüt ausstattet. Dass seines kleinen Paradieses letztes Stündlein geschlagen hat, mag der Sünder eben so wenig glauben, wie der Schmetterling, der am Premierenabend frühlingsfroh-unbekümmert hartnäckig durch die Kulisse flatterte.

Selge ist der darstellerische Fixstern des Abends, aber wie wunderbar gelingt es ihm (man vergleiche dazu Brandauers monolithische Darstellung in Peter Steins Inszenierung am Berliner Ensemble), allen anderen ihren Raum zu lassen. Vor allem Jean-Pierre Cornu als Gerichtsrat Walter mit seinem weiß bandagierten moralischen Kontrollfinger gibt im Vertreteroutfit einen zwar knochentrockenen, doch sehr konturierten Widerpart ab, von dem sich Ronald Kukulies als Schreiber Licht immerhin schon die Frisur und das Brillenmodell abgeguckt hat. Franziska Walser interpretiert Frau Rull im knappen Jeans-Overall als eine Art patente Marthe aus Marzahn und die Kinder Eve und Ruprecht (Britta Hammelstein und Matti Krause) gehen als klassische Vorstadt-Teenies durch.

Allein der Jugend sind kurze tragische Momente gestattet, was dem insgesamt klug austarierten Personentableau noch den letzten Schliff gibt und das Ganze vor der Klamotte bewahrt. Jan Bosse nimmt die Sache ernst in ihrer ganzen Komik, da hat Frau Marthe schon ganz recht: Schließlich geht's hier um unsere Kultur.

"Der zerbrochne Krug", Maxim Gorki Theater (Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte), Termine am 8. und 28. April, 11. Mai und 2. Juni jeweils um 19.30 Uhr. Mehr Informationen unter Telefon 030/20221115.